Review: Trails of Cold Steel 2 – Game of Trailes?

Klassisches JRPG aus Expertenhand mit Mammut-Story

© Martin Nagel

„Kommt ein Eisenmann von den Eiseninseln in die Eiserne Bank und fragt ob er auch den Eisernen Preis zahlen kann“ – Boah, wie lange wollte ich den schon bringen? Ja, wir müssen mal wieder über Game of Thrones reden. Aber das hast du dir wahrscheinlich schon bei der Überschrift gedacht.

Was ist nun die Verbindung zwischen westlicher Fantasy-Literatur und einer japanischen Rollenspiel? Beide handeln vom Krieg, vom Kampf um den Thron, von politischen Intrigen und weitschweifigen Charakterentwicklungen. Beide erschlagen dich mit einer kaum zu bändigen Masse an Figuren, und beide lassen sich richtig viel Zeit.

So beginnt das Abenteuer. Die Vita-Technik wird durch eine herrliche Skybox mit wunderschöner Lichtstimmung wettgemacht – Bild © Martin Nagel

Dir ist die Legend of Heroes-Serie sicherlich seit 2011 bekannt, als der erste Teil der Trails in the Sky-Trilogie als wunderschönes und kompetent übersetztes Rollenspiel auf westlichen PSPs landete. Tatsächlich geht die Serie bis 1984 zurück, als der erste Teil der Dragon Slayer-Reihe für den NEC PC-88 erschien. 1989 erschien der erste Dragon Slayer-Teil (NEC PC -8801) mit dem Untertitel Legend of Heroes, der fortan den Namen für eine eigene Reihe bilden sollte. Verantwortlich zeichnet Nihon Falcom, die ich für ihre konsequente Innovationsverweigerung bei der Ys-Reihe ganz tief ins Herz geschlossen habe,

Die hohen Herren halten Kriegsrat – Bild © Martin Nagel

Blut und Eisen

Trails of Cold Steel spielt zu Kaiser Wilhelms Zeiten. Die Welt erinnert an das Europa irgendwo zwischen industrieller Revolution und 1. Weltkrieg. Natürlich ist das Schwert die vorherrschende Waffe (ist schließlich ein Phallussymbol) und ein Schuss Magie ist auch dabei. Feuerwaffen wurden aber auch schon erfunden. Beim Militär gibt es Panzer, Mech-Rüstungen, Luftschiffe und natürlich Pickelhauben.

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Unser Protagonist Rean Schwarzer (Oh, es gibt viele deutsche Namen!) ist Schüler an der renommierten Thor’s-Militärakademie. Zwar bietet dir das Spiel einen toll gemachten Rückblick, aber wenn du wirklich tief in die Handlung eintauchen willst solltest du Teil 1 gezockt haben.

Am Schluss von Teil 1 gelang es unserem Helden, den Aschenritter Valimar zu erwecken. Als unerfahrener Mech-Kämpfer hat er das erste Scharmützel mit der Roboterrüstung des Oberschurken natürlich mit Pauken und Trompeten verloren. Mit letzter Kraft zieht sich der Mech in das ferne Ymir-Bergland zurück, wo beide einen Monat lang im Heilschlaf verbringen. Hier setzt die Handlung von Teil 2 ein.

Pickelhauben bedecken das schreckliche Gesicht des Krieges – Bild © Martin Nagel

Ab hier ist es deine Aufgabe, die verstreuten Mitglieder von Reans Schulklasse an der Militärakademie zu finden. Dazu bereisen du und dein immer größer werdender Tross alle Ecken der Weltkarte. „Moment mal! Haben wir das nicht schon in Teil 1 gemacht?“ – Ja, allerdings. Schon im Vorgänger gab es die Field Studies genannten Klassenfahrten mit anschließendem Dungeon-Besuch. Du könntest Falcom also Redundanz vorwerfen. Ich bin aber gegen diesen Ansatz. Im Vorgänger herrschte noch Frieden, die Heere brachten sich erst in Stellung und der Konflikt schwelte nur unter der Oberfläche. Falcom nutzt den erneuten Besuch, um eindrucksvoll zu zeigen wie der hereinbrechende Krieg das Land, die Menschen und ihr Leben verändert. Es ist herzzerreißend wie liebgewonnene Charaktere unter Plünderungen, hohen Steuern, arroganten Besatzungstruppen und teilweise sogar sexuellen Übergriffen zu leiden haben. Hier zahlt es sich aus dass die Serie sich richtig viel Zeit nimmt.

Specials werden von schicken Charakterportraits begleitet – Bild © Martin Nagel

Kämpfen wie Dragonmaster Dyne

Das Kampfsystem erinnert mich stark an das der Lunar-Serie. Kämpfe sind schnell begonnen und gewonnen, und stehen der Erkundung nu minimal im Wege. Es gibt weder merkliche Ladezeiten noch nervige Kamerafahrten. Animationen von Superattacken lassen sich grundsätzlich abbrechen. Für Einarbeitungswillige hält das Kampfsystem aber auch zahlreiche Boni bereit. Gekämpft wird streng rundenbasiert.  Witziges Feature: Auf einen fehlgeschlagenen Angriff folgt IMMER ein automatischer Konter. So können dir auch deutlich schwächere Gegner nochmal einen mitgeben.

Zufallskämpfe gibt es nicht. Alle Gegner wuseln gut sichtbar über die Weltkarte. Wenn sie dich sehen verfolgen sie dich eine Weile. Schaffst du es einen Feind von hinten zu erwischen, hast du den ersten Angriff und die ersten Prozente für den Bonus-Multiplikator. Diesen aktivierst du auch für Superattacken, oder wenn es dir gelingt mehrere Feinde mit einem Schlag auszulöschen. Bei den meisten Standardkämpfen bewegt er sich im Bereich von 1,2 bis 1,5, er kann aber auch bis über 3 anschwellen – das gibt dreifache Erfahrungspunkte!

Der Kampfbildschirm erinnert an das aus Secret of Mana bekannte Ringmenü, funktioniert allerdings deutlich besser – Bild © Martin Nagel

Heilen kannst du unendlich und kostenlos, an aus dem Boden wachsenden Säulen – oder gegen Geld im Hotel. Etwas schade finde ich, dass es keine Belohnung für die Nichtbenutzung der Stelen gibt – etwa in Form eines übergeordneten Exp-Multiplikators, der sich beim Heilen zurücksetzt. Eine (sich allerdings arschlangsam aufladende) Superattacke gibt Rean und einem ausgewählten Mitstreiter sofort 30 % ihrer maximalen HM und MP zurück.

Der Aschenritter Valimar kommt anfangs nur sporadisch zum Zug. Der Kampf am Ende von Teil 1 hat ihn tiefenentladen, und seine Batterien füllen sich nur langsam. Als sich gerade wieder etwas Strom angesammelt hat, wird er zudem als Ortungsgerät für die entlaufenen Klassenkameraden und dann als Fortbewegungsmittel zweckendfremdet – und schon ist der Akku wieder leer! Wenn er dann aber mal zum Zug kommt, dann kracht es gewaltig auf dem Bildschirm! Grundsätzlich unterscheidet sich das Mech-Kampfsystem nicht groß von den Standardkämpfen. Es bietet aber spannende Kombos aus Elementarmagie, und du kannst die Körperteile deines Gegners einzeln angreifen und schwächen.

Die zahlreichen Multiplikatoren laden dazu ein das Kampfsystem maximal auszureizen – Bild © Martin Nagel

Die Loot-Spirale

Be gewonnenen Kämpfen gewinnst du nicht nur Erfahrungspunkte und den üblichen Loot. Rean kann mit einem seiner Freunde eine Verbindung knüpfen, und diese selbstverständlich auch aufleveln. So schaltest du sukzessive immer mächtigere Team-Manöver frei. Zudem sammelst du Elementar-Gemmen, die du wiederum für das Schmieden von Waffen, das Aufleveln der einzelnen Slots deine Zauber-Inventars oder den Kauf neuer Zauber investieren kannst. Du kannst sie auch ganz profan gegen Geld tauschen. Zauber rüstest du auf dem Arcus aus, einer Art Mini-Sphärobrett. In der Mitte prangt der Master-Quartz, ein großer Edelstein, welcher dir generelle Statusboni gibt. Diese lassen sich – welch Überraschung – aufleveln.

Generell hat jede Ressource mehrere Einsatzmöglichkeiten, welche präzise gegeneinander abgewogen werden möchten. Sehr cool finde ich die aus den neueren Ys-Teilen bekannte Funktion, große Mengen an Standard-Items gegen höherwertige Exemplare tauschen zu können. So stapeln sich keine 99 Monomates in deinem Inventar, die am Ende eh niemand mehr braucht.

Sind wir schon stark genug für den Waschbären des Todes und seinen Apfel der Fische? – Bild © Martin Nagel

Schulpflicht

So ganz reicht es mir dann aber doch nicht zum RPG-Olymp. Um an einer Tafel mit Größen wie Panzer Dragoon Saga, Suikoden und Lunar speisen zu dürfen fehlt mir der entscheidende Funke, das Besondere, das Außergewöhnliche. Speziell merke ich es am nun wirklich arg generischen und ausgelutschten Highschool-Setting. Das hat zwar seine Wurzeln tief in der japanischen Gegenwartskultur – Nach der Highschool verpflichten sich Japaner meist bis ans Lebensende einem Bürojob. Das freie Leben hat dann ein Ende. Highschoolern stehen aber noch alle Möglichkeiten offen – aber es wirkt oft gewollt in die Handlung gezwungen, und nervt mich inzwischen extrem.

Low on Energy, wie immer: Der Aschenritter Valimar – Bild © Martin Nagel

So schlimm wie in Teil 1 ist die Schulpflicht aber nicht. Rean und seine Freunde gehen hier den nächsten Schritt auf ihrem Weg in die Erwachsenenwelt, vor der Kulisse eines vom Krieg verheerten Alternativ-Europas. Dabei wechseln sich Plaudereien in den Städten ab mit Dungeon-Exkursionen, Storysequenzen und Mech-Kämpfen. Die einzelnen Blöcke haben einen angenehmen Rhythmus und wirken nie überbordend oder gestreckt. Falcom hat halt inzwischen über dreißig Jahre Erfahrung auf den Gebiet klassischer Rollenspiele.

Absolutes Muss im Genre: Die gerade so nichtsexuelle Badeszene – Bild © Martin Nagel

Im Herbst geht es weiter mit Teil 3, bevor vermutlich 2020 die Saga mit Teil 4 ihren Abschluss findet. Als großer Vita-Fan finde ich es sehr schade, dass Teil 3 und 4 wohl nur noch für PS4 und PC erscheinen werden. Die ganze Story komplett an der Vita durchzuzocken wäre echt lässig gewesen. Dafür werden die Abschlussteiel technisch wohl etwas mehr bieten als 1 und 2. Denen siehst du ihre Herkunft auf PS3 und Vita nämlich deutlich an. Gestört hat mich das nicht. Es werden wunderschöne, abwechslungsreiche Landschaften und tolle Charakterportraits geboten, und der Falcom-typische bombastische Soundtrack.

Auf dem Grund der Schatztruhe finden wir das nächste Abenteur – Bild © Martin Nagel

Zum Ausgleich für die ältliche Technik bietet die PS4-Version zahlreiche durchdachte Boni. Mit Druck auf L2 kannst du das Spiel jederzeit in den Turbomodus schalten. Zuerst habe ich mir geschworen diese Fähigkeit niemals zu benutzen, da ich mir nicht die Immersion zerstören wollte. Aber es ist einfach so verdammt praktisch! Lange Laufwege vergehen so viel schneller, und auch Standardkämpfe sind blitzartig abgehandelt. Japan-Fans können sich das Abenteuer nun komplett in japanisch reinziehen. Auf PS3 und Vita hat es nur für die (allerdings hervorragende) englische Tonspur gereicht. Und angeblich gibt es 5.000 neue Zeilen gesprochenen Dialog. Wer auf PS3 oder Vita angefangen hat, der kann seinen Spielstand problemlos importieren – Nimm das, Mass Effect!

Knuddelattacke! Bei den Animationen wurde viel Wert auf Charakterinteraktion gelegt – Bild © Martin Nagel

Trails of Cold Steel ist für mich ein rundrum gelungenes JRPG, dass allein unter etwas zu vielen Klischees leidet. Altmodische Abenteuer-Atmosphäre, ein tolles Kampfsystem, tiefsinnige Charaktere, hohe Zugänglichkeit bei gleichzeitige Spieltiefe – Falcom hat einfach die Erfahrung, gute Dinge einfach mal beizubehalten und nicht zwanghaft verschlimmbessern zu wollen. Und nicht zuletzt haben wir mit Rean Schwarzer einen Helden, den ich auch tatsächlich mal spielen will. Nimm das, absolut jeder Final Fantasy-Protagonist! Du solltest dir aber klar sein, dass sich dieses Game nur dann richtig lohnt wenn du dir die komplette, vier Teile überspannende Story reinrezipieren willst.

The Legend of Heroes: Trails of Cold Steel II

Wertung: 9/10
Publisher: Marvelous Interactive
Entwickler: Nihon Falcom Corp.
Plattform: PS4 (getestet), PS3, Vita, PC
Preis: 39,99 € (PS4 Download), 44,99 Britidche Pfund (Marvelous-Store-exclusive Special Edition mit Soundtrack-CD, Pin und Artcards), 39,99 € (PS3 Download), 39,99 (Vita Download). 39,99 € (PC Download)

Für den Test wurde ein kostenlose Review-Key von Publisher Marvelous Interactive zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

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