Review: Stela – Limco?

Kompaktes, spielbares Limbo mit Mädchen

© SkyBox Labs

„SkyBox Labs, co-developer of Halo Infinite, has released Stela, a cinematic platformer about a young woman witnessing the final days of a mysterious ancient world, on Xbox One.“ – so heißt es in der Pressemitteilung. Ist das der Grund warum Halo Infinite so lange dauert? Und was zur Hölle ist überhaupt ein Cinematic Platformer? Zeit für etwas investigativen Journalismus.

Hölle, gutes Stichwort! Wir steuern ein junges Mädchen durch einen Ort, der der Hölle ziemlich nahe kommt. Mit ihren blanken Füßen und den weißen Leinenfetzen erinnert sie stark an Yorda aus dem PS2-Klassiker Ico. Da sie keinen Namen hat, taufe ich sie spontan Yorda. Vielleicht ist dies ihre Vorgeschichte.

Nebel und Schnee täuschen hier über die Gefahren hinweg. Monster lauern unter der Oberfläche! – © SkyBox Labs

Leere

Auch der Grafikstil erinnert stark an Ico. Diese nebelblasse, entrückte aber doch knallharte Welt. Fumito Ueda, der Director von Ico, bezeichnet diesen Stil als Design durch Subtraktion. Ein Konzept, welches uns auch im Spieldesign von Stela noch beschäftigen wird.

Spielerisch fühle ich mich sofort an Limbo erinnert. Wir sehen Yorda von der Seite in strengem 2D. Sie kann springen und Dinge greifen. Wenn es nötig ist duckt sie sich automatisch. Objekte sie ungefähr ihre Größe mit ausgestreckten Ärmchen erreichen kann sie erklettern. Dies sind die raren Momente, in denen sie selbstständig die Bildebene wechseln kann.

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Stela ist der Name dieser Welt. Und sie jagt Yorda! Grauenhafte Kreaturen herrschen hier. Sie patroullieren im dunklen Wald, wo die Äste sich wie Finger recken. Oder sie graben sich durch den Boden und schnappen nach blanken Waden. Lebensenergie gibt es nicht – eine Berührung und du bist tot!

Ja, das schreit nach Schleichsequenzen. Und ja, die hasse ich normalerweise. Hier werden sie sparsam eingesetzt, und sie funktionieren eher wie ein Puzzle. Die Kreaturen bewegen sich auf festen Script-Pfanden. End es gibt stets eine Lösung, die immer funktioniert.

Hier müssen wir einen Kran bedienen, der ein eingesperrtes Monster trägt – © SkyBox Labs

Dabei hat das Spiel eine ganz wunderbare Art, Informationen zu vermitteln. Sei es durch leichtes Blinken benutzbarer Objekte, oder die präzise arbeitende Kamera, die immer den richtigen Bildausschnitt zeigt – wirklich immer! Der virtuelle Kameramann ist immer in Bewegung, zoomt dynamisch ein und aus, und bei Rätseln zeigt er meist alle benötigten Elemente. Hier muss viel Feintuning eingeflossen sein. Und du weißt ja ich liebe Feintuning!

Auf einem vergessenen Schlachtfeld hagelt es noch immer Brandpfeile – © SkyBox Labs

Viel Design ist auch in die Sounds und die Gestaltung der Kreaturen geflossen. Die Jäger in den Wäldern haben bleiche Augen und lange, gezackte Sägeklauen. Wurden sie extra für den Krieg gezüchtet? Wir wissen es nicht, und wollen es vielleicht auch nicht wissen. Kleine und große Käfer trippeln auf ihren Beinchen umher. Schreie und Schmatzlaute klingen sehr druckvoll und echt. Schnappen die Bodenkriecher nach Yorda, so haben wir dazu garantiert einen kontrastierenden Hintergrund, der ihre Kiefer gruselig in Szene setzt. Das und die vielen knappen Fluchten erinnern schon sehr an einen Film.

Was mag das sein? Und wozu ist es gut? – © SkyBox Labs

Traurigkeit

Immersion entsteht in Videospielen genau dann, wenn sich die Motivation der Hauptfigur mit der Motivation des Spielers deckt. Yorda macht es dir hier leicht. Weder erfahren wir wo sie herkommt, noch die Geschichte der Welt die sie töten will. Sie ist ein in Linnen gehülltes weißes Blatt Papier. Wer mag kann sich dort auch eine sexuelle Komponente hineinträumen. Dieses riesige schwarze Wurmding, welches die Protagonistin zur Mitte des Spiels jagt, es hat schon sehr was von einem Penis.

Es lässt sich tragen! – © SkyBox Labs

Also alles sehr Limbo hier. Warum also Stela spielen, wo es Limbo doch schon gibt? Limbo hat mich seinerzeit wirklich bewegt und gefesselt – und das ist jetzt nicht nur son Hipster-Spruch, ich meine es so. Als der Kleine der Riesenspinne ein Bein ausriss, oder ihm eine schleimgebadete Fernsteuerungslarve auf das runde Köpfchen platschte, das waren ganz starke Gamer Experience-Ekelmomente

Wer will eine Scheibe Mädchen? – © SkyBox Labs

Ich würde Limbo heute aber nicht nochmal spielen wollen. Grund ist die enorme Pingeligkeit von Kollisionsabfrage und Sprung-Timing. Aktionen misslingen immer wieder, auch wenn ich eigentlich das Richtige tue. Einen Pixel zu spät oder zu kurz gegriffen, Panik geschoben und eine Milisekunde zu früh oder zu spät gesprungen – tot! Das sorgt beim ersten Spielen für eine enorme Spannung, aber auch reichlich Frust. Beim zweiten Spielen ist dann nur noch der Frust da. Ich habe es probiert.

Failsafe

Hier setzt nun Stela an. Leveldesign, Steuerung und Kollisionsabfrage greifen wunderbar ineinander, um das Spiel failsafe zu machen – idiotensicher für die Deutschtümler. Wenn ich die richtige Idee habe, dann funktioniert sie auch. Yorda greift so gut wie nie daneben und Sprungreichweiten sitzen immer. Da scheinen einige interne Spielhilfen am Werk zu sein, die mich unterstützen und den Spielfortschritt enorm flüssig machen. Ich hätte keine Schmerzen damit, Stela zwei- oder sogar dreimal durchzuspielen.

Klettern geht leicht von der Hand – © SkyBox Labs

Dabei hilft auch die enorme Kompaktheit. Stela lässt sich in unter 90 Minuten durchspielen, was sogar mit 150 Gamerpunkten belohnt wird. Ein zweites Archievement gibt es für das Durchspielen ohne Tode. Beides ist machbar und motivierend, eben durch die Kürze.

Stela ist also eine Kompakte, bis ins kleinste Detail durchdesignte Reise in eine grausame Welt. Die Kunst des Weglassens wird hier auf die Spitze getrieben, und mit einer enorm starken Usability kombiniert. Die SkyBox Labs liefern eine eindrucksvolle Handwerksprobe ab, die mich gleich etwas positiver auf Halo Infinite einstimmt. Eine Neun mag ich dann aber nicht geben. Dazu ist mir dann doch zu wenig Fleisch am Knochen.

Stela

Wertung: 8/10
Publisher: SkyBox Labs Inc.
Entwickler: SkyBox Labs Inc.
Plattform: Xbox One (getestet), PC (soll Anfang 2020 erscheinen)
Preis: 19,99 € (Download)

Für den Test wurde ein kostenloser Review-Key von Publisher SkyBox Labs Inc. zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots stammen vom Publisher.

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