Review: Kraut Buster – Slugmageddon

Megashock im 3. Reich: Dem Neo reicht's noch lange nicht!

© NG:Devteam

Neue Games für alte Konsolen. Was vor zehn, fünfzehn Jahren noch etwas Außergewöhnliches war, ist heute fast schon Tagesgeschäft. Speziell auf Atari-Kisten, Dreamcast und SNES boomt das Geschäft – hauptsächlich aufgrund einfacher Herstellung. Eeproms und CDs ohne Kopierschutz kann heutzutage jeder brennen. Das Neo Geo stellt aber immer noch eine gewaltige Hürde für Programmierer dar. Immerhin wollen Backsteingroße Module mit bis zu einem Dutzend ICs bestückt werden. Dem steht eine kleine, aber enorm anspruchsvolle Userbase gegenüber. Hartes Terrain!

Zwei Jungs aus Hannover haben die Herausforderung angenommen. Als NG-Devteam entwickeln Timm und René Hellwig seit über zehn Jahren ihre eigenen Neo Geo-Spiele. Hauptsächlich sind es Shmups, aber mit Gunlord ist auch eine Turrican-Hommage im Programm. Mit Kraut Buster greift Timm nun nach der Königskrone – nein, nicht Garou. Metal Slug natürlich!

SNES-Idylle auf der Übersichtskarte – noch! – © Martin Nagel

Sauerkraut

Zwar nennt Timm auch die Contra-Reihe und die Indiana Jones-Filme als Inspirationsquelle, aber komm schon, das ist Metal Slug! Wir befinden uns im Krautland, im Jahre 1936. Schnell wird klar dass wir es hier nicht mit bierernsten historisch korrekten Nazis zu tun haben. Bei Namen wie Wolfgang Bärenbeisser, Professor Stubenhocker und Herrin Peitsche musste ich schon grinsen.

Kawumm! Die großen Bullets lassen sich canceln – © Martin Nagel

Nach dem wirklich schicken Intro wirst du vor drei Entscheidungen gestellt – ungewöhnlich viele für ein Arcade-Game. Die Wahl der Spielfigur ist rein kosmetisch. Ich nehme natürlich das Mädchen. Dann darfst du dich zwischen zwei Spielmodi mit jeweils drei Schwierigkeitsgraden entscheiden. Der T-Mode steht für Taktik. Du darfst Options in Form von Küken sammeln, dir Masken aufsetzen, und verfügst über eine Metal Slug-artige Nahkampfattacke. Im C-Mode heißt es hingegen Crush & Kill. Hier absolvierst du alle Level hintereinander, ohne Auswahlmöglichkeit. Statt spielerischer Finessen setzt du auf pure, unwiderstehliche Feuerkraft.

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Krautwickel

Schon nach den ersten Sekunden ist klar: dieses Game setzt auf maximalen Spielfluss! Die Kontrollen sind nahe an der Perfektion. Meine Figur tut exakt was sie soll, wie sie es soll, mit der richtigen Geschwindigkeit. Schüsse sind in Größe, Speed und Flugkurve perfekt darauf abgestimmt. Kraut Buster spielt sich rund und stimmig und ist rein spielerisch nicht von einer japanischen Produktion zu unterscheiden.

Sonnenuntergang über dem Delfinblauen Meer – © Martin Nagel

Mit Schrägunten + B kannst du rutschen, und das sogar mitten in der Luft! Ich weiß was du jetzt denkst: „Das gab es doch schon in Metal Slug 5!“ – du ja, du hast recht. Allerdings schien mir diese Funktion nie sinnvoll in das Spiel implementiert zu sein. Sie schien überflüssig – wie vieles an dem Spiel. Bei Kraut Buster passt sie hingegen perfekt rein. Schussmuster, Gegnerverhalten und -Platzierung: all das wirkt rund und auf den Slide abgestimmt. Und du kannst auch in der Rutsche fröhlich weiterballern. Ich bin schon sehr gespannt was Speedrunner aus diesem Feature machen werden.

Noch ein Feature das ich liebe: Full Auto! Arcade-Puristen mögen sagen, dass nur dann richtiger Spielspaß aufkommt, wenn sich der Triggerfinger bis zur Taubheit abarbeiten darf. Spätestens wenn du dich durch die Jaguar-Version von Raiden 1 geklickert hast wirst du sicherlich auch froh über dieses Feature sein.

Kawumm 2! Wo ist unser Sprite? – © Martin Nagel

Kraut und Rüben

Mit dem dritten Komfortfeature habe ich leichte Probleme. Das liegt aber an meinem MVS-4U-Cab und seinen recht weit auseinanderstehenden Buttons. Die Idee ist aber gut. Wie in der Contra-Serie kannst du deine Schussrichtung einlocken wenn du D gedrückt hältst. Feuer ist natürlich A, also werden meine Finger wie zum Vulkaniergruß auseinandergespreizt. Bei Bossen hilft das Feature aber enorm.

…ich glaub ich nehme doch lieber dieses Sprite – © Martin Nagel

Apropos Bosse: Natürlich sind sie groß und detailliert, natürlich haben sie abgefahrene Namen wie Heißluftmeister und Fliegender Ferdinand. Und natürlich haben sie ausgefuchste Angriffsmuster. Oft zeigt sich bei ihnen Timms Erfahrung mit Bullethell-Shootern. Die Bosse überzeugen allesamt mit coolen Schussmustern und einer klugen Ausnutzung des vorhandenen Raumes. Bei Devil Engine hatte ich mich noch beschwert dass Räume unnötig eng gemacht werden, ohne dass ein spielerischer Mehrwert entsteht. Das ist hier nicht der Fall. Du hast stets den ganzen Bildschirm für deine Manöver, und darfst oft auch auf Plattformen klettern.

Hier gibt es jedoch eine Ausnahme: Beim spektakulären Finale des Zuglevels bist du auf die winzigkleine Lokomotive als Sprungplattform angewiesen, während dich der garstige Doppelrotorhelikopter mit Feuerstrahlen röstet. Viele Flüche und Credits sind an dieser Stelle ins Land gegangen. Wem das zu viel ist, der darf die Stage aber auch abwählen – zumindest im T-Mode.

Dieses Sprite keift mich an! – © Martin Nagel

Kein Kraut gewachsen

Nächster Punkt auf der Checkliste: Waffendesign! Hier bin ich vollauf zufrieden. Die Auswahl ist zwar nicht übermäßig groß, aber es gibt keine Waffe die keinen Spaß macht. Stinker wie den Duckshot oder Iron Lizard, oder den langweiligen Contra-Laser wirst du hier nicht finden. Meine Highlights sind die Flammenkapsel, die rotierende Feuerspiralen über das Schlachtfeld schießt, und die Schrotflinte. Ein direkter Treffer mit diesem geballten Geschoss lässt kleinere Schrotkugeln quer über den Bildschirm spritzen und Splash Damage verursachen. Beeindruckend wie dabei die Bildrate flüssig bleibt und kaum Spriteflackern auftritt – ja ich sage kaum, denn ein gewisses Flackern ließ sich eben doch nicht vermeiden.

Im T-Mode verzichtest du auf etwas Feuerkraft, kannst dafür aber Masken finden. In Form von Küken, Wolf, Schwein oder Jason Voorhees verleihen sie dir verschiedene Boni. Du bist schneller in der Luft unterwegs, kannst kurz schweben, verträgst zwei Treffer oder hast tödliche Granaten. Hier gibt es ganz viel auszuprobieren. Auch Tactical-exklusiv ist die Nahkampfattacke im Prison Shank-Stil. Full Auto greift auch hier – Stabbystabbystabby!

Sexuelle Belästigung am Angelplatz – © Martin Nagel

Fasskraut

Natürlich muss ich die Animationsqualität und -Vielfalt mit Metal Slug vergleichen, und natürlich kommt sie nicht an deren Brillanz heran. Sorry Timm, aber wie könnte sie? Trotzdem werden einige schicke optische Gags geboten. Mein Highlight ist der Kampf auf dem Zug. Das wunderschöne Rendering der Zugdächer macht die flirrende Hitze im Sommer ’36 geradezu greifbar. Dazu scrollen Bäume und Sträucher butterweich und schnell durch den Hintergrund. Grafisch gibt die dreißig Jahre alte Hardware hier alles!

Mit dem Nazi-ST im Schnee – © Martin Nagel

Ins Kraut geschossen

Nicht so recht gefallen wollte mir der Soundtrack von Rafael Dyll, Viele Stücke wirken müde und uninspiriert, als hätte der Künstler es eher ruhig angehen lassen. Speziell die Boss-Tracks kommen mir dudelig vor und sind nicht wirklich treibend. Für meinen Geschmack zu oft überschreitet der Score die Grenze vom leichtlebigen Jazz zum Pornösen. Mein einziges Highlight ist der Song „Castle Sturm“, der beim Kampf um Burg Adlerstein erklingt. Treibende Beats werden hier von melodischen Pfiffen begleitet und erzeugen eine tolle Atmosphäre.

Nun, Musik ist Geschmackssache und vielleicht magst du sie ja. Für mich kratzt sie auch kaum an der Neun. Es ist nicht perfekt, aber gewaltig. Mit Kraut Buster bekommst du nicht nur das größte und aufwendigste, sondern auch das schönste und polierteste NG:Devteam-Game. Die vier Jahre Entwicklungszeit wurden für reichlich Spielbarkeit und Feintuning genutzt. Du wirst sicher mehr als vier Jahre Spaß an dem Spiel haben. Bei mir hat es seinen festen Platz im 4-Slot schon sicher.

Kraut BusterWertung: 9/10
Publisher: NG:Devteam
Entwickler: NG:Devteam
Plattform: Neo Geo MVS (getestet), AES (in Vorbereitung)
Anschluss: Standard JAMMA, 4 Buttons
Auflösng: 320 x 224 (15 KHz)
Preis:
 439 €

Das Review-Exemplar wurde selbst gekauft. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt. Aufgrund des stark strahlenden Arcade-Monitors schwankt die Bildqualität stark. Ich bitte dies zu entschuldigen.

Martin
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Martin

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