Review: Ni No Kuni 2: Schicksal eines Königreichs – Das Wohlfühl-RPG

Wunderschönes Japano-RPG mit der vollen Dosis Seele

© Martin Nagel

Wer entwickelt denn heutzutage noch Rollenspiele? In den Neunzigern war das Genre ganz groß, die Secret of Manas, Lufias und Final Fantasys waren Innovationsmotor der gesamten Branche. Ironischerweise hat gerade der Import typischer Spielmechaniken in andere Genres zum Niedergang des klassischen RPGs geführt. 

Die heutige RPG-Landschaf wird von kleinen Indie- und Retroprojekten und den Open World-Shooterwüsten der westlichen Studios geprägt. Triple A-Produktionen sind selten und brauchen manchmal zehn Jahre für eine Bauchlandung.

Auftritt Level-5! Mit Hits wie Dark Cloud, Rogue Galaxy und Dragon Quest 8 hat sich das japanische Studio um Akihiro Hino schnell in die Herzen der JRPG-Fans programmiert. Mit dem ersten Ni No Kuni schufen sie schließlich eines der schönsten und einprägsamsten PS3-Spiele. Eines vorweg: Tröpfchen und Oliver sind nicht mit dabei. Ich vermute dass die Rechte an den beiden noch beim damaligen Partner Studio Ghibli liegen. Wie in der Final Fantasy-Reihe erzählt der zweite Teil Ni No Kuni eine komplett eigene Geschichte – und diese ist dem letzten Final Fantasy sogar gar nicht mal unähnlich. In beiden geht es um einen jungen König den die Last der Krone drückt.

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Von Mäusen und Menschen – und Katzen!

Menschenwelt: Präsident Roland Klein befindet sich mit seinem Tross auf dem Weg in eine glitzernde Großstadt. Plötzlich kreischen Cruise Missiles über seinen Kopf hinweg, die Stadt versinkt in einem gigantischen Flammenball. Roland fragt sich ob er tot ist. Stattdessen erwacht er im magischen Schloss Katzbuckel, dem Herrschaftssitz des Katzenvolkes der Miez. Auch hier wütet der Krieg. Das Mäusevolk der Mauß rebelliert gegen die Herrschaft der Katzen. Den weisen alten König haben sie schon geholt, jetzt ist der junge Prinz an der Reihe. Doch Roland kann keine Ungerechtigkeit ertragen, und vor ihm liegt ein herrenloses Schwert.

Ein paar Hiebe und etwas Anfangsmisstrauen später liegt die Rotaugenbrigade der Mauß im Staub und Roland flüchtet mit Prinz Evan durch das von Feinden besetzte Schloss. Wir lernen den Umgang mit dem Schwert, der Kamera und der einfachen Schleichmechanik. Die Tutorials sind dabei vorbildlich! Während des Spiels ploppen unauffällige kleine Texte auf die das Wesentliche erklären. Wer will kann sich mit Druck auf L3 weiterführende Informationen holen, aber eine Zwangsunterbrechung des Spielflusses gibt es nicht.

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Schon jetzt zeigt sich: Ni No Kuni 2 hat eines der besten Kampfsysteme die mir in 25 Jahren JRPGs untergekommen sind. Echtzeit, leichte und schwere Schläge, Ausweichrolle auf der Schultertaste und ’ne Handvoll aufladbarer Fernattacken – mehr braucht es nicht. Einen von drei Helden steuerst du direkt, die anderen werden halbwegs intelligent von der CPU befehligt. Jeder Chara hat eine Magieleiste die auch für Fernkampfattacken genutzt wird. Sie wird durch Nahkampfangriffe aufgefüllt.

Wenn du gegen einen starken Feind antrittst kannst du dich eine Weile durch Fernkampf und aufladbare Specials retten. Irgendwann ist jedoch die Munition erschöpft und du musst in den kräftezehrenden Nahkampf gehen. So wird sichergestellt dass die Kämpfe bei harten Gegnern oder niedrigem Level nicht zu leicht werden.

Feinde sind dabei jederzeit sichtbar. Level und Farbe zeigen den Schwierigkeitsgrad an. Grün = gemütlich schaffbar, rot = böse. Nettes Detail: Stirbt einer deiner Kameraden im Kampf, so verfärbt sich der Indikator „live“ um den nun gestiegenen Schwierigkeitsgrad anzuzeigen.

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Der eigentliche Vorteil dieses Systems ist es dass du dich schnell und unkompliziert durchschnetzeln kannst wenn du überlevelt und ungeduldig bist. Dann reichen ein paar Schläge mit der halbautomatischen Zielerfassung und du darfst weiterziehen. Überhaupt gibt es keinen Schnickschnack in den Kämpfen. Ladezeiten, einleitende Kameraschwenks, nervtötende Beschwörungen oder Zauberanimationen – alles entsorgt. Da ich inzwischen aufgrund moderner Erzähltechniken und der vielen Shmups die Aufmerksamkeitsspanne einer Fliege habe bin ich den Entwicklern sehr dankbar für diese Designentscheidung. Hier fühle ich mich als Spieler einfach verstanden.

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Und wie die Welt so weit

Zurück zu Evan und Roland: Nach der Flucht durch die Katzalisation (solche Wortspiele gibt es häufiger) öffnet sich den beiden eine Oberwelt voller Wunder. An jeder Ecke finden sich Schätze (in Truhen oder zum drüberlaufen), lauern mächtige Monster oder warten versteckte Höhlen. Und die Welt erweitert sich immerzu. Brückenzauber öffnen neue Abschnitte. Später bekommst du ein Schiff mit dem du Flüsse hinauffahren und so weitere geheime Grotten entdecken kannst. Und was ist überhaupt jenseits des Meeres?

Das Meer muss warten. Erst einmal lernen wir Tante Marta kennen, die uns in die Gruffikunde einführt. Gruffis sind putzige kleine Naturgeister die uns im Kampf helfen. Je nach Art des Gruffis kann diese Hilfe ein heilendes Kraftfeld sein, oder ein Mörser der den Feind mit Granaten beschickt. Großziehen, sammeln und liebhaben ist hier die Devise.

Nebenbei sind die Viecher auch ein guter Mülleimer für überschüssige Items. Level-5-typisch kannst du dich vor liebevoll gestalteten Äpfeln, Holzscheiten und Stoffballen nämlich kaum retten. Auch in den Kämpfen dropt sehr viel. Schaffst du es nicht die Beute bis zum Ende des Kampfes einzusammeln, dann holst du sie dir einfach auf der Oberweltkarte. Wieder fühle ich mich als RPG-Veteran wunderbar verstanden. Wir brauchen jeden verdammten Gegenstand, und sei er auch noch so klein und unwichtig.

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Graphic Equalizer

Möchtest du für gewonnene Kämpfe besonders viele Erfahrungspunkte einsacken? Doch lieber mehr seltene Items? Oder etwa beides? Dann solltest du etwas Aufmerksamkeit in den Kampfequalizer investieren. Hier kannst du dich auf bestimmte Elementmagie spezialisieren, deine Abwehr oder den Nahkampfschaden stärken und vieles anpassen. Für Levelaufstiege bekommst du Kampfpunkte, die du in das Feintuning investieren kannst. Je länger du kämpfst, desdo mehr Möglichkeiten hast du.

Ein weiteres liebevolles Detail ist das MechBook. Evans Abenteuer auf dem Weg zu einem eigenen Königreich kommen nicht einfach in ein langweiliges Tagebuch, nein! Stattdessen werden sie in einem sozialen Netzwerk gepostet und auch kommentiert – inklusive der üblichen Rechtschreibfehler und Kleinkriege.

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Einfachheit

All diese Funktionen sind über klare, aufgeräumte Menüs zugänglich. Überflüssige Elemente wurden gnadenlos wegrationalisiert, was dem Spielfluss und der Zugänglichkeit sehr zugute kommt. Die Steuerung ist ebenso Spot-On, sei es in den Kämpfen, auf der Oberwelt, in den Städten oder in den Menüs. Solche Sachen kann Level-5 einfach, und es wird auch geholfen haben dass die Konsole die Lead-Plattform bei der Entwicklung war (jawohl lieber Geralt, ich denke gerade an dich). Einzig der Statusbildschirm hat mir etwas gefehlt. Niemand benutzt ihn, aber allein zu wissen dass er da ist gibt Sicherheit und das Gefühl von Kontrolle.

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Mal etwas Politik wagen

Die Truppe um Evan erweitert sich schnell um die kleine Luftpiratin Shanty, den kräftigen, aber nicht besonders schlauen Zoran und die Mechanikerin Suzie. Mein Liebling ist aber eindeutig Roland. Als Politiker von der Erde kennt er so manchen schmierigen Trick. Neben Evan ist er auch der einzige Charakter mit etwas mehr Tiefe.

Verglichen mit dem ersten Teil ist der Plot epischer, nicht mehr so magisch und manchmal sogar leicht politisch. Er wagt auch den einen oder anderen aktuellen Bezug, etwa wenn bei der Rückkehr nach Katzbuckel die Miez von den Mauß unterdrückt werden und in Ghettos leben müssen. Dabei bleibt die Geschichte immer Kinderkompatibel, ohne aber die Erwachsenen zu vergessen.

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Eine Armee von Nebenaufgaben

Level-5-typisch gibt es unglaublich viel zu tun in Ni No Kuni 2. Meistens handelt es sich um einfache Bring-Quests, die aber in lustige kleine Geschichten verpackt wurden. Mal muss Evan heiße Suppe ausliefern – lass sie nicht kalt werden – mal ein Verbrechen aufgeklärt werden, mal ein Wettrennen mit nervigen vorwitzigen Kindern gewonnen werden. So oder so läufst du meistens dem Questmarker hinterher. Allerdings haben die Nebenaufgaben noch einen anderen wichtigen Nutzen: Du lernst die Gegend kennen. Viele der gut versteckten Höhlen und Inseln auf dem weiten Meer hätte ich ohne die Questmarker nie gefunden. Ich mag es wenn Spielmechaniken so gut ineinandergreifen.

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Besonders gefallen haben mir die Traumtüren, optionale kleine Dungeons. Hier regiert ein Battle Garegga-artiges Ranking. Öffnest du Truhen , kämpfst du oder lässt du einfach nur Zeit verstreichen, in jedem Fall steigt das Gefahrenniveau des Dungeons. Nach Kämpfen oder in zerdepperten Krügen findest du Traumkugeln. Diese kannst du an speziellen Stationen für eine Senkung des Rankings ausgeben. Oder du öffnest damit Bonustruhen mit besonders wertvoller Beute – Risk and Reward! Achja: am Ende des Dungeons wartet ein besonders fieser Monsterboss, und du kannst hinter der Traumtür nicht speichern. Hast du zu viel riskiert oder warst zu gierig ist alles weg.

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Eine richtige Armee

Ein richtiger König muss auch manchmal seine Armee aus dem Schrank holen. Die Militäreinsätze sind zugängliche kleine Echtzeit-Schlachten irgendwo zwischen Pikmin und Overlord. Bis zu vier Truppenverbände umgeben Evan ringförmig. Du kannst sie mit den Schultertasten drehen. Wende dem Feind immer deine Schwertkämpfer zu, und lass die Bögen aus der Ferne angreifen.

Heerführer, Soldaten, Handwerker, Ladeninhaber, Köche, Wissenschaftler und Magier: die Belegschaft ist das schlagende Herz deines Königreiches. Wie gut dass Evan auf seinen Reisen allerlei unzufriedene Leute trifft, die nach einer kleinen Bring-Quest nur allzu gerne in sein Reich übersiedeln. Die Quests sind zwar oft reine Beschäftigungstherapie, zwingen dich aber auch die Feinheiten des Crafting-Systems und der Militäreinsätze zu erlernen. Dank der einfachen – und kostenlosen – Schnellreise sind viele Aufgaben auch schnell erledigt. Habe ich schon die wunderbar verzahnte Spielstruktur erwähnt?

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A Clash of Clans

Wie baut man heutzutage ein Königreich? Natürlich in Clash of Clans-Manier! Dein Königreich erwirtschaftet eine zweite Währung namens Kronen. Mit Kronen baust du neue Einrichtungen, die wiederum Kronen abwerfen. Nebenbei werden allerlei Items produziert, Skills freigeschaltet und dein Einfluss steigt. Einfluss ist ein Level, dass es dir erlaubt neue Gebäude zu errichten und irgendwann dein Königreich in mehreren Stufen zu vergrößern, was wiederum Bauplätze freischaltet. Du kannst auch die Höchstkapazität der Kronen-Kasse und des Item-Lagers erhöhen – ganz wie in Clash of Clans und den unzähligen Nachahmern eben. Leider wirtschaftet das Königreich nur wenn das Spiel auch läuft – auf eine Offline-Kompensation hat Bandai Namco leider verzichtet. Die Versuchung die Playsn nebenbei laufen zu lassen und Kryptowährung für mich einnehmen zu lassen war schon groß.

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Und warum musst du bei jedem Forschungsprojekt noch einmal 10 bis 60 Minuten warten bis es abgeschlossen ist? Natürlich damit du weitere Kronen investieren kannst um die Entwicklung zu beschleunigen. Das alles riecht leider sehr danach als wollte uns jemand Kronen für Echtgeld verkaufen. Bekannt ist in dieser Hinsicht noch nichts. Allerdings ist Bandai Namco nicht schüchtern wenn es um die nachträgliche Monetarisierung von Vollpreistiteln geht – denk an all die Bonuskostüme und Erfahrungspunktebooster in den Tales Of-Teilen. Die Wertung erfolgt daher unter dem Vorbehalt dass Bandai Namco vernünftig bleibt und nicht in einem schon bezahlten Vollpreistitel auf Walfang geht. (Update 23. 03. 2018: KEINE Mikrotransaktionen! Danke Bandai Namco, ihr habt dem Dämon der Gier widerstanden.)

Achja: du kannst deine Kronen auch für temporäre Statusboosts in den Militäreinsätzen ausgeben. Dies ist entweder eine durchdachte Möglichkeit um den Kronen noch einen Sinn zu geben wenn das Schloss schon vollständig ausgebaut ist, oder ein weiterer Hinweis auf einen Echtgeldshop.

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Vor allem, da die so freischaltbaren Skills auf ein hartes und langes Endgame hindeuten. Dieser Endgame Content ist bereits angekündigt und wird gerade entwickelt- schade nur dass er hinter einer Paywall gelockt ist (Ich counte gerade wie viele Anglizismen ich in einen Sentence putten kann ohne dass es stupid soundet.). Anyway, es ist bereits ein Season Pass mit zwei Extra-Abenteuern zum Preis von 29,99 angekündigt. Zwar bietet die Geschichte ein rundes und befriedigendes Ende, das Aufbau-Gameplay tut dies jedoch nicht.

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Eine Reise die du nicht vergisst

Mit Ni No Kuni 2 haben Level-5 vielleicht ihr bestes Spiel entwickelt. Die etwas frickelige Pokémon-Verwaltung des Vorgängers ist herrlich unkomplizierten Echtzeitkämpfen gewichen. Und die Grafik siehst du ja selber. Auch ohne Studio Ghibli wird der liebevolle Anime-Stil die leidigen Auflösungs- und Framerate-Diskussionen überdauern und auch in zehn Jahren noch gut aussehen.

Mein persönliches Atmosphäre-Highlight war die altchinesisch anmutende Stadt Goldorado. Hier herrscht eine neonleuchtende Detailfülle wie ich sie sonst nur aus Shenmue oder der Yakuza-Serie kenne. Die hündischen Bewohner sind so sehr dem Glücksspiel verfallen, dass sogar die monatlichen Steuern über Glückswürfel (pardon, „Wuffel“) abgerechnet werden. Bei einer Eins musst du nichts zahlen, bei einer Sechs sechsfach.

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Schade finde ich nur dass nicht alle Gebiete mit solcher Sorgfalt ausgearbeitet wurden. So kann das eigene Königreich leider nur über eine etwas eingezoomte Weltkarten-Ansicht erkundet werden. Wie gerne hätte ich die Straßen meines mühsam errichteten Reiches erkundet, hätte ein Schwätzchen mit all den rekrutierten Bewohnern gehalten und dem Wohlstand beim Wachsen zugesehen.

Auch stören mich die Free2Play-Anleihen und der teure Season Pass. Wenn du nur die Standardfassung kaufst bleiben bewusst gelassene Lücken, und du fragst dich wozu du das ganze Königreich überhaupt aufgebaut hast. Und die Schrift ist mal wieder viel zu klein! Die winzigen und viel zu kurz eingeblendeten Gedankenblasen könnte ich nicht mal mit der (immer noch dringend benötigten) Colaflaschenbrille sehen. Trotzdem solltest du dir als JRPG-Fan, ja überhaupt als Videospieler dieses Fest der Fantasie nicht entgehen lassen. Normalerweise gäb’s ne glatte Neun, aufgrund von Season Pass und Aufbau-Mechanik zieht der Spielspaßminister einen halben Punkt ab.

Ni No Kuni 2: Schicksal eines Königreichs (二ノ国II レヴァナントキングダム)

Wertung: 8,5/10
Publisher: Bandai Namco Entertainment
Entwickler: Level-5 ( 株式会社レベルファイブ)
Plattform: PS4 (getestet), PC
Preis: 59,99 € (Standardspiel), 89,99 € (Prince’s Edition mit Season Pass), 149,99 € (King’s Edition mit vielen Extras)

Ein kostenloses Review-Exemplar wurde von Bandai Namco Entertainment zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

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