Review: Scalextric – ganz unten

© Scalextric, Sabec ltd.

Ob Hot Wheels, Carrera oder Scalextric – alle haben sie eines gemein: die seit Jahrzehnten andauernde Aufwertung eines jeden Kinder- und Jugendzimmers. Das Konzept ist denkbar einfach. Du baust dir eine Rennstrecke nach Anleitung oder eigenen Belieben, steckst dein Auto auf die elektrische Fahrbahn und fährst los!

Mit einem Klick gibst du Gas. Hebst du den Daumen vom Knopf, verlangsamt sich dein Auto um z.B. nicht bei der nächsten Kurve von der Fahrbahn abzukommen. Es ist einer dieser Spiele die easy to learn, hard to master sind. Das, und die Tatsache dass du bei der Rennstreckenplanung deiner Fantasie kaum Grenzen setzen kannst, machte dieses manuelle Spiel zu einem generationsübergreifenden Kassenschlager.

Die Spielebeschreibung. Hier wird geklotzt, nicht gekleckert – © Milorad Alempic

Es sei hier nur mal am Rande erwähnt, das die Faszination und die Begeisterung der Massen heutzutage im Vergleich zu früher längst abgeebbt haben. Motorsportbegeisterte dürften neben Nostalgikern und verhältnismäßig wenigen Kindern kaum eine große Fanbasis darstellen. Weswegen sich die Entwickler von SABEC Limited wohl gedacht haben dass der Zeitpunkt reif ist ein virtuelles Autorennspiel dieser Art zu veröffentlichen. Scalextric ist das neueste Werk aus dem Hause SABEC Limited (merkt euch SABEC, vergesst den Namen nicht, ich warne euch nur einmal!). Neben illustren Titeln wie „Spot the Difference„, „Pool“ und „Air Hockey“ hat es nun Scalextric von SABEC Limited in den virtuellen heiligen Hallen des e-Shops von Nintendo Switch geschafft. Als Europäer dürfen wir seit dem 12. Juni 2018 besonders stolz sein. Wir sind die Einzigen weltweit die dieses Meisterwerk genießen können. Ganz im Sinne der Fußball-WM darfst du dir eine riesige Laola-Welle vorstellen, die von Reykjavik über Lissabon, von Paris über Berlin, Budapest, Bratislava, Belgrad, Bukarest bis nach Wladiwostok zieht. Völker aus 49 Staaten sind entzückt! Europa vereint! Scalextric von SABEC Limited sei Dank!

Bevor ich meinen Eindruck näher erläutere, möchte ich zunächst auf die Spielebeschreibung auf Nintendos Homepage erwähnen. Hier wird gesagt, dass du auf selbst gebauten 3D-Strecken fahren kannst und du die Möglichkeit hast die „Magie von Scalextric“ von SABEC Limited zu entdecken. Es wird gesagt das du gegen deine Freunde antreten kannst oder Gegner mit „intelligenter KI“. Wähle aus vier „klassichen“ (?) Fahrzeugen. Sieben Perspektiven stehen einem zur Wahl!! Punkt. Ende.

Dieses Gefühl begleitet einen lange nach dem Ausschalten der Switch – © Milorad Alempic

Eigentlich unerhört! Die Zeiten von Nintendos Seal of Quality sind längst vorbei (und haben in der NES-Epoche wenig gebracht). Und trotzdem haben die, teils zu Unrecht, verschrienen Games von LJN mehr Tiefe, Spielspaß und kluge Ideen als Scalextric von SABEC Limited. Erstere gehören nicht zur Creme de la Creme der Videospielgeschichte. Aber wer es etwas herausfordernder mag kann durchaus einige Titel finden die ihren Charme haben. Hier habe ich bei letzteren nur ein Game – das von jedem noch so dummen Handyspiel bei weitem übertroffen wird – satte 9.99€ ausgegeben um diese Rezension schreiben zu können. Stattdessen möchte ich einfach nur Yakuza Zero spielen und nicht mehr an Scalextric von SABEC Limited denken. Deswegen bringe ich das jetzt mal hinter mich. Allerdings nicht ohne dir vorher die Warnung weiterzugeben nicht einen einzigen Cent dafür auszugeben. Nischenspieler und Freunde von Obskurem sollen sich besonders gewarnt fühlen. Ich finde meist irgendetwas Positives in fast jedem Spiel. Das einzige positive das ich bei Scalextric von SABEC Limited gefunden habe ist die Tatsache dass die Entwickler es geschafft haben jegliches positive Potential auszumerzen. Das ist auch eine Leistung.

Zum Gameplay. Die einzige Taste die du brauchst ist die rechte Schultertaste des Nintendo Switch. Drückst du die Taste, gibst du Gas. Lässt du sie los, bremst du. Wie im echten Leben, nur unendlich langweiliger.

Man betrachte den tollen Laminatboden! – © Milorad Alempic

Allerdings hast du äußerst viele Möglichkeiten verschiedene Rennstrecken zu befahren. Neben den schon vorhandenen 12 Strecken gibt es noch einen Editor. Dieser ist sogar gar nicht mal so schlecht. Aber vielleicht sind meine Sinne nur getäuscht und meine eigenen Anforderungen an das dezente und anständige Mindestmaß sind stark gesunken. Wenn du dir aber denkst dass es lausiger nicht mehr geht, dann tu dir einen Gefallen und gehe in die Optionen. Diese sind ganz im Sinne des eigentlichen Spiels. Es ist alles da um die Bedürfnisse eines anspruchsvollen Gamers zu stillen. Du hast z.B. den in vier Stufen verändernden Lautstärkepegel. Du kannst ganz ungeniert die Rundenanzahl einstellen. Vor allem hast du die Möglichkeit einzustellen ob du im Dunkeln fahren möchtest. „Warum“ fragst du dich vielleicht (wahrscheinlich nicht). Ich vermute, dass es gar keinen Grund gibt. Du siehst genauso gut (nur ist alles dunkler).

Resümieren wir! In 12 + X Strecken darfst du mit der rechten Schultertaste rumklicken. Es gibt keine Musik die dir ansatzweise das Spiel versüßt. Dafür aber eine Palette von sehr nervigen Geräuschen, wie das monotone Brummen beim Fahren. Dabei können schlechte Spiele mit guter Musik so unglaublich gut um ein vielfaches aufgewertet werden. Spontan fällt mir dabei Zero 4 Champ 2 für die PC-Engine ein. Das Spiel an sich ist langweilig. Strecken, bei denen du dich kaum in die Kurve legen musst. Kaum Gegner. Alles viel zu lang. Und dann kommt die breite Palette an Musikstücken, die mich immer wieder zurück zu dem Spiel bringen. Trotz allem, mag ich Zero 4 Champ 2 sehr, da mich die gute Musik berührt. Ich vertrete ohnehin die These dass Musik in Spielen alles besser macht. Das doofste Kartenspiel kann mit der richtigen musikalischen Untermalung dazu führen, das ich mich damit länger auseinandersetze als mit so manchem AAA-Game.

Ich-Perspektive bei Nacht – nur für echte Profis! – © Milorad Alempic

Als Nischenspieler sind meine Erwartungen naturgemäß niedrig, meine Neugierde dafür umso größer. Die 9.99 € die ich praktisch für Müll – und es ist nichts anderes als purer Müll – ausgegeben habe tun mir nicht Leid. Auch das bisschen Zeit, dass für das Spielen draufgegangen ist, kümmert mich nicht. Was mir ernsthaft und ohne Vortäuschung falscher Gefühle leid tut sind die Leute von SABEC Limited. Irgendwelche Programmierer in Hounslow in West-London, irgendwelche leidenden Seelen, arme Schweine, die es zur Aufgabe bekommen haben so etwas zu programmieren und zu diesem Preis anzubieten haben Stunde um Stunde vor dem Rechner gesessen. Um etwas zu programmieren das keiner haben möchte. Um uns etwas zu schenken das die Ehre des größten Lügners, die Gefühle des härtesten Hundes und sogar die Intelligenz des dümmsten Einfaltspinsels verletzt. Ich hatte schon mit merkwürdigen Games meinen Spaß. Ich tippte sowohl auf der Vita als auch auf der PS4 mehrere tausende Male mit meinem virtuellen Zeigefinger auf einem vollen Glas Mayonnaise UND FAND ES TOLL. Ich spielte stundenlang Poker auf der PS1 dank CARD II, das in der SuperLite 1500 Series in Japan erschien. Ich finde Days of Thunder, das nur eine Strecke hat, aber eine 3D-Polygon-Grafik auf dem Gameboy darstellt, hinreißend. Ich habe kein Problem damit, wenn in einem Spiel etwas zumindest ein kleines Bisschen in die richtige Richtung geht. Aber selten ist mir so etwas dämliches, plattes und einfach nur pur langweiliges unter die Nase gekommen wie Scalextric von SABEC Limited. Dabei hätte nicht viel gefehlt dass ich dem Spiel eine frohere Rezension geschrieben hätte. Ich mag so etwas doch normalerweise. Ich habe keine Erwartungen. Alles was ich nicht persönlich erfahren habe ist grundsätzlich weder gut noch schlecht. Ist es gut oder sogar sehr gut, können die schlechten Eigenschaften mir nichts mehr madig machen. Ist es sehr schlecht, finde ich meistens etwas Gutes. Und was ist schon sehr schlecht? Ich mag schlecht! Schlechte Eigenschaften lassen ein Game zu einem Hidden Gem werden. Hidden Gems sind in Wahrheit nicht gute Spiele die keiner kennt, bzw. die in Vergessenheit geraten sind. Die gibt es nicht. Gutes spricht sich rum. Gutes kennt jeder. Gutes willst du haben. Hidden Gems sind Spiele die eben nicht partout gut sind und kaum jemand wirklich kennt. Für den Edelstein musst du tief graben. Die Verkrustung wirst du kaum abbekommen. Es wird nicht jeder schön finden. Aber manche, die Schönheit auch in Hässlichem und Hässliches auch in Schönem entdecken, werden ab und an sagen: „Das hier ist anders. Das gefällt mir. Ich bin überrascht und fühle mich wohl etwas zu kennen das meinen Horizont erweitert. Ich verstehe warum es kein Kassenschlager wurde, aber ich respektiere den Weg, den die Entwickler gegangen sind. Mit der Hoffnung möglichst viele Gamer mit ihren Ideen zu überzeugen. Gutes und Schlechtes hält sich im Rahmen, beides hält das Gleichgewicht. Yin und Yang, Gut und Böse, Dunkel und Hell, Böse und Gut. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Dieses Spiel ist natürlich, dieses Spiel ist echt. Es ist Leben.“

Jung, dynamisch, superschnell – das alles ist Scalextric von SABEC Limited leider nicht – © Milorad Alempic

Scalextric von SABEC Limited wäre ein interessantes Spiel geworden, wäre es für den Rechner in einer Zeit erschienen als 33 Mhz und 4 MB RAM eine Topleistung waren. Damals hätte ich kein Problem gehabt mit der linken Maustaste rumzuklicken um Erster zu werden. Diese Farce von Spiel, die ich aber für die Switch runtergeladen habe, bringt es nicht einmal so weit um „so schlecht, dass es wieder gut ist“ zu sein. Es ist nur das Ergebnis trauriger Personen, die nicht den Eindruck machen als ob sie weiterleben wollen. Ich mache mir Sorgen um SABEC Limited, die Scalextric erschaffen haben. Dieses Spiel ist ein Hilferuf. Es ist ein Schrei nach Liebe. Ein Schrei, der gedämpft auf taube Ohren stößt, da niemand hinhört und niemals jemand hinhören wird. Die 9.99 € habe ich mit viel Liebe und Neugierde bezahlt. Aber bitte, SABEC Limited, die ihr Scalextric gemacht habt: macht etwas was euch Freude macht. Das Leben ist zu kurz für so etwas.

Gleich geht es los – © Milorad Alempic

Martin meint dazu: „Einbetten auf Anfrage deaktiviert“ – ich wollte den offiziellen Trailer zum Spiel gerne in den Artikel einbauen, aber Scalextric schämt sich wohl selber dafür. Die Inszenierung im Stile eines 90er-Pornos ist auch wenig ansehnlich. Dann muss eben ein Link her. Vielleicht kannst du so die Views ja etwas boosten. 375 Ansichten (Stand 06.07. 2018, 14:03 Uhr) sind auch irgendwie traurig. Immerhin habe ich gelernt dass es neben Carrera und K’NEX (wollte ich als Kind immer haben) noch einen dritten Global Player in der Welt der Carrera-Bahnen gibt – Bildungsauftrag erfüllt! Aber warum gibt es virtuelles Slotcar-Racing überhaupt? Es fehlt das Echte, das Haptische, das Kinetische. Die sehr reale Angst dass dein Wagen aus der Kurve fliegt, du auf Knien rutschend hinterher kriechen musst. So ist es nichts. Leer und ausgelutscht ist es, wie ein veganes Steak. (Kommt schon ihr Pescotarier, ihr wisst dass es so ist.) Nicht einmal der Thrashfaktor reicht um das Game interessant zu machen. Danke dass du dich wieder mal gequält hast Milo.

Scalextric

Wertung: Das sprengt unser Wertungssystem.
Publisher: Sabec ltd.
Entwickler: Sabec ltd.
Plattform: Switch
Preis: 9,99 €

Das Review-Exemplar wurde selbst gekauft. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

Milo

Milo

Ich bin Milo, Nicht-Sammler, Everdrive-User wann immer es möglich ist. Das Mittelmaß ist für mich die pure Freude. AAA-Spiele zocken kann jeder.
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