Review: Ion Fury – Back with a Bang

eine moderne dukette im sprite-rausch

© Martin Nagel

It always starts with a Bang – Das ist seit jeher das Motto von Duke Nukem und seiner Build Engine-Familie. Ob du dich bei Blood selbst aus deinem Grab ausbuddelst, dir der Shadow Warrior-Ninja direkt in’s Katana sprintet oder dem King höchstselbst die Ufos um die Ohren brummen – der Schlag in die Fresse, quasi zum Wachwerden, gehörte immer dazu.

Schnell wurde dieses Stilmittel aufgegriffen, und es beherrschte eine ganze Weile die Egoshooter und Actionspiele der späten 1990er und frühen 2000er. Im Nintendo 64-Teil von Castlevania läufst du im Regen durch den Skelettwald, als links und rechts Blitze einschlagen und brennende Bäume auf dich stürzen. Auch die von mir so geliebte N64-Version von Quake 2 beginnt in einem (damals beeindruckenden) Explosionsgewitter.

Die Russendisco brennt mal wieder – © Martin Nagel

Imagine the future – cos you’re not in it

So beginnt auch Ion Fury. Ja, wirklich! Ion Fury ist ein Egoshooter in der Build Engine! Von 3D Realms! In Zwanzigzwanzig! Du gibst Shelly „Bombshell“ Harrison, die in einer neon-dreckigen, bladerunnerigen Stadt der Zukunft irgendwelche Kultisten jagt. Gleich nach dem Start des Spiels bricht ein außer Kontrolle geratener Truck durch mehrere Rolltore, um direkt vor deinen Augen zu explodieren – Wow, Zuhause!

Mir ist dann auch recht schnell egal, warum wir diese Kultisten jagen. Nur dass wir es tun, und wie wir es tun. Das Spiel flutscht einfach, und ist irre schnell. Dabei erwartet es von dir, dass du mit Munition und Lebensenergie haushaltest. Einfach für zwei Sekunden in die Ecke stellen und Haloschild aufladen is‘ nich‘. Und eine neue Knarre zu finden ist immer ein Fest! Gerade, weil du sie alle mitnehmen und für immer behalten darfst.

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Am Anfang erscheint die Waffenauswahl überraschend konventionell. Shelly startet mit elektrisch geladenem Schlagstock – auch super um stehengebliebene Generatoren anzutreiben – und dickem Revolver in das Spiel. Recht schnell kommen Schrotflinte, MP und eine lustig springende Granate hinzu, die sich wieder einsammeln lässt wenn sie am Gegner vorbeigebumpert ist. Doch sein wir ehrlich: Wer möchte schon lieblos flitschende Laserknarren haben, wenn er auch das satte Klicken eines gut geölten Abzugshahnes genießen kann? Das Waffenhandling fühlt sich einfach gut an, close up and personal. Erst etwas später kommt mit einer feuerspeienden Flechette das erste etwas futuristischere Teil in unser Arsenal.

What a mess! – © Martin Nagel

Hail to the Queen Baby!

Eigentlich sollte unser alter Freund Duke Nukem die schlanken Hiheels von Bombshelly ausfüllen. 3D Realms hätte den alten Schlawiner zu gerne wieder auf seine Schweinchen losgelassen. Aber war da nicht was? Richtig! Gearbok spielte sich 2011 als Retter des für Jahre im Produktionslimbus gefangenen Duke Nukem Forever auf. An das folgende Spiel und den anschließenden tiefen Absturz des Duke denke ich noch mit Grausen. Nun hat Gearbox durch diesen Deal die Rechte am Duke erworben, und verteidigt sie nun mit Klauen und Zähnen. Randy Pitchford hat tatsächlich einen Rechtsstreit angestrengt, um 3D Realms an der Produktion eines neuen, richtigen, buildigen Duke Nukem zu hindern. Boah, der Laden wird echt immer unsympathischer. Ist dir eigentlich mal aufgefallen, dass Randy Pitchford um 2010 herum etwa wöchentlich in den Gamer-News war? Immer so kurze Meldungen, in denen er unterschwellig die eigene Großartigkeit herausgestellt hat. Dass man ihm Call of Duty angeboten hätte, aber das wäre ja keine künstlerische Herausforderung, solche Sachen. Nachdem er mit Aliens: Colonial Marines auf’s Maul geflogen ist, war schlagartig Ruhe.

Wer genau hinsieht, kann Truxton-Explosionen erkennen – © Martin Nagel

Wir bomben nun also mit Shelly rum, und ich bin ehrlich gesagt dankbar für den Wechsel. Das Zukunftssetting baut eine wunderbare Atmosphäre auf. Der dunkelblaue Nachthimmel in Verbindung mit hellgrauem Beton und Stahl haben mich mehr als einmal an das großartige Perfect Dark auf dem N64 erinnert. Trotz älterer Technik schafft Ion Fury aber eine viel dichtere, immersivere Atmosphäre. Überall knistern Neonröhren, flackern Feuerchen, steigen Rauchschwaden auf. Diese Stadt lebt und atmet. Und natürlich findest du wieder all die kleinen Build-Spielereien wie funktionierende Überwachungskameras und Klodeckel zum hochklappen.

Ein weiteres Plus des Zukunftssettings: Du bekommst einen wunderbar eingängigen, melodischen Synthwave-Soundtrack auf die Ohren. Eins muss ich Frau Bombshell allerdings ankreiden: Sie kann einfach nicht so fluchen wie der Duke. Wo Radiosprecher John St. John noch lakonisch-locker seine Kalauer geknödelt hat, klingt sie etwas zu ernst, zu verkniffen, zu gewollt badass.

3D Realms‘ Männerhumor darf nicht fehlen – © Martin Nagel

Kopfball

Dafür stimmt aber der Gewaltgrad. Egal ob menschliche Kultisten, Terminator-artige Robo-Skelette, Flugdrohnen mit menschlichen Schädeln, oder kleine metallene Krabbelspinnen mit ebenfalls menschlichen Schädeln, sie alle platzen in einer Wolke aus Blut und Metallspähnen. Nach dem Kampf bleiben die Köpfe liegen, und du kannst mit ihnen Fußball spielen. Auf der Playstation 4 schaltest du so sogar eine Trophäe frei. Und es stört kein Bisschen, dass die Überreste deiner Feinde als 2D-Sprite auf den Boden kleckern und sich mitdrehen wenn du die Kamera schwenkst. Im Gegenteil, das gehört einfach dazu.

Überhaupt stimmt hier vieles. Die Level sind groß und abwechslungsreich, und laden zum Erkunden ein. Wenn du einen Abschnitt verlässt, wird dir kurz vorher die Anzahl der von dir verpassten Geheimnisse angezeigt. Wer mag, kann das Spiel auch aus der 3rd Person-Sicht spielen, was Sprungpassagen und die beliebten Ventilator-Spielchen deutlich einfacher macht. Shelly wird dann leicht transparent dargestellt, was ich jedoch als irritierend empfunden habe. Und auch wenn die Level groß, verzweigt, vertikal und vollgestopft mit Geheimnissen sind, so habe ich mich etwas besser geleitet gefühlt als früher. Licht und Levelarchitektur geben dir immer mal kleine Hinweise und führen dich zum nächsten Hotspot.

Natürlich schaust du in den Spiegel – © Martin Nagel

Freispielbare Minispiele gibt es auch. In einer Art Arcade-Modus darfst du mit einer Chain Gun und unendlich Munition rumheizen, hast aber ein heruntertickerndes Zeitlimit im Nacken. Kills geben dir immer ein paar Sekunden, und natürlich wird es von Welle zu Welle schwieriger. Hol dir den Highscore!

Also alles perfekt, großartiges Spiel? Leider nicht ganz. Die hier getestete PS4-Version leidet an leichtem technischem Schluckauf. Zwar sind inzwischen ein paar Patches erschienen, die das Problem etwas abgemildert haben, jedoch kommt es immer noch zu leichten Rucklern bei schnellen Bewegungen. Wenn du im Stechschritt durch die Level flitzt – Always Run ist natürlich always active – und dich dabei etwas zu schnell und zu weit drehst, dann stockt die Framerate kurz. Mich hat es nur minimal gestört, für Egoshooter-Puristen ist es aber ein absolutes No Go! Solltest du also zur Spezies der Frame-Zähler gehören, oder suchst mal wieder einen Grund, um Masterrace-mäßig über die ach so schwachen Konsolen abzulästern, dann solltest du lieber zur bereits seit einem halben Jahr erhältlichen PC-Version greifen.

Ion Fury

Wertung: 8,5/10
Publisher: 1C Online Games Ltd.
Entwickler:
3D Realms Entertainment ApS
Plattform: PS4, Steam-PC, Xbox One, Switch
Preis: 24,99 € (PS4), 20,99 € (Steam-PC), 24,99 (Xbox One), 24,99 (Switch)

Für den Test wurde ein kostenloser Review-Key vom Publisher 1C Online Games Ltd. zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

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