Review: Townsmen – Medieval Madness

Städtebau leicht gemacht - aufbaustrategie ausnahmsweise mal zugänglich

© Handygames, Martin Nagel

Am Anfang dieses Reviews muss ich dir etwas beichten. Es ist eine von diesen peinlichen Beichten die gerade Männern schwerfallen. Ich tue gerne so als wäre ich der tolle Game-Guru, der alles kennt, alles kann und zu allem ’ne Meinung hat. In Wirklichkeit gibt es aber Dinge in Videospielen, die ich einfach nicht hinkriege. Schleichen, Driften in Rennspielen. Ich finde auch nie alle Sammelgegenstände, selbst in Schlauchshootern. Aufbaustrategie kann ich auch nicht.

Ein Kumpel hat vor Jahren mal versucht mich mit einem neueren Sim City zu infizieren. Ich baute hier und da, die Stadt wuchs gemütlich vor sich hin, ich hatte großen Spaß. Plötzlich und ohne jede Vorwarnung kollabierte die Stadt. Ich hatte irgendeine Kleinigkeit nicht beachtet. Mein Werk war unrettbar verloren. Auch das Laden von Stunden alten Spielständen brachte keine Linderung. Ich war beleidigt und habe das Genre seither nicht mehr angefasst.

Hier entsteht ein neues Gebäude. Der Balken zeigt den Fortschritt, aber du musst auch Rohstoffe und Arbeitskräfte ranschaffen – © Handygames, Martin Nagel

Ein Genre in der Krise?

Ich glaube dass im Aufbau-Genre mittlerweile eine gewaltige Schere klafft. Ernsthafte Vertreter richten sich an eine immer anspruchsvoller werdende Profi-Klientel. Ähnlich dem Bullethell-Genre haben diese den Kontakt zum einfachen Gamer auf der Straße lange verloren. Andererseits gibt es diese simplen Clash of Clans-Dinger, bei denen keine Entscheidung Konsequenzen hat und du eigentlich nur die Reihenfolge deiner Bauprojekte festlegst. Aber was ist mit mir? Der Harvest Moon auf dem SNES liebt und mit dem Jurassic Park-Aufbauspiel auf der PS2 irre viel Spaß hatte? Der dieses Gefühl wieder haben möchte ohne Warenströme zu berechnen und seitenweise Tutorials durchzuackern? Im Aufbau-Genre fehlt eindeutig die Mittelklasse. EAs Sim City-Reboot war ein Rettungsversuch, aber diese traurige Geschichte soll dir jemand von der Masterrace erzählen.

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Auftritt Townsmen! Ja es ist ein Mobile-Port und ja die Firma heißt immer noch Handygames. Aber: Das Spiel schafft es schon im Ladebildschirm mich positiv zu überraschen. Im Lade-Screen werden gerne mal nützliche Tipps angezeigt. In großen Blockbuster-Games sind diese Tipps nicht wirklich nützlich. Die Augen überfliegen sie nur, leicht genervt weil es endlich losgehen soll. Wenn du doch mal klebenbleibst, dann beginnt das Spiel genau dann wenn du den Spruch gerade halb gelesen hast. Der Sheldon Cooper in dir will nun unbedingt den Rest noch wissen, aber da brüllt Soap schon „Arpitschi“ und die Kugeln knattern dir um die Ohren. Hier wird das mit den Tipps richtig gemacht. Nicht nur dass die Hinweise wirklich hilfreich sind, du verlässt den Ladebildschirm erst wenn du es möchtest. Wenn du alles gelesen hast kannst du A drücken. Du kannst auch mit L und R durch weitere Tipps blättern. Vorbildlich!

Katastrophe! Eine Lavine hat die Taverne erwischt. Bau bloß schnell eine neue, sonst wissen die Townies nicht was sie saufen sollen – © Handygames, Martin Nagel

Warenketten

Es ist auch ein gutes Zeichen wenn ich mich sofort wieder an die Steuerung erinnere – auch nach längeren Pausen. Der Controller ist voll belegt und es gibt zusätzlich ein paar Touch-Features. Mit L und R kannst du stufenlos zoomen. Hier hätte ich mir gewünscht noch etwas näher ranzoomen zu können um noch mehr Details zu gucken.

Im Kern ist Townsmen ein Aufbauspiel wie viele andere auch. Du baust Gebäude und weist ihnen Arbeiter zu. Diese produzieren Waren, welche dann anderswo gebraucht werden. Das Bergwerk liefert Stein und Erze für die Schmiede, welche Werkzeuge und Waffen produziert. Der Bauernhof liefert Getreide (nur im Sommer), Schafwolle für die Spinnerei und Kräuter für Arzneien und geistige Getränke. Wohnhäuser produzieren Steuern und stellen Arbeitskräfte. Jeder Townie kann jeden Job machen. Du brauchst also kein kompliziertes Micromanagement mit Fachkräften. Waren werden automatisch verteilt, was sehr putzig aussieht. Du siehst tatsächlich ein kleines Männchen losrennen, mit unterschiedlichen Paketen unter’m Arm. Dauert natürlich seine Zeit wenn du noch keine Straßen gebaut hast.

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Wichtigstes Werkzeug bei der Verwaltung des Dorfes sind die Alarme. Wann immer etwas deine Aufmerksamkeit erfordert ploppen links im Bild Nachrichten auf. Sie sind farblich codiert und nach Wichtigkeit geordnet. Ein Feuer oder ein Banditenüberfall ist schließlich wichtiger als ein volles Erzlager. Mit ↑ auf dem Steuerkreuz kannst du direkt in die Liste gehen und ein Ereignis anwählen. Der Cursor springt dann direkt zum betroffenen Gebäude. Dies ist mir schnell zur zweiten Natur geworden. Manchmal kommen die Meldungen aber auch so geballt rein dass du sie gar nicht alle bearbeiten kannst – zumal oft irgendjemand Geld von dir haben will. Das ist aber nicht die Schuld des Nachrichtensystems, sondern meine eigene. Ich hätte mich früher kümmern müssen.

Schnell habe ich mir kleine Tricks angeeignet um die dauerklamme Staatskasse zu managen. Bauprojekte brauchen eine gewisse Summe Geld um fertiggestellt zu werden. dieses Geld ziehen sie automatisch von deinem Konto, so lange bis der Finanzbedarf gedeckt ist. Um diesen Hunger zumindest kurzzeitig zu unterbrechen habe ich einfach die Arbeiter von der Baustelle abgezogen. So konnte ich mir zwischendurch mal ein Werkzeug leisten, oder ein einsturzgefährdetes Haus sanieren – Häuser haben eine Prozentanzeige die stetig abnimmt. Ist sie auf null, bricht die Bude zusammen. Abhilfe schafft Geld, wie im echten Leben. Leider lassen sich die Häuser nicht „nur ein Bisschen“ reparieren. Hier muss immer gleich die ganze Summe gezahlt werden.

Die Steuerrate lässt sich einstellen. sicherlich das wichtigste Feature für die Sim City-Klientel – © Handygames, Martin Nagel

Schwer ruht das Haupt…

Arbeiter sind generell ein rares Gut, zumindest bei mir. Ich hätte mehr Wohnhäuser bauen können, aber dann hätten anderswo Rohstoffe gefehlt. Die neuen Bürger hätten fleißig Steuern gezahlt, aber sie hätten mir auch die Haare vom Kopf gefressen. Speziell im Winter, wenn du kein Korn anbauen kannst, musst du schauen wie du all die hungrigen Mäuler gestopft kriegst.

Schnell wirst du auch unangenehme Entscheidungen treffen müssen. Eine etwas abgelegene Jagthütte wurde viermal hintereinander von Banditen überfallen, nur weil ich mir keinen Wachturm leisten konnte. Der arme Waidmann ist jetzt wahrscheinlich schwer traumatisiert. Hätte ich ihm sagen sollen, dass er diese Tortur nur erdulden musste weil nicht genug Würstchen da waren? Wachmänner lieben Würstchen, und mit jedem Wachturm steigt auch der Bedarf an ihnen.

Einer meiner Townies verlässt mich. Ich habe versagt. Es trifft mich wie ein Stich in’s Herz – © Handygames, Martin Nagel

Etwas Abhilfe im Rohstoffchaos schafft der fahrende Händler. Allerdings kommt er nur alle paar Minuten, und du musst ihm einen (teuren) Marktplatz bauen. Ist er grad nicht da, so zeigt ein praktischer Ladebalken wie lange du noch warten musst. Ist er schließlich angekommen, so kannst du nur so viel verkaufen wie sein Inventar und seine Börse hergeben. Alles logisch, alles einfach erklärt durch Balken am unteren Rand.

Du hast wahrscheinlich schon abgeschaltet bei all den Erklärungen hier. Umso mehr ist es eine Leistung, dass das Spiel dich sanft und vorsichtig und jederzeit verständlich an all die Mechaniken heranführt. Am Ende ist es dann doch ein Strategiekoloss, aber jederzeit zugänglich – auch für Noobs wie mich. Und es ist so süß! Townies und Townetten haben ihren eigenen Charakter. Sie wissen auch ganz genau dass du vom Himmel aus über sie wachst. Manchmal winken sie dir zu, oder rufen dir ein bayerisches „Grias di“ entgegen.

Meine Stadt im Winter. Jede Jahreszeit bringt eigene Herausforderungen mit sich – © Handygames, Martin Nagel

Am Ende hat mir dieses Spiel die Leidenschaft für das Bauen und Managen zurückgebracht. Ich baue so fröhlich vor mich hin, und plötzlich sind drei oder vier Stunden vergangen. Schwer ruht das Haupt – ja wirklich! Sicherlich kannst du dem Spiel ankreiden dass es ein Mobile-Port ist und dass die Firma einen komischen Namen hat. Aber macht das die erbrachte Leistung nicht noch größer? Der Port ist nämlich wirklich geglückt, mit einer wahrscheinlich über hunderte von Spielstunden ausgetüftelten und perfektionierten Steuerung. Das Konzept ist außerdem perfekt für die Switch. Und: Es gibt weder Mikrotransaktionen noch riesige Day One-Patches. Eigentlich selbstverständlich, aber doch selten heutzutage. Mach auch bitte nicht den Fehler das Spiel aufgrund seiner Optik in die Clash of Clans-Ecke zu schieben. Es sieht niedlich aus, aber es wird dich wachhalten!

Townsmen

Wertung: 8/10
Publisher: Handygames
Entwickler: Handygames
Plattform: Switch (getestet), Windows-PC
Preis: 29,99 €

Für den Test wurde ein kostenloser Review-Key von Publisher Handygames zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

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