Review: Through the Darkest of Times – In die Magengrube

das wichtigste spiel 2020

© HandyGames, Paintbucket Games

„Through the Darkest of Times… Das war doch das mit den Hakenkreuzen, oder? Muss das denn sein? Ich will hier doch Brüste und Spaß und ansonsten meine Ruhe!“

Doch, das muss jetzt sein. Videospiele können mehr als lautes und buntes Entertainment für ’ne Weile – nur wollen sie das ganz selten. Dieses Spiel aber will. Es will wehtun. Es will aufrütteln. Es will nicht vergessen.

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Dein Versteck, deine Gefährten – © HandyGames, Paintbucket Games

In der Berichterstattung im letzten Jahr habe ich zwei Seiten wahrgenommen. Einen gewaltigen Presserummel um das erste Videospiel, für welches die Sozialadäquanzklausel in § 86 Absatz 3 Strafgesetzbuch Anwendung findet, und somit Videospiele in Deutschland höchstrichterlich als Kunst anerkennt. Und ansonsten – Stille! – nun, bis auf ein spektakuläres Eigentor seitens der Politik.

Es schien sogar so, als wollten größere Medien die heiße Kartoffel nicht recht anfassen. Etwa 15% AfD bei den letzten Wahlen, das sind Sympathien und Klicks die dort verlorengehen. Mir ist das grad Wurscht. Ich weiß dass Boobsie nur von coolen Leuten gelesen wird.

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Lange war mir nicht einmal klar, um was für eine Art Spiel es sich bei TTDOT überhaupt handeln würde. Auf der Gamescom 2019 durfte ich dann selbst Hand anlegen, und nun liegt das fertige Produkt vor. Abgesehen von der starken Narrative haben wir es mit einem rundenbasierten Strategiespiel zu tun, mit leichtem Hauch einer Wirtschaftssimulation.

Es ist der 30. Januar 1933. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernennt den gescheiterten Klecksmaler Adolf Hitler zum Reichskanzler, und die Welt verändert sich. Sie wird härter, kälter, gnadenloser. Dein im Editor erschaffener Charakter bemerkt die heraufziehende Dunkelheit in seiner Heimatstadt Berlin, und beschließt etwas zu tun. Ab in den Untergrund, wir gründen eine Widerstandszelle!

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Ganz normale Menschen, irgendwie – © HandyGames, Paintbucket Games

Hinaus in den Sturm

Deine Aufgabe ist es nun, Den Mitgliedern dieser Gruppe Ziele zuzuweisen, sie dafür mit Hilfsmitteln auszustatten, die Finanzen und das geistige Wohl der Mitglieder zu pflegen, und verdammt nochmal nicht zu sterben. Hierzu wählst du Missionen auf einer Karte, denen du eines bis drei Mitglieder zuweist. Ein Balkendiagramm zeigt dir live Gefahren und Erfolgsaussichten. Zusätzliche Hilfe kannst du von bis zu vier Items bekommen. Ein Fahrrad hilft dir bei Entdeckung schnell zu fliehen, Geld dient zum Einkauf oder als Bestechung. Auch Waffen sind erhältlich und manchmal nötig.

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Aus Terror wird Alltag – © HandyGames, Paintbucket Games

Bei einem vermeintlichen Alltagsgeschäft wie dem Kauf von Farbe oder Papier für Flugblätter ist das Risiko natürlich geringer als wenn du eine NS-Kunstausstellung mit Molotov-Cocktails angreifst. Deine Widerstandstruppe kann dabei gefangen, verletzt oder getötet werden. Auch wenn dies nicht passiert, so nagt der dauernde Stress doch an Psyche und Moral deiner Truppe. Sind alle einkassiert, wahnsinnig geworden oder erschossen, so heißt es Game Over für Freiheit und Demokratie. Dabei musst du ständig die Balance wahren. Einerseits musst du verdeckt agieren und darfst nicht erwischt werden, andererseits willst du was erreichen.

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Auf diesem Bildschirm wählst du passende Leute für den nächsten Einsatz. Die Symbole helfen dir dabei – © HandyGames, Paintbucket Games

Und dass du was erreichen willst, dafür sorgt das Spiel! Der Scherenschnitt-artige Look ist meist in schwarz, weiß und dem Blutrot der Hakenkreuzfahne gehalten. Die Gesichter sind einfach, aber enorm ausdrucksstark. Sie erinnern in ihrem Stil an Karikaturen von Juden, wie sie häufig in antisemitischen Hetzschriften der damaligen Zeit zu finden waren. Dennoch stammen sie aus allen Gesellschaftsschichten. Manche haben einen kirchlichen Hintergrund, manche sind Arbeiter oder Gewerkschaftler. Manchmal bricht sogar Streit zwischen ihnen aus, und du musst entscheiden ob du ein Mitglied vor die Tür setzt um des internen Friedens willen. Und auch Verräter gibt es.

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Die Karte von Berlin. Hier wählst du deine Ziele – © HandyGames, Paintbucket Games

[ˈhoːlokaʊ̯st]

Du erlebst mit ihnen Ereignisse wie den Reichstagsbrand oder die Reichspogromnacht, aber auch so alltägliche Sitationen wie den Boykott jüdischer Geschäftsleute oder nächtliche Angriffe auf ältere Menschen. Bei einer Bücherverbrennung triffst du Erich Kästner, von dem bekannt ist dass er solche Veranstaltungen besuchte, obwohl er psychisch sehr unter dem kulturellen Verlust litt.

Auch witzige, schöne, anrührende Momente gibt es. In einer Flüsterkneipe wird der Swing der Roaring Twenties gespielt, gezecht und bis in den Morgen getanzt. Unsere Protagonisten fragen sich, ob solche Musik je wieder zu hören sein wird – damals war das tatsächlich unklar.

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Wirst du entdeckt, musst du unter Zeitdruck mit Flucht oder Gewalt reagieren – wenn der geschundene Geist denn noch kann – © HandyGames, Paintbucket Games

Sicherlich wird sich irgendwer fragen, ob ein Spiel mit solch wichtiger Botschaft überhaupt als „Spiel“ zu bewerten sei, ob ich dort „Spaßpunkte“ vergeben könne. Aber natürlich! Wir wollen Videospiele schließlich als Kulturgut ernst nehmen, und als solche müssen sie sich auch der Bewertung stellen.

Abgesehen von der dramatischen Wirkung stelle ich hier fest, dass TTDOT über eine enorm schlanke und wunderbar zu bedienende Menüstruktur verfügt. Hier ist kein Mausklick überflüssig! Gespeichert wird jederzeit automatisch. Es gibt also kein Zurück, kein neu laden. Jedes Element dient entweder der Geschichte oder dem Spannungsaufbau.

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Level Up! Etwas altmodischer Videospielspaß muss dann doch sein – © HandyGames, Paintbucket Games

Etwas Kritik muss dennoch sein. Die Menschen, die mir im Spiel begegnen sind oft schwarz oder weiß. Krass gegen den Nationalsozialismus, oder stumpfsinnig-verblendet. Mir fehlt das Grau, die Ungewissheit, und ja, oft auch Charaktertiefe. Viele scheinen auch den Kenntnisstand vom Ende des Krieges zu haben, was vor allem zu Beginn auffällt. Dies liegt sicherlich an der Art, wie das Spiel Zufallsereignisse aneinanderreiht um stets einen anderen, herausfordernden Spielablauf abzuliefern.

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„Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher / verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (Heinrich Heine) – © HandyGames, Paintbucket Games

Ich wieder

Und: Was soll bitte diese Schreibweise? So wurde vor achtzig Jahren nicht geschrieben, damals gab es einen ganz anderen Stil. Vor allem die häufig vor kommenden Deppen Leer Zeichen stören ganz gewaltig und trüben die Immersion nachhaltig. Auf meinem Mittelklasserechner ist mir auch eine recht langsame Performance aufgefallen, obwohl das Spiel kaum Grafikhunger ausstrahlt.

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Das Ende? – © HandyGames, Paintbucket Games

Dennoch: Bitte spiele dieses Spiel! Kauf es, unterstütze es, rede mit deinen Freunden darüber, erlebe, fühle! Demokratie ist so zerbrechlich, und sie funktioniert nicht ohne Meinung, Bildung und Meinungsbildung. Ich verspreche auch, dass du dich danach wieder mit Anime-Hupen und leichtlebiger Unterhaltung zubomben darfst. Danke für deine Aufmerksamkeit!

Through the Darkest of Time

Wertung: 9/10
Publisher: HandyGames
Entwickler:
Paintbucket Games
Plattform: Steam
Preis: 14,99 € (Steam)

Für den Test wurde ein kostenloser Review-Key vom Publisher HandyGames zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots stammen vom Publisher. Diese Screenshots zeigen die englischsprachige Version des Spiels. Das Spiel kann aber auch auf deutsch gespielt werden.

Martin
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