Review: The Coma 2: Vicious Sisters

Feinsinniger Horror aus Korea, der über die eigene Bequemlichkeit stolpert

© Chorus Worldwide Games, Devespresso Games

Was sind die Zutaten für ein gutes Horrorspiel? Atmosphärische Schauplätze, eine einnehmende Story, begrenzte Ressourcen und die Unsicherheit, jederzeit etwas davon verlieren zu können. Gerade letzteres hat in jüngerer Vergangenheit sehr gelitten, wollen moderne Videospiele uns doch ein möglichst barrierefreies Erlebnis bieten. Steckt der digitale Grusel noch immer in der Krise?

The Coma: Cutting Class war 2015 ein kleiner Hit. Der Indie aus Korea lies dich in wunderschöner, handgezeichneter Manwha-Grafik aus der Seitenperspektive eine verfluchte Highschool erkunden. Nun, fünf Jahre und eine „Recut“ getaufte Neuauflage später bekommen wir eine Fortsetzung serviert. Zwar bin ich ein furchtbarer Schisshase was Survivalhorror angeht, aber wir müssen hier doch Wertungen rauskloppen, oder? Also allen Mut zusammengenommen und auf in die virtuelle Highschool!

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Bad Moon rising

Ich steuere Mina Park, Oberschülerin an der Sehwa High. Sie lässt sich angenehm schnell und präzise durch die Gänge navigieren, und die Kamera hat eine gute Entfernung. Nah genug dran, um die schöne koreanische Zeichenarbeit zu genießen, weit genug weg dass die Übersicht gewahrt bleibt. In einer kurzen Einführung wird sie von Pontius zu Pilatus geschickt: Eine Mitschülerin möchte einen Müsliriegel vom Snack-Automaten, und der Klassenrowdy schreibt ihr einen peinlichen Liebesbrief. Dies dient einerseits als kleines Tutorial für die Spielfunktionen, bringt uns andererseits Minas Lehrer und Klassenkameraden ein Stück näher.

Die Schüler dürfen an diesem Abend länger bleiben, um vom Klassenzimmer aus ein seltenes astronomisches Phänomen zu bewundern: den Super-Blutmond. Im Nachhinein ist dies keine gute Idee, denn durch dieses Ereignis wird der Schleier zwischen den Welten gelüftet und Dämonen fluten in unsere Welt, angeführt von den titelgebenden grausamen Schwestern.

Mina bahnt sich ihren Weg durch dunkle Gänge. Vorsicht, das Feuerzeug zieht Monster an! – © Chorus Worldwide Games, Devespresso Games

Als Mina aus einer kurzen Ohnmacht erwacht, haben die Monstren das Schulhaus bereits Silent Hill-mäßig umdekoriert. Schüler sind zu Wachsfiguren erstarrt oder liegen als blutige Leichen herum, und an den Wänden windet sich Gigereskes Gekröse. Bei der Erkundung der Gänge solltest du von jetzt an vorsichtig sein. Von der Decke können schleimige Leichenteile fallen, und am Boden lauern fiese Grabschehände! Wird Mina erwischt, so kostet es sie einen von vier Lebensbalken. Sie kann auch bluten, was zu einem konstanten Lebensverlust führt und durch Bandagen geheilt werden kann.

Diese Bandagen, Müsliriegel für die Gesundheit und Getränke für die begrenzte, aber sich schnell regenerierende Ausdauerleiste kann Mina in der Welt finden, oder an den anfangs vorgestellten Snack-Automaten kaufen – jedoch hat sie nur sechs Inventarplätze, und zwei davon sind anfangs ausgegraut. Immerhin werden Schlüssel und ähnliche Story-Gegenstände in einem separaten Inventar abgelegt.

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Minas erste Aufgabe ist es, sich aus dem verfluchten Schulgebäude zu befreien. Über die praktische Karte kannst du ihren Weg planen, Wucherungen ausweichen und Schlüssel finden. Dabei sind nicht alle Türen begehbrar, was dem Schauplatz ein angenehm echtes, organisches Flair verpasst. Wenn du jetzt aber an lange Gänge mit hunderten verschlossener Türen denkst, durch die Silent Hill dich quält, dann kann ich Entwarnung geben. Durch den kompakten Schauplatz und die hohe Spielgeschwindigkeit kommt selten Türfrust auf.

Als Mina in den Heizungskeller der Schule vordringt um per Quick Timer-Minispiel den stehengebliebenen Generator zu starten, begegnet ihr ein neuer Gegnertyp. Ihre Klassenlehrerin hat sich Klauen und Fangzähne wachsen lassen, und jagt ihr hinterher sobald sie dich sieht. Auf Knopfdruck kannst du Minas Sturmfeuerzeug ein- und ausschalten, was dir in dunklen Ecken etwas mehr Licht gibt Allerdings wirst du so auch schneller gefunden. Beim Löschen der Flamme bleibt Mina kurz stehen. Wenn dich eine der Schwestern jagt, kann diese eine Sekunde schonmal den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Ich habe auf diese Weise tatsächlich einige Leben verloren.

Arme Mina! Hoffentlich hält die Bandage bis zum nächsten Savepoint – © Chorus Worldwide Games, Devespresso Games

Erwischt dich eine Schwester, bedeutet es für Mina den sicheren Tod – es sei denn, sie hat eines der teuren Pfeppersprays dabei. Diese kosten keinen Inventarplatz, dafür kann Mina nur eines zur Zeit führen. Wird Mina erwischt während sie eines trägt, so startet statt des Game Over-Bildschirmes eine kurze Quick Timer-Sequenz, die dir im Erfolgsfall eine zweite Chance gibt. QTEs gibt es auch, wenn Mina sich in einem Versteck befindet und kurz die Luft anhalten muss um nicht gehört zu werden. Die Verstecke sind unterschiedlich effektiv, und entsprechend gekennzeichnet. Sich in einen Spind zu quetschen bringt mehr, als bloß unter einen Tisch zu kriechen.

Highschool and beyond

Der Vorgänger spielte ausschließlich im Schulgebäude. Dieses dient im zweiten Teil nur als Startlocation. Hat sich Mina von der Schulpflicht befreit, so landet sie in einem verlassenen Polizeirevier- Hui, Resi-Style! Hier muss sie sich zunächst eine frische Karte organisieren. Gespeichert wird klassisch-manuell an Tagebüchern – allerdings nur, so lange Mina ihren Namen nicht vergisst. Sorg also bitte dafür.

Alles im Griff – © Chorus Worldwide Games, Devespresso Games

Die großzugig verteilten Savepoints in Verbindung mit der hohen Spielgeschwindigkeit und dem aufgeräumten Kartenlayout sorgen leider dafür, dass die Horroratmosphäre etwas leidet. Wenn ich durch ein Deckenmonster gefroffen wurde, habe ich meistens den Speicherstand neu geladen und war in weniger als einer Minute wieder am Ort des Geschehens – gut für mich und meine Nerven, aber das sorgsam austarierte Heilsystem schaut inne Röhre. Too much convinience, würde der denglische Kosmopolit hier sagen. Zwar dürfte sich heutzutage kein Spiel mehr erlauben, Speichervorgänge so streng zu rationieren wie Resident Evil es in den Neunzigern getan hat, aber etwas mehr Druck an dieser Stelle hätte dem Spiel wirklich gutgetan.

So habe ich es bald dann eher als Visual Novel denn als vollwertigen Horrortitel wahrgenommen – was schon etwas schade ist, andererseits aber auch meine Nerven schont. Und der Novel-Part ist wirklich hervorragend! Hier bekommst du kurze, knackige Zwischensequenzen, toll gezeichnete Bilder, eine wirklich gute, spannende Story und sympathische, auch für Nicht-Koreaner gut unterscheidbare Charaktere. Daher von mir ein unbedingter Kauftipp für Novel-Fans. Horrorfans bekommen solide Abwechslung, welche leider durch die zu bequeme Speicherfunktion etwas ausgebremst wird. So findet The Coma 2 noch immer keinen Weg aus der Horrorkrise, unterhält aber bis zum nächsten Rettungsversuch.

The Coma 2: Vicious Sisters

Wertung: 6-9/10 (6 Horrorwertung, 9 Novel-Wertung – und ja, Wertungen sind sinnlos)
Publisher: Chorus Worldwide Games
Entwickler:
Devespresso Games
Plattform: Xbox One (getestet), PS4, Switch, Steam-PC
Preis: 14,99 € (PS4 Download), 18,99 € (Xbox One Download), 14,99 € (Switch Download), 14,99 (Steam-PC Download)

Für den Test wurde ein kostenloser Review-Key von Chorus Worldwide Games zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots stammen vom Publisher und zeigen die englische Sprachversion. Das Spiel bietet jedoch auch deutsche Texte.

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