Review: Tomb Raider Anniversary – Das große Krabbeln

Auf dem PC leidet der zweite Teil von Laras erster Remake-Trilogie an starkem Befall.

© Square Enix, Crystal Dynamics

Es gibt kaum eine weibliche Videospielheldin die so viele Menschen kennen, unabhängig ob sie nun spielen oder nicht. Lara Croft ist seit den Neunzigern eine Ikone in der Videospielgeschichte und wirklich jedem Gamer dürfte sie ein Begriff sein. Mit dem neuen „Shadow of the Tomb Raider“ erscheint nun der offiziell 11. Teil der Reihe um die junge Archäologin.

Doch hier muss ich mich gleich mal outen: Die Reihe wurde für mich erst ab Tomb Raider VII: Legends interessant. Alle Abschnitte davor sind meiner Meinung nach scheußlich gealtert und leiden unter der mehr als debilen Panzersteuerung. Darum soll es heute jedoch nicht gehen, denn der erste Teil wurde in Form von Anniversary durch die „Remake“- Maschine geworfen, lange bevor es cool war. Vollkommen neue Grafik, an Legends angepasstes Gameplay und die selbe komische Geschichte sollen hier für einen neuen Anstrich sorgen. Na ob das so gelungen ist?

Ob sie über die Steuerung nachdenkt? – © Michael Wendt

Im Kampf gegen absurde Klischees

Fangen wir gleich mit einem Downfall an. Die Geschichte wurde kein Bisschen angepasst. Normalerweise wäre das ja kein Problem, wenn sie nicht echt fürchterlich wäre. Das fängt schon bereits bei unseren Kontrahenten an. Denn kurze Frage! Wer wusste nicht innerhalb der ersten Cutscene wer die Antagonistin im Spiel wird? Die Antwort ist vermutlich genauso enttäuschend wie der Rest unserer Gegenspieler. Denn diese bestehen aus Fake-Eminem, Fake-Indiana Jones und dem unehelichen Bruder von Raven aus Metal Gear Solid. Darüber hinaus kommt es oft zu Momenten in denen ich mich frage, ob sich überhaupt jemand Gedanken gemacht hat. Fast kommt es mir nämlich vor als ob hier circa 2 Minuten Hirnschmalz rein sind. „Aber Micha!“ Hierbei handelt es sich doch um ein Action-Adventure mit einer Doppel D-Protagonistin. Wofür braucht das denn eine gute Handlung? Das ist ein gutes Argument, doch bei einem Abenteuerspiel darf ich das erwarten. Es muss nicht die Überstory sein, doch auch Legends und Underworld schaffen es mir eine vernünftige Handlung anzubieten. Und den vielleicht unfairen Wink zur Uncharted-Reihe verkneife ich mir jetzt mal. Bottom Line: Gerade von einem Spiel, in dem wir eine Abenteuerin spielen erwarte ich zumindest mal gutes Popcorn-Kino. Das ist fürchterlich umgesetzt bei Anniversary und auch das Argument der Originalhandlung zieht hier leider überhaupt nicht. Immerhin hatten die Entwickler 10 Jahre Zeit um das anzupassen. Zumal alle menschlichen Widersacher innerhalb von Quick Timer-Events besiegt werden. Nein nein, die haben sich echt voll Mühe gegeben. Ganz toll Crystal Dynamics.

Tomb Raider starring Slim Shady – © Michael Wendt

Nothing special

Auch optisch kann ich hier nicht so viel Positives sagen. Es sieht nicht fürchterlich aus. Das ist nicht das Problem, doch die Locations variieren nicht wirklich. Ab und zu bekommen wir etwas Abwechslung in Form des letzten Levels, doch der Großteil der Verliese gleicht unabhängig vom Land dem anderen. Damit meine ich nicht einmal dass sie identisch aufgebaut sind. Das wäre an dieser Stelle kein Problem, doch fühlt sich hier alles sehr ähnlich an. Auch die Gegnerdesigns konnte ich am Ende nicht mehr wirklich sehen, zumal es bis auf dem letzten Abschnitt oftmals nur andere Formen von Tigern sind. Positives hingegen findet sich in manchen Details, so dass mir vor allem das riesige Kolosseum in Erinnerung blieb. Auch der berühmte erste Abschnitt mit den Dinosauriern ist schön anzusehen. Wo wir auch bei Bosskämpfen sind, denn auch die sind durchaus gut anzusehen, was sich durch Kreativität aussetzt. Ich meine wie awesome ist es denn, im ersten Abschnitt gegen einen riesigen T-Rex zu kämpfen. Das sind definitiv Punkte, wo Anniversary seine guten Seiten hat.

Definitely not Evil! – © Michael Wendt

Ruhige Musik für das richtige Ambiente

Auch musikalisch kann ich echt nicht meckern. Oft ist es passenderweise ruhig, doch genauso oft werden diese Momente durch eine melancholische Musik unterstützt. Das ist ideal für die einsame Stille innerhalb der Tempel, die wir als einzelne Person durchlaufen. Hier wurde positiv verbessert und mitgedacht. Die Schussgeräusche sind auch durchaus passabel. Shotguns fühlen sich wuchtig an und der Rest ist auch vernünftig.

Eintööönig! – © Michael Wendt

Why?! Just whyyyyyy?!

Letzter Punkt an der Tagesordnung: Das Gameplay. Das lässt sich grundlegend auf drei Komponenten reduzieren. Dabei handelt es sich um Ballern, Klettern und Rätsel lösen, was in der Regel auch eine gute Formel für ein solides Action Adventure ist. Leider scheitert es hier an vielen Punkten, auf die ich nun gerne näher eingehen möchte. Zum einen ist das Kampfsystem maximal debil, denn es besteht quasi aus Rumspringen und auf gut Glück Hoffen irgendwas zu treffen. Dadurch werden viele Situationen unkontrollierbar. Hinzukommt, dass Lara bei jedem Angriff erstmal 5 Meter wegfliegt. Das sorgt für Frust, der so nicht sein dürfte, denn in den meisten Fällen hängt das Problem mit der Steuerung und dem schlimmsten Feind jedes Abenteurers zusammen: Der Kamera. Gut, dass Square Enix sich nicht drum kümmern muss, denn der Kameramann von Kingdom Hearts hat sich wohl schon vor dem Bündnis mit Crystal Dynamics in die Produktion eingeschlichen.

Lara hängt mal wieder in der Luft – © Michael Wendt

Das bedingt nämlich auch direkt das nächste Problem, das sich innerhalb der Sprungpassagen findet. Ich kann gar nicht an meinen Händen und Füßen abzählen wie oft ich ins Blaue gesprungen bin – wenn nicht die ungenaue Steuerung für meinen Charaktertod gesorgt hat. Nimmt das geübte Auge jetzt noch Kistenschiebe- und Schalterrätsel ins Boot frag ich mich, ob wir in den Tempel nicht auf der Suche nach dem Spielspaß sind anstelle eines Schatzes. Und wem das alles noch nicht reicht, den weise ich mit Freuden auf die unzähligen Bugs hin. Ich hatte ungezählte Abstürze weil das Spiel mit irgendeiner Einstellung nicht zurechtkam. Die Lösung bestand darin regelmäßig V-Sync ein- und auszuschalten. Darüber hinaus blieben Laras Haare an vielen Stellen hängen, sodass sie sich wie ein alter Kaugummi entlang vom Gang gezogen haben. Ich weiß zu schätzen,dass mir hier ein Abenteuer über das Spiel hinaus geboten wird, doch wäre ich auch einfach mit einem funktionierenden Spiel zufrieden gewesen. Eine so hohe Fehlerdichte in einem 4-stündigen Spiel ist mit keiner Ausrede der Welt zu rechtfertigen. Zwar gibt es noch Croft Manor, doch ich kann mir schwer vorstellen dass nach Abschluss des Hauptspiels da noch jemand Lust drauf hat. Und weißt du was das Traurige daran ist? Im Herzen steckt hier ein ordentlicher Titel drin. Das Klettern macht Spaß, die Rätsel können ganz cool sein und auch die kleinen Momente sorgen für kleinere Freuden. Ja selbst die Bosskämpfe bieten oft kleinere Rätsel anstelle von stupidem Draufballern.

Controller-Tutorial ging im Wasser unter – © Michael Wendt

Mein finales Urteil lautet deswegen: Ein von Kakerlaken befallenes Haus/10

Kakerlaken sind verdammt lästig und machen aus einem schönen Haus eine frustreiche Erfahrung für die Besitzer. Entsprechend muss der Kammerjäger durch und sich darum kümmern. Doch das wäre gar nicht erst passiert wenn es hier von vornerein einen erhöhten Fokus auf die Hygiene gäbe. Ähnlich verhält es sich mit Tomb Raider Anniversary. Wir haben ein Grundkonzept das eigentlich Spaß machen sollte, aber das macht es nicht. Es leidet an einer Plage von Bugs, schlechtem Gamedesign und einer echt scheußlichen Steuerung. Klar ist die immer noch besser als die Panzersteuerung, aber wenn ich mir das hier so anschaue frag ich mich wie der selbe Entwickler mir ein Jahr vorher Tomb Raider Legends servieren konnte. Viele der grundlegenden Probleme könnten hier einfach gepatcht werden, da es kleinere Probleme sind, doch diese leider zahlreich vorhanden sind. Ich hoffe Square Enix wird sich in der Zukunft darum kümmern. Are you listening Square? Well probably not.

Tomb Raider Aniversary

Wertung: Ein von Kakerlaken befallenes Haus/10
Publisher: Square Enix
Entwickler: Crystal Dynamics
Plattform: PC (getestet), PS3, PS2, Xbox 360, PSP, Wii, enthalten in der Tomb Raider Trilogy für PS3 und Xbox 360
Preis: ca. 5-10 € (gebraucht)

Michael

Michael

Aloha! Bin zynisch, selbsternannter Spezialist für japanische Rollenspiele und nie wirklich zu 100 % zufrieden mit dem Gamedesign. Außerdem bin ich hier weil mich keine andere Zeitschrift haben wollte.
Michael

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