Review: Pixel Ripped 1995 – Childhood Simulator 2.0

Das Spiel des Jahres 1995 - schon heute!

© ARVORE Immersive Experiences

Retro – wir alle lieben es. Aber wie erzeugt ein Videospiel von heute dieses Gefühl von Kindheit? Hierfür bestehen zwei Ansätze. Einerseits eine genaue technische Nachahmung, andererseits freie Interpretation. Die Pixel Ripped-Serie geht den zweiten, weit aufwendigeren Weg – und zwar bis zum tränenreichen Happy End.

Wie du vielleicht mitbekommen hast, schreibe ich inzwischen auch für die Zeitschrift Return – ach komm, das hast du garantiert gemerkt! Ich gebe schließlich die ganze Zeit damit an. Jedenfalls gibt es dort die Rubrik „Neu und verpixelt“. Hierin werden neue Spiele auf neuen Systemen getestet, welche jedoch so aussehen, als könnten sie auch genausogut auf einem Super Nintendo oder Amiga laufen. Das ist der technische Ansatz, und er funktioniert. Nun gibt es aber inzwischen auch die virtuelle Realität, welche ein völlig neues Eintauchen in ihre Spielwelten ermöglicht.

Die Pixelwelt braucht wieder unsere Hilfe, aber sieh wie sie sich entwickelt hat – © ARVORE Immersive Experiences

Moderne Zeiten

Im Vorgänger Pixel Ripped 1989 haben wir den Angriff des bösen Cyblin Lord auf die monochrome Gameboy-Welt erfolgreich verhindert. Doch nun greift der Schurke wieder an! Als Ziel hat der zeitreisende Bösewicht sich das Jahr 1995 ausgesucht – eine Zeit der Veränderungen, Neuentdeckungen und oft schmerzhafter Umbrüche für die Videospielwelt.

Du spielst wieder die Heldin Dot, mit ihrem grünen Zelda-Kleidchen, Mega Man-Arm und dem Metroid-Visier. Auch diesmal braucht sie Hilfe aus der physischen Welt, und zwar von niemand geringerem als dem besten Videospieler des Jahres 1995. Es trifft den neunjährigen David Keene aus New Jersey.

„Aber ich will doch nur in Ruhe zocken“ – © ARVORE Immersive Experiences

Du sitzt also als David im Wohnzimmer auf dem Boden und zockst ein virtuelles Pixel Ripped auf deinem Power System. Helikoptermama Karen Keene macht nebenbei Telefonanrufe für ihren Nebenjob als Maklerin („Always keen on finding you a home“ – dieses neumodische Email-Zeugs hat sie noch nicht, aber über ihren Pager erreichst du sie 24/7). Papa Greg kommt mit dem Weihnachtsbaum rein. Er nennt dich Champ und ist überhaupt ein Loser. Dein Kindheitsfeind Mike lehnt sich manchmal von außen über die Fensterbank, disst dich böse und nennt dich Dork. Wenn Erwachsene in der Nähe sind, ist die kleine Ratte aber plötzlich ganz brav und erzählt, wie er Omas über die Straße hilft. Und er prahlt! Sein Onkel arbeitet nämlich als Konsolenentwickler, und daher durfte er als allererstes das neue Ultimate 32 ausprobieren. Einige von Mikes Ideen wurden sogar umgesetzt – ja nee is‘ klar! Die Dialoge sind echt köstlich, und könnten teilweise von Working Designs persönlich stammen – aber darum geht es hier nicht.

Die Heimfahrt von der Videothek artet zum Road Rash-Straßenkampf aus – © ARVORE Immersive Experiences

Level eins von Pixel Ripped ist ein Top Down-Shooter. Du läufst durch den grünen Wald und ein kleines RPG-Dörfchen, plättest Viecher, weichst rollenden Baumstämmen aus und sammelst Kristalle. Die Klunker sind gleichzeitig deine Lebensenergie. Wirst du getroffen,fallen sie wie Sonic-Ringe auf den Boden und müssen wieder aufgelesen werden. Wirst du ohne Kristall angetroffen, geht es zum letzten Rüchsetzpunkt. Diese erste Szene ist noch relativ seicht. Sie bietet kaum Herausforderung, und könnte unmöglich als eigenständiges Retro-Game bestehen. Aber auch darum geht es hier nicht.

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Die kleinen Dinge

Es geht um alles zusammen, und das Gefühl, welches dabei entsteht. Wie du als Kind einfach nur Zeit und Ruhe beim Zocken haben wolltest, aber von allen Seiten attackiert und zugequatscht wurdest, und gezwungen warst deine kleine Welt irgendwie zu verteidigen. Mama hat nämlich in den Schund-Blättern beim Friseur gelesen, dass zu langes Daddeln die Augen austrocknet und das Wachstum hemmt. Irgendwann zieht Mami dir einfach den Stecker, natürlich nur weil sie es gut mit dir meint.

Um das zu verhindern, findest du im Spiel (!) eine Nerf-Gun, die du außerhalb des Spieles (!!) benutzen kannst. Hiermit feuerst du nun die Keksdose vom Küchenschrank, ballerst auf die Boom Box, oder räumst die Weihnachtsbaumdeko oder den schicken Sammelteller ab. Mum ist dann ein paar Sekunden mit fluchen und aufräumen beschäftigt – hoffentlich bis zum nächsten Telefonklingeln.

PewPewPew! Mama muss abgelenkt werden – © ARVORE Immersive Experiences

Another Brick in the 4th Wall

Dann, wenn es wirklich notwendig ist, verschont dich das Spiel aber mit Eltern und falschen Freunden, und lässt dich konzentriert kämpfen – etwa bei den großartigen Endgegnerschlachten. Hier musst du meist erst eine Taktik herausfinden wie dem Boss am besten beizukommen ist. Hast du diese gefunden, ist der Kampf immer noch knackig schwer, aber niemals unfair. Es ist eine Freude, Boss-Design auf diesem Niveau erleben zu dürfen, und was habe ich es vermisst in den letzten Jahren!

Der Bosskampf der ersten Stage hat unser Modul gesmort, also müssen wir in die Videothek und Ersatz ausleihen. Mike der Prahlhans tönt schon wieder groß rum, aber die coolen Kids glauben ihm natürlich kein Wort seiner Ultimate 32-Räuberpistole. Dafür hat sich die kleine Sackratte aber das letzte Pixel Ripped-Modul gekrallt, und er rückt es nur raus wenn wir tun was er sagt. Dazu stehen wir genau zwischen zwei Anspielstationen. Links unsere gewohnte Power Station mit einem wahrhaft zuckersüßen Maskottchen-Hüpfer, rechts das große, böse, scharze Turbo Drive! Hier läuft ein düsterer Sidescroller mit gruseligen Aliens – herrlich so viel Blut! Power Ups wirken in beiden Spielen, und so muss David immer wieder umgreifen und mal den linken, mal den rechten Controller in die Hand nehmen.

Zwischen den Systemen – © ARVORE Immersive Experiences

Streets of Frustration

So bietet jede der sechs Stages ihre spielerische und atmosphärische Besonderheit, und setzt in Sachen Kreativität und Neunziger-Atmosphäre immer wieder einen drauf. Doch leiderleider geht das nicht immer gut. In der vierten Stage erlaubt sich das Spiel einen bösen Schnitzer. Wir sind in der örtlichen Spielo zu einem Street Puncher-Turnier. SP ist ein wunderbar dreister Streets of Rage-Klon, für den sogar die unverkennbar steifen Animationen und Körperhaltungen des Klassikers kopiert wurden. Spielerisch erinnert hier allerdings gar nichts an den Sega-Oldie. Sprites zu groß, Kamera zu dicht dran, zu viele Feinde gleichzeitig auf dem Schirm – die typischen Anfängerfehler halt. Du wirst andauernd unfair getroffen, und die kurze Unverwundbarkeitsphase verhindert gleichzeitig dass du deine Sonic-Ringe wieder einsammeln kannst. Alter, ist das frustrierend! Ich habe nicht gezählt wie oft ich hier gestorben bin, aber es war oft. Hätte ich noch Haare, wäre sicherlich ein großer Teil davon grau geworden. Dank Level Select nach dem Durchspielen musst du diese Tortur nur einmal über dich ergehen lassen. Wenn du willst kannst du sogar direkt zu den Bosskämpfen springen.

Studio-Chefin Ana Ribeiro ist auf Messen gern im Dot-Cosplay unterwegs – steht ihr! – © ARVORE Immersive Experiences

Immersives Kunstwerk und verdammt gutes Spiel: Pixel Ripped 1995 ist beides. Am Ende des Spiels hatte ich tatsächlich Tränen in den Augen. Ein sehr privater Moment unter dem Headset, und doof wenn die Brille beschlägt. Mit diesem Spiel ist die Hochwassermarke dessen, was Videospiele heute können und können müssen, ein kleines Stück weitergerückt. Für mich wäre das locker die Höchstnote wert, wäre nur nicht dieser eine doofe Level – dieser macht immerhin ein Sechstel des Spiels aus, und wegdiskutieren lässt er sich einfach nicht. Dennoch: Hast du ein VR-Headset und eine Kindheit in den Neunzigern, dann brauchst du dieses Spiel. Hast du keine Kindheit in den Neunzigern, dann kannst du dir hier eine kaufen – jawohl, Kindheit ist jetzt käuflich. Und das ist gut so.

Pixel Ripped 1995

Wertung: 9,5/10
Publisher: ARVORE Immersive Experiences
Entwickler:
 ARVORE Immersive Experiences
Plattform: Oculus Rift/Quest, PS4, Steam-PC (VR-Headset zwingend erforderlich)
Preis: 19,99 € (Oculus Store), 19,99 € (PS4), 19,99 € (Steam-PC)

Für den Test wurde ein kostenloser Review-Key vom Publisher ARVORE Immersive Experiences zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots stammen vom Publisher.

Spoilerzone: Markiere den folgenden Text, um ihn sichtbar zu machen. Markiere ihn bitte NICHT, wenn du Pixel Ripped 1995 noch spielen willst und es dich in seiner vollen Härte treffen soll. Dies ist jedoch ein so essenzieller Teil des Gesamterlebnisses, dass er einfach auch im Review besprochen werden muss. Ich habe dich also gewarnt. Aber ich weiß du drückst eh und hatest mich dann auf Facebook.

In der vorletzten Stage schafft das Spiel das stärkste Fourth Walling, welches ich überhaupt jemals in einem Videospiel erlebt habe – Superlative, Punkt! David wird selbst in die Konsole gezogen und erlebt das Geschehen kurz aus der Perspektive des Fernsehers. Seine Mum übernimmt widerwillig den Controller, um ihn zu retten. Wie Mütter nunmal so sind, weiß sie zunächst nicht wie rum sie den Drücker halten soll. Also tauscht sie mehrmals hin und her, was deine Steuerung jedes Mal komplett umkehrt. In einem stark an Donkey Kong Country erinnernden Springspiel eine Qual, aber eine hochkreative. Anfangs zittert sie noch vor Angst, da „der gutaussehende Doktor“ im TV noch gesagt hat, von der radioaktiven Strahlung der Bildröhre würden einem die Haare ausfallen. Aber schnell stellen sich erste Erfolgserlebnisse ein, und irgendwann macht es ihr solchen Spaß dass sie freiwillig weiterzockt. Am Ende sammelt sich die ganze Familie vereint vor der Glotze und genießt digitale Unterhaltung, und auch die kleinen Anfangs-Reibereien sind vergessen. Eines der schönsten Happy Ends der Videospielgeschichte, und ganz, ganz großes VR-Kino!

Martin
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Ich schmeiße hier den Laden solange Thomas Yakuza zockt. Du hast Fragen, Anregungen oder Kritik? Du willst dein Spiel getestet haben? Du willst mir einfach nur sagen wie scheiße du mich findest? Schreib mir unter Martin@boobsandbullets.com!
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