Review: Panzer Paladin – Gefallsucht

er ist ein panzer und er sieht gut aus

© Tribute Games

Panzer Paladin wird jetzt schon als das neue Shovel Knight gefeiert. Tatsächlich sieht das Spiel phantastisch aus und erschlägt dich geradezu mit NES-Pixelart. Aber macht allein das schon ein gutes Spiel aus? Kann man es auch zu sehr wollen? Zeit, den Panzer für eine Inspektion auf die Boobsie-eigene Hebebühne zu stellen.

Die Welt ist mal wieder am Abgrund, fiese Dämonen aus dem Weltall, blabla. Die übliche Klischee-Weltrettung, ohne die ein solches Spiel aber auch sträflich unspannend wäre. Diesmal haben die Aliens allerlei folkloristische Monster aus vergangenen Zeiten wiederbelebt. Anubis in Ägypten, Blabla Jaga in Russland, Medusa in Griechenland, und ein riesiger Schneemann in der Schweiz. Nur zwei können uns jetzt noch retten: unser experimenteller Kampfroboter und seine Androidenpilotin Flare.

To Battle! – © Tribute Games

Das Intro knallt schonmal richtig rein. Zwar ließe sich diese Bilddynamik niemals auf einem echten NES darstellen, aber Farbein, Bildaufbau, Pixeligkeit und Grobkörnigkeit fangen den typischen NES-Look hervorragend ein. Flare wirkt mit ihrer blauen Haarpalme wie ein Charakter aus Space Battleship Yamato, und der Panzerroboter könnte genausogut ein Eighties-Transformer sein. Nostalgische Coolness, der kaum ein Retrogamer widerstehen kann.

Nach einem kurzen Tutorial-Level geht es auf eine Mega Man-artige Weltkarte, wo du dir den nächsten Gegner aussuchen kannst. Im Level wirst du erst einmal erschlagen von spielerischen Möglichkeiten. Konnte Simon Belmont im allerersten Castlevania bloß springen, mit der Peitsche schlagen und begrenzt Sonderwaffen einsetzen, so hast du hier einen hohen und tiefen Schild zur Abwehr von Projektilen, du kannst nach oben schlagen und auf deinen Gegnern Pogo-hüpfen wie in Shovel Knight oder dessen Inspirationsquelle Duck Tales. Und du kannst den Mech-Anzug verlassen und als winzigkleines Pixel-Mädchen rumrennen. Dann hast du eine Energiepeitsche, mit der du auch an Haken an der Decke baumeln kannst.

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Zentrales Feature sind aber die vielen einsammelbaren Waffen. Alle Nase lang schenkt dir ein besiegter Gegner ein Schwert, eine Axt oder einen Streitkolben. Du findest sie auch an schwer zugänglichen Stellen, oder als Wall Chicken hinter zerstörbaren Wänden. Die Waffen sind nur begrenzt haltbar, was über eine Energieleiste rechts oben angezeigt wird. Du kannst die Waffe auch werfen oder selbst zerstören, was dir etwas Heilung oder kurzzeitige Statuseffekte gibt. Wenn du auf die (leider etwas raren) Speicherpunkte triffst, dann musst du eine deiner Waffen wie König Artus in den Stein hauen, um den Safe Point zu aktivieren. Bis zu vier Waffen kannst du mit dir rumtragen, der Rest wird gesammelt für später.

Im Hauptmenü kannst du gesammelte Schwerter einschmelzen und dir so eine dauerhafte Enhöhung deiner Energieleiste holen. Das klappt leider nur fünf mal, und weitere Upgrades gibt es nicht – schade. Wer mag kann in einem kleinen Pixel-Editor auch eigene Schwerter erstellen, welche dann bei anderen Spielern auftauchen können.

Flare hängt ab – © Tribute Games

Die Steuerung des Spiels ist hervorragend. Der Panzerritter hat genau die richtige Bewegungsgeschwindigkeit, Sprünge sind präzise und planbar, die (immer mal etwas unterschiedliche) Reichweite der Klingen lässt sich gut abschätzen, es fühlt sich alles chunky und passend an. Zwar leidet das „Mech-Gefühl“ etwas unter der Reponsivität, aber mein Gott! Die Steuerung macht einfach Freude.

Leider ist dies gleichzeitig das große Problem von Panzer Bandit, Pardon, Panzer Paladin. Das Spiel versucht ZU sehr, den Retrogamer glücklich zu machen. So sehr, dass darüber völlig vergessen wurde den Retrogamer auch ernst zu nehmen. Das Leveldesign ist nämlich so dermaßen eindimensional, dass von deinen vielen taktischen Möglichkeiten absolut nichts übrig bleibt.

Wie der Shovel Knight kannst du auf Gegnern Pogo tanzen. Es ist allerdings nicht so schön umgesetzt – © Tribute Games

Du bist die meiste Zeit in eine Art Schlauch unterwegs, und stets gibt es genau eine Möglichkeit, die dich weiter bringt – gewissermaßen das 2D-Äquivalent zu einer Call of Duty-Schlauchkampagne. In den Kämpfen sind Schild und Reichweite zu mächtig, alsdass eine echte Herausforderung entstehen würde. Da nützen auch die drei Schwierigkeitsgrade und der freischaltbare Level-Randomizer nichts.

Nicht einmal die Parkmöglichkeit bringt hier viel. Du nutzt sie immer dann, wenn das Spiel für dich entscheidet, dass du etwas Abwechslung durch eine kurze Schwing-Passage haben möchtest. Flares Peitsche ist zudem so stark, dass du auch mit ihr gut gegen die meisten Standardgegner behaupten kannst. Freundlicherweise setzt dir das Spiel in Flare-Abschnitten auch nur Kleinvieh vor. Du sollst dich halt stark und mächtig fühlen. Die Gelegenheit, dir mit einer kleinen, schwachen Flare etwas Angst zu machen und dir gleichzeitig eine schöne Retro-Herausforderung zu bieten, wurde damit gründlich vergeigt. Nach dem Flare-Abschnitt wird der Mech durch einen praktischen Teleporter nachgeholt – wieder regiert die Faulheit im Leveldesign. Kleine Bonusräume, die nur fußläufig erreichbar sind, sind selten und machen den Altkanzler auch nicht fett. Eigentlich hast du nach dem Tutorial bereits alle spielerischen Möglichkeiten gesehen.

Panzfrieds Drachenkampf und Ende – © Tribute Games

Bei den Bosskämpfen scheint es dann, als wolle das Spiel all die verpassten Chancen wieder gutmachen – allerdings auch wieder zu sehr zu angestrengt, zu verbissen. Hier bietet das Spiel dir eigentlich wunderschöne, fordernde Schlachten in bester Capcom-Tradition. Der Boss springt zwischen zwei Plattformen am linken und rechten Rand hin und her, und begibt sich auch mal in die Mitte zum großen Feuerwerk, oder rollt sich zum Ball zusammen und dotzt von links nach rechts und zurück – du kennst das Spielchen.

Leider wird hier auch desöfteren zu unfairen Mitteln gegriffen. Viele Attacken kommen ohne ausreichende Vorwarnzeit, oder sind mal eben weder blockbar noch ausweichbar. Und immer wieder fällt es den Bossen ein, einen Regen aus Felsen, Feuerbällen oder sonstigem Zeug auf deinen Metallschädel loszulassen. Hier gibt es ganz selten erkennbare Patterns, und wieder mal keine Vorwarnzeit

In Russland wirft der Feuerteufel Brandbomben – kontere ihn mit deiner Reichweite! – © Tribute Games

Was hilft, ist pixelgenaues Auswendiglernen der jeweiligen Attacken, reichlich Glück und die Hoffnung auf die richtigen Waffen im Gepäck. Zeitfenster für den Einsatz der Waffenmagie finden sich kaum in der Hektik, und irgendwie scheinen sich die Knüppel beim Einprügeln auf den Boss auch besonders schnell abzunutzen. Wenn du beim Boss stirbst, kannst du es dank einem begrenzten Vorrat an Leben zwar nochmal versuchen, stehst aber komplett ohne Waffen da. Du könntest jetzt das noch im Speicherstein steckende Schwert herausziehen und damit in den Kampf stürmen, aber dann ist der Safepoint weg und du müsstest beim fast unausweichlichen Scheitern die letzten fünf Minuten Schlauchlevel wieder über dich ergehen lassen – ein retromodernes Gradius-Syndrom.

Checkpoint! – © Tribute Games

Hat der Panzer keine Energie mehr, so bist du automatisch mit Klein-Flare unterwegs, welche noch ein winziges Stück eigene Energieleiste mitbringt. Ich erwähne das extra an dieser Stelle, weil dieser Fall praktisch nur bei den Endgegnerkämpfen eintritt. Sind die Angriffe und Bewegungsmuster der Bosse denn auf Flares Größe und Move-Set abgestimmt? – Aber natürlich nicht! Einzig der Kampf gegen Medusa hat hier eine nette Idee eingebaut. Ich Blick versteinert den Mech, und du musst kurz aussteigen und ihn mit der Peitsche freikloppen.

Panzer Paladin bietet auf dem Papier alles, was den Retro-Fan glücklich macht. Darüber vergisst es aber, was die wirklich guten Spiele von damals im Kern ausmacht – die richtige Dosis Herausforderung. Bei den Bosskämpfen bietet es zu viel Frust, in den Levels zu wenig. So taugt das Spiel bestenfalls für den schnellen Retro-Fix zwischendurch, und wird sich kaum zum modernen Klassiker vom Range eines Shovel Knight erheben. Schade eigentlich, das Potential wäre da.

Panzer Paladin

Wertung: 6/10
Publisher: Tribute Games Inc.
Entwickler:
Tribute Games Inc.
Plattform: Switch, Steam-PC
Preis: 18,00 € (Switch Download), 16,79 € (Steam Download)

Für den Test wurde ein kostenloser Review-Key vom Tribute Games Inc. zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots stammen vom Publisher.

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