Review: Ys: Memories of Celceta – Hohe Tannen

weisen die sterne

Kennst du Adol Christin? Nach Link und dem gelben Punkt in Adventure ist er derjenige, der das Genre des Action-Rollenspiels begründet und maßgeblich beeinflusst hat, und es bis heute prägt. Die GameStar kennt ihn nicht, was schon etwas peinlich ist.

Laut denen ist ist im ARPG-Genre zwischen 1980 und 1997 absolut nichts passiert. Dabei ist Adols erstes Abenteuer von ’87 sogar ein PC-Game. Mit Konsolen-Unkenntnis rauswieselsbergern können die sich also nicht. Doch genug der Resignation vor Mainstream-Medien.

Adol und Duren brechen auf, um den Wald zu erkunden.

Das Zeitalter der Entdeckungen

Entdecken wir lieber was! Hier gibt es nämlich so viel zu entdecken, gerade wenn du die Reihe noch nicht kennst. Entdeckung und Abenteuerlust sind Hauptmotive, die sich durch die gesamte Serie ziehen. Unser Protagonist Adol hat in seiner nun über dreißigjährigen Karriere Türme bestiegen, unbekannte Inseln kartografiert, den Sprungknopf und die Schlagtaste entdeckt. In den ersten Folgen auf PC-88, Master System und PC-Engine ist er nämlich noch einfach in seine Gegner reingelaufen, um Schaden zu verursachen. Klingt aus heutiger Sicht kurios, hat aber funktioniert. Seine größte Errungenschaft feierte er 2016 in Ys VIII: Lacrimosa of Dana, als er die dritte Dimension entdeckte.

Okay, das klang jetzt etwas polemisch. Eigentlich sind die Yse nach Ark of Napishtim (PS2) 3D-Spiele. Die Welt besteht aus Polygonen, nur halt mit schräger fester Zelda-Kamera. Der vorliegende Teil leistet sich hier schon eine gewisse Dynamik, zoomt etwa dicht heran wenn du durch eine enge Höhle tauchst. Frei steuern kannst du die Kamera aber nicht, abgesehen von ein paar Zoomstufen. Stell’s dir vor wie God of War.

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Mit Memories of Celceta spielen wir den achten Teil der Traditionsserie, welcher eigentlich ein Remake des vierten ist und 2012 für die Playstation Vita veröffentlicht wurde. Seither war es mein Lieblingsspiel für das System, dicht gefolgt vom oft verkannten Killzone Mercenary und der großartigen DariusBurst-Umsetzung. Seit ich das kleine PSTV-Böxchen habe, wünsche ich mir dass ich die Memories of Celceta auch am großen Bildschirm erleben kann. Leider hat die Vita-Cartridge nie einen entsprechenden Patch erhalten. Mit dem nun erschienenen Playstation 4-Remaster ist dies nun endlich möglich.

Natürlich sieht ein Vita-Spiel in Full-HD für das verwöhnte Auge etwas ungelenk aus. Nachdem ich mich in den optischen Stil des Spieles eingepasst habe, hat die Optik aber wunderbar funktioniert. Farben, Proportionen und Lichtstimmungen passen einfach und wirken gut aufeinander abgestimmt. Die Optik des Spieles funktioniert, und das auch ohne Unreal-glänzende Polygon-Massen. Kleine Details wie wechselnde Tageszeiten sorgen zusätzlich für Atmosphäre.

In den Kämpfen explodiert der Bildschirm vor Spezialeffekten. Übersichtlich bleibt es trotzdem.

Gedächtnisverlust- mal wieder

Was machen wir hier überhaupt? Unser Held Adol weiß das auch nicht so genau. Der Rotschopf hat nämlich sein Gedächtnis verloren. Klingt nach ultraklassischem JRPG-Klischee und ist es auch, aber so findest du als Spieler einen wunderbaren Einstieg. Du kannst mit Adol zusammen diese Welt und seinen Geist entdecken. Und ich liebe den Entwickler Nihon Falcom einfach für sein Festhalten an dieser herrlich biederen JRPG-Klassik – weil’s einfach funktioniert und ein heimeliges Gefühl von SNES-Rollenspielkindheit zaubert.

Nach dem schicken gezeichneten Vorspann sehen wir einen sichtlich derangierten Adol durch die Tore der Festungsstadt Casnan schlurfen. In der örtlichen Kneipe gibt ihm sein Kumpel Duren einen Drink aus. Es ist ebenfalls ein wiederkehrendes Element, dass Adol in allen Ecken der Welt Leute kennt. Nachdem Adol von seinem Missgeschick erzählt hat, schlägt Duren einen Deal vor. Das hier herrschende Romun-Imperium möchte den nahen Wald kartografieren – jedoch hat kaum ein Kundschafter die grüne Hölle lebend wieder verlassen. Die Garnisonskommandantin Griselda, die für ihre schroffe Art von ihren Männern leidenschaftlich angebetet wird, verspricht uns Belohnungen für jedes kartografierte Stück Land. Duren bekommt glänzende Augen, und Adol kann sich in den Wäldern auf die Suche nach seinen Erinnerungen machen – Win-Win!

Unser Endgegner: Die Karte und ihre Prozentzahl.

Das Romun-Imperium erinnert sehr an das antike Rom, und so tun es viele Details in dieser Welt. Entfernungen werden in Spielen der Ys-Reihe seit jeher in Meyle und Krimeyle angegeben. Ich mag diesen leicht verfremdeten, aber doch im Hier und Jetzt verwurzelten Touch. So gibt es einen Kontinent namens Afroca, und Adol selbst stammt aus Garnan auf dem Kontinent Eresia – jup, Adol ist quasi Deutscher. Vielleicht sollte sich seinen Namen auch nicht allzu oft aussprechen. Dieses und andere Details aus seinem Leben erfährst du, wenn du die überall im Wald versteckten Erinnerungsblasen einsammelst. Sie schalten kurze Flashback-Sequenzen frei, in denen du etwa Adol als Kind an den Lippen eines Geschichtenerzählers kleben siehst, der von fernen Küsten und Abenteuern auf den Weltmeeren erzählt. Klar dass der Junge bald seinen Beutel schultert und sein armes Bauerndorf verlässt, um selbst auf Abenteuersuche zu gehen. Adol, der in anderen Serienteilen meist ein blasser, stummer Charakter ist, bekommt hier überraschend viel Background.

In den Erinnerungssequenzen lernen wir Klein Adol kennen.

Waldesleben

Kaum hast du den Wald betreten, offenbart sich die große Stärke der Ys-Serie: Das enorm schnelle, befriedigende Echtzeit-Kampfsystem. Bis zu zwei KI-Begleiter flankieren dich permanent. Sie haben eigene Waffen, Movesets und Talentbäume, und sie greifen selbstständig an und sammeln auch Beute. Du kannst jederzeit auf Knopfdruck zwischen ihnen wechseln, und hast mit jedem von ihnen ein leicht anderes Spielerlebnis. Duren ist der erste, später kommen unter anderem der mit einer scharfen Harpune kämpfende Fischerjunge Omza und die Jägerin Karna hinzu, die Adol in einem hoch in den Bäumen versteckten Wipfeldorf aufgabelt.

Du selbst kämpfst hauptsächlich mit Schlagknopf und Ausweichtaste .Über die Schultertasten kommen noch aufladbare Spezialattacken hinzu. Bei der Verteidigung hilft dir ein stark vereinfachtes Bayonetta-System. Drückst du im Augenblick eines Treffers X, so pariert Adol mit einem Flash Guard. Hältst du dabei noch den Stick in irgendeine Richtung, so flitzt Adol in einem Flash Move davon. Dieser verlangsamt für einen kurzen Moment die Zeit, und ermöglicht dir besonders starke Folgeattacken.

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Nach einiger Zeit im Wald wird deutlich, welche enorme Rollenspiel-Erfahrung Falcom in dieses Spiel hat einfließen lassen. Das Spielsystem ist maximal auf Komfort und Zugänglichkeit ausgelegt. Es ermöglicht dir, sehr lange im Wald zu überleben, zu kämpfen und Loot zu sammeln. Wenn du eine Weile stehen bleibst, so füllt sich dein Lebensbalken von selbst wieder auf. Das mag sich zuerst etwas OP anfühlen, aber finde erstmal ein Fleckchen, an dem du so lange ruhig stehen kannst. Und die stärkeren Monster liefern dir immer noch einen guten Kampf. Das Balancing ist vom Allerfeinsten.

Als enorm motivierend habe ich zudem das Lootsystem empfunden. Kennst du das, wenn du im Rollenspiel mit Tonnen von ewig gleichen Anfangs-Items zugeschmissen wirst? Irgendwann lohnt es sich nicht mehr sie zu verkaufen, und du sammelst nur noch weiter um zu sehen ob bei 99 Stück deine Inventarkapazität erreicht ist, oder doch erst bei 999. Ys funktioniert da anders. Du sammelst minderwertiges Material, welches du bei Händlern in Items einer höheren Kategorie umtauschen kannst. Gib zehn Stück verfaulte Blätter ab, und du bekommst ein frisches Blatt. Das funktioniert in mehreren Stufen, und du brauchst viele der Gegenstände auch zur Verbesserung deiner Ausrüstung. So gibt es eigentlich immer irgendetwas zu tun, zu sammeln, aufzuwerten – und jedes einzelne Item fühlt sich bedeutungsvoll an.

Innenräume sind liebevoll ausgestattet. Wer angesprochen werden möchte, zeigt es über eine Sprechblase.

Quatsch nich‘!

Japanisch im negativen Sinne ist leider die Erzählstruktur. Hier wird auf Textboxen in rauen Mengen gesetzt, und auch der unwichtigste Charakter hat eine Menge zu sagen. Besonders schlimm ist es zu Anfang. Textbox… Du gehst zwei Meter… wieder ’ne Textbox. Zwischensequenzen abbrechen? No way! Einerseits wird hierdurch ein präzises Bild wirklich jedes Nebencharakters und seines Hundes gezeichnet, andererseits verbringst du wirklich viel Zeit in Textboxen mit oft unwichtigem Inhalt. Wenn du willst kannst du in den Städten viel Zeit mit Plaudereien verbringen und bekommst so ein liebevoll designtes Dorfleben geboten. Die Walderkundung mit ihrem herrlich schnellen, reaktiven Gameplay wird so aber hart ausgebremst – auch ein Designproblem, welches Speichellecker der Umbra-Hexe nur allzugut kennen dürften.

Doch dieses Problemchen und der anfangs erwähnte Grafik-Schluckauf vermögen meine Begeisterung nur marginal zu trüben. Ys ist und bleibt einfach die Speerspitze des japanischen Action-Rollenspiels. Hier strahlen Abenteuerlust, Feintuning und Spielspaß aus jedem Pixel – und das sind bei 1080p inzwischen verdammt viele! Nicht unerwähnt bleiben darf dabei die Musik, welche die Abenteuerlust perfekt einfängt. Ja, mir fällt es grad selbst auf. Ich schreibe hier über Ys, und erwähne den Soundtrack erst im allerletzten Absatz. Bitte verrate es keinem Diablo-Fan.

Ys: Memories of Celceta

Wertung: 9/10
Publisher: Marvelous Europe Limited
Entwickler:
Nihon Falcom Corporation
Plattform: PS4, PS Vita (nicht mit PSTV kompatibel), Steam-PC
Preis: 29,99 (PS4 Download), 39,99 (PS4 Digital Deluxe Edition mit PS4-Design und Mini-Soundtrack), 19,99 (PS Vita), 24,99 (Steam-PC)

Für den Test wurde ein kostenloser Review-Key vom Publisher Marvelous Europe Limited zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

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