Review: Rez Infinite – Synästhetisches Meisterwerk

© Enhance Games

Final Fantasy 15, Gears of War 4, Overwatch, Last Guardian, Mario Maker…alles großartige und vor allem neue Spiele. Das Game, auf das ich 2016 mit am sehnsüchtigsten gewartet habe, ist aber die Neuauflage eines fünfzehn Jahre alten Shoot ´Em Ups. Nein, ich spreche hier nicht von Battle Garegga. Das ist außerdem schon zwanzig Jahre alt, du Rechenkünstler! Die Rede ist natürlich von Rez in der „Infinite“-Version für die PS4.

Rez fußt auf zwei großen Inspirationsquellen. Das spielerische Grundgerüst stammt von Segas eigener Panzer-Dragoon-Reihe. Wie in dieser fliegst du automatisch einen dreidimensionalen Korridor entlang. Feinde, Pickups und anfliegende Geschosse werden mit einem Fadenkreuz markiert und dann von Lenkraketen abgeschossen. Die Steuerung wurde im Vergleich zum Vorbild stark vereinfacht. Der linke Analogstick lenkt den Zielcursor. Dann brauchst du noch X zum Bedienen des Lockon-Schusses und O für die Bombe. Mehr Kontrollen gibt es nicht und mehr werden auch nicht benötigt.

Die zweite große Säule ist die Kunst. Das Spiel ist Wassily Kandinsky gewidmet, einem Wegbereiter des Impressionismus und angeblichen Schöpfer des ersten abstrakten Gemäldes. Zudem war er Synästhet. Für ihn verschwammen die sonst streng getrennten Sinneseindrücke. Er konnte also Farben als Geschmack wahrnehmen und dergleichen und hat dies auch in seiner Kunst versucht auszudrücken. Synästhesie ist dann auch Leitmotiv des gesamten Spiels. Ganze Welten vibrieren im Rhythmus von Farbe, Sound und Rumble-Motoren. Und das beste daran: man muss all den verkopften Kunstmist nicht verstehen, um Spaß an dem Spiel zu haben.

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Spielerisch gibt es schon ein paar Feinheiten. Bis zu acht Ziele können gleichzeitig erfasst werden. Je mehr es sind, desto höher der Punktemultiplikator. Wenn es eng wird, kannst du auch mal eine anfliegende Rakete in die Combo mit aufnehmen. Die gibt zwar nur 10 Punkte, treibt aber den Multiplikator hoch. Fünf Stages hat das reguläre Spiel. Jede hat eigene Themen, eigene Musik, eigene Stimmungen – und einen eigenen Boss. Abhängig von deiner Trefferquote im Level begegnest du einer anderen Form des Bosses. Es gibt Mega, Giga und Tera. Giga ist schon eine stramme Herausforderung, aber ein Tera-Boss tanzt Rumba auf deinem Hintern. Das ist auch einer meiner ganz wenigen Kritikpunkte an dem sonst großartigen Spiel. Die Bosskämpfe sind mir zu lang und etwas zu repetitiv. Fast wirkt es, als sollte das ansonsten herrlich kompakte Spiel durch sie künstlich in die Länge gezogen werden. Wie knackig-kurze, aber furiose und knallharte Bossfights ausgetragen werden zeigt uns Raizing in Battle Garegga. Trotzdem bist du in ’ner guten Stunde mit dem Hauptspiel durch.

Danach gibt es aber noch vieles zu entdecken: Marathonmodus, Bossrush, freispielbare Farbschemata und die Verlorene Area. Das ist ein eigener kleiner Level, in dem das Gefühl des Verlorenseins wunderbar eingefangen wurde. Leider – oder zum Glück – gibt es hier keinen Bosskampf.

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Das alles gab es bereits im Dreamcast-Original von 2001, in der PS2-Umsetzung von 2002 und in der HD-Neuauflage für die Xbox 360 von 2008 (bei uns nur als Download erhältlich, in den USA gab es aber einen codefreien Disc-Release inklusive Lumines Live! und Every Extend Extra Extreme – zwei weiteren Meisterwerken von Tetsuya Mizuguchi). Aber was ist wirklich neu an diesem Rez, was rechtfertigt den Namenszusatz Infinite? Zunächst einmal lässt sich das gesamte Spiel auch mit VR-Headset genießen. Spielerische Vorteile gibt es nicht, die Erfahrung ist aber sehr immersiv – der perfekte virtuelle Drogentrip. Dann gibt es noch die Area X zu entdecken. Ein gänzlich neues Areal, das vergleichsweise viel Spielzeit bietet und eine geraffte Neuinterpretation der Rez-Geschichte erzählt. Hier kannst du dich frei im 3D-Raum drehen und mit den Schultertasten „Gas geben“ und „bremsen“.

In der Area X zeigt sich, was moderne 3D-Grafik inzwischen zu leisten in der Lage ist. So derartig feine und im 3D-Raum stufig verteilte Partikelgebilde habe ich noch nicht gesehen. Die Optik in diesem Level hat mich echt begeistert und dabei bin ich eigentlich kein Grafikfetischist. Ich halte nichts davon, die Schützengräben irgendeines Weltkrieges in möglichst vielen originalgetreuen Pixeln nachzubauen. Schade, dass nicht das gesamte Spiel in dieser Weise überarbeitet wurde, es hätte deutlich davon profitieren können. Auch schade, dass es der Quasi-Nachfolger Child of Eden von 2011 nicht mit auf die Disc geschafft hat. Die KI in Rez heißt Eden, der Titel deutet also auf eine direkte Verbindung zwischen beiden Spielestories hin.

Aber es ist Rez! Rez ist und bleibt ein Meisterwerk und es wurde sinnvoll erweitert – wenn auch nur ein bisschen. Dafür vergebe ich 9/10 nach Zärtlichkeit schmeckende Bassnoten (Synästhesie, get it?)

Rez Infinite

Wertung: 9/10
Publisher: Enhance Games
Entwickler: United Game Artists / Enhance Games
Plattform: PS4 (getestet), PSVR (kompatibel, nicht erforderlich)
Preis: 29,99 Euro (Download). Eine Disc-Version für 39,99 US-Dollar (zuzüglich 15 US-Dollar Versandkosten nach Deutschland) ist exklusiv auf store.iam8bit.co.uk erhältlich.

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Ich bin Martin und habe schon alles gezockt was Knöpfe hat. Ich unterstütze Thomas mit Reviews und Berichten aus den tiefsten Nischen, die unser Daddelhobby zu bieten hat.
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