Review: Injustice 2 – Superhelden im Langzeittest

Durchweg hochwertiger VS-Fighter im DC-Universum - leider mit Mikrotransaktionen

„Tun Calamaris dir weh?“ (Harley zu Aquaman)

Injustice 2 – richtig, das Mortal Kombat mit den Superhelden. Lies hier warum mich das neueste Werk der NetherRealm-Studios mehr begeistert hat als die Hauptreihe, es aber dennoch an der Ziellinie scheitert. Eine epische Erzählung von Edelmut, Selbstaufopferung, wahrem Heldentum und gnadenloser Raffgier. Enjoy! 


Update 9.11.2017: Wie peinlich! Ich habe wohl nicht genau genug recherchiert. Der Echtgeltshop in Injustice 2 beinhaltet KEIN Pay2Win! Du kaufst eine zweite Prämiumwährung, mit der du Shader kaufen oder das Aussehen deiner Lieblingsstücke transferieren kannst. Außerdem kannst du damit weitere Charaktere auf Level 20 bringen, wenn du mit einem Kämpfer bereits den Höchstlevel erreicht hast (Okay, das ist eventuell leichtes P2W). Ich lasse den Text mal so, denn gerade Warner Bros. übertreibt es gerade sehr mit P2W-Mechaniken – Siehe Mittelerde: Schatten des Krieges. Allerdings hebe ich die Wertung nachträglich auf 7,5 an. Danke für den Hinweis Pia!


„WTF ist hier los?“

Widmen wir uns zunächst dem Storymodus. Superman hat Lois Lane und den Joker getötet, und Metropolis wurde durch eine Megabombe ausgelöscht – Aha! Ich muss wohl Injustice 1 nochmal spielen um da wieder reinzufinden. Nach dieser verwirrenden Prämisse findet die Geschichte aber schnell in bekannte Fahrwasser. Die beiden Alphatiere Batman und Superman können sich mal wieder nicht über den korrekten Umgang mit Kriminellen einigen. Auch Bats‘ Sidekick Robin probt den Aufstand („Du tötest nicht, aber Gehirnschäden sind okay?“). Um seinen Standpunkt zu untermauern, greift er sich mal eben den Frauenschlitzer Zsasz und schneidet ihm mit einem Batarang die Kehle durch. Er emanzipiert sich damit nicht nur endgültig, sondern setzt auch ein deutliches Signal an uns Zocker. Das hier ist das Endspiel, niemand ist sicher!

 „Aber es hieß doch eben noch der Joker wäre tot!“ Das weiß er mit Sicherheit selber, aber glaubst du das interessiert ihn? Außerdem ist der Joker ein Gedanke, und Gedanken können nicht sterben. Zudem hat der eigene Tod ihn auch nicht davon abgehalten, im großartigen Batman: Arkham Knight die zentrale Schurkenrolle einzunehmen. Also ist der Joker auch hier präsent. Er hat es sich in Harleys Kopf gemütlich gemacht, nachdem sie eine Nase von Scarecrows Angstgas (verbesserte Mischung!) geschnüffelt hat.

Alle Bilder © Martin Nagel

All diese Probleme werden plötzlich winzig klein, als die Erde Besuch von einem gigantischen Raumschiff erhält. Auftritt: Brainiac! Er ist ein Sammler von Wissen, und wir Menschen faszinieren ihn durch all unsere Widersprüche. Und wie es mit Sammlungen nun mal so ist, werden sie wertvoller je seltener die Sammelobjekte werden. Was das für den blauen Planeten bedeutet, wirst du dir nur allzu leicht ausmalen können. Deine Vorahnung wird düstere Gewissheit, als Brainiacs Roboterarmee Menschen wie Vieh zusammentreibt und ganze Städte verwüstet. Klar dass hier nur ein Team-Up unserer Helden die Apokalypse aufhalten kann. Doch werden sie ihre kleinlichen Streitereien beilegen können und lernen als Einheit zu funktionieren, wenn nicht nur die Kräfte sondern auch die Egos überlebensgroß sind? Finden wir es raus!

Was folgt ist ein etwa fünfstündiger Superhelden-Blockbuster, der ohne zu übertreiben Hollywood-Niveau erreicht. Gerade in der zweiten Hälfte nimmt die Story richtig Fahrt auf, mit dramatischen Wendungen und OMG-Momenten im Minutentakt. Dabei leiten hervorragend gemachte und vertonte (aber niemals zu lange) Cutscenes direkt in die Kämpfe über. Die Hauptrollen haben zwar eindeutig Bats, Supie und der Oberschurke Brainiac, aber jeder der 29 Kämpfer hat hier seinen Auftritt. So abseitige Leute wie Black Canary, Blue Beetle und Doctor Fate musste ich zwar selber erst mal googeln, aber ich finde es toll wie sie alle in die Storyline eingearbeitet wurden ohne dass es aufgesetzt wird oder zur Nummernrevue verkommt.

Am Ende wirst du schließlich vor die Wahl gestellt: Folgst du der Ideologie von Superman oder Batman? Dies führt zu zwei unterschiedlichen Enden, von denen keines wirklich happy ist.

„Von allen Wegen Batman leiden zu lassen ist dein Schmerz einer meiner liebsten“ (Bane zu Catwoman)

Multiversalwerkzeug

Nach der Story kannst du dich online in den Kampf stürzen, oder du versuchst dich am Semi-Onlinemodus des Spiels, dem Multiversum. Hier serviert dir der WB-Server kleine Arcade-Leitern in verschiedenen Schwierigkeitsgraden, gewürzt durch Storyfetzen in Textboxen und individuelle Belohnungen. Der Service wird hervorragend gewartet, es kommt immer was neues und es ist immer was los – Games as a Service ist hier positiv gemeint.

Belohnungen bekommst du in Form von Ausrüstungsteilen für deine Helden. Wie schon im Preview geschrieben kannst du deine Lieblinge wie eine Anziehpuppe ausstatten und dabei wie in RPGs die Kampfkraft erhöhen. Zufallsloot kommt in den sogenannten Motherboxen daher.

„Ursache und Wirkung – Widerstand gebiert Gewalt“ (Brainiac)

Gier

Im Preview hieß es noch, Injustice 2 solle keine Mikrotransaktionen enthalten – tut es nun aber doch. Dafür muss ich Warner einmal streng angucken – so! Doch machen wir uns nichts vor, bei einem Spiel dass so dermaßen auf Lootboxen setzt sind sie so unvermeidlich wie verblasste Tattoos auf krebsroter Haut im nächsten Jahrhundertsommer. Doch wirken sich die bezahlbaren Helferlein auf die Spielbalance aus? gefühlt nicht! Dafür ist mir bei (anfänglich) 29 Fightern die Streuung viel zu groß. Ich habe nämlich weder Einfluss darauf für wen ich Rüstungsteile bekomme, noch ob es sich um den richtigen Körperteil handelt. Da muss schon sehr viel Glück dabei sein damit du an dein Wunsch-Item kommst. Auch bekomme ich im Spielverlauf schon so dermaßen viele Motherboxen, dass ich zu keiner Zeit den Drang nach mehr hatte. Das Organisieren der vorhandenen Beute nimmt schon einiges an Zeit in Anspruch. Da die Rüstungsteile zudem entsprechend dem jeweiligen Charakterlevel des Kämpfers zugeteilt werden, wird sich ein spürbarer Vorteil erst ab dem Höchstlevel 20 einstellen – das muss der fiese Geldbörsen-Cheater erst einmal schaffen! Und selbst dann wird er sehr viel Geld in die Hand nehmen müssen um sich tatsächlich einen Vorteil zu erkaufen. Der Kauf von Lootboxen dient eher der eigenen Befriedigung, einem kurzzeitigem Glücksgefühl.
„Versöhnungskuss gefällig?“ (Poison Ivy)

Das Loch in der Geschichte

Doof auch dass bei Release bei WEITEM nicht alle Charaktere erschienen sind. Du kannst dir für Geld den Season Pass kaufen, du kannst dir für noch mehr Geld gleich die Collector’s Edition kaufen, oder du wartest 2 Jahre auf die unvermeidliche Complete Edition – auf jeden Fall bleibt dir als Käufer der Standard Edition das schale Gefühl zurück, für dein Geld nicht das komplette Spiel erworben zu haben. Games as a Service ist hier negativ gemeint.
„Ich hasse jede Sekunde in seinem Schatten“ (Robin)

„Watt zählt is‘ uff’m Platz“

Doch kommen wir zu den wirklich entscheidenden Sachen. Die Fighting Engine ist das schlagende („Höhö“) Herz und die Seele des Spiels. Ohne sie würde all der Inhalt nicht funktionieren. Hier zahlt sich die inzwischen jahrzehntelange Erfahrung von Ed Boon und seinen Kollegen aus. Das Spiel gibt sich sehr einsteigerfreundlich, wenn du willst kannst du aber sehr in die Tiefe gehen.  Zwar wird hier niemals die Komplexität eines Guilty Gear oder Street Fighter III erreicht, doch Profis können sich eine ganze Weile austoben. Zwei verschiedene Supermeter füllen sich durch Zeit und Schläge, und lassen sich für Combo Breaker, Throw Escapes und dergleichen einsetzen. Wenn du niedergeschlagen wirst kannst du dich nach vorne oder hinten abrollen, und sogar das Aufstehen verzögern damit dein Gegner in’s Leere schlägt. Ach und ENDLICH ist die doofe Blocktaste aus Mortal Kombat weg! Stattdessen gibt’s den altmodischen, aber gerade dadurch so herrlich intuitiven Street Fighter-Block.

Einmal pro Kampf kann es zum sogenannten Konflikt kommen. Hier setzen beide Kontrahenten einen Teil ihrer Superleiste ein um entweder Schaden zu machen (Angreifer) oder Gesundheit zurückzugewinnen (Verteidiger). Wer die größere Menge Super-Energie in den Ring wirft gewinnt den Konflikt und erreicht sein Ziel. Wie bei einer amerikanischen Versteigerung wird die eingesetzte Energie aber beiden Parteien abgezogen. Es kann also durchaus Sinn machen einen Konflikt auch mal absichtlich zu verlieren, um dann mit der gesparten Super-Energie so richtig reinzuhauen.

Als sehr angenehm empfand ich das Spieltempo. Etwas ruhiger und gesetzter als die Konkurrent aus Fernost, aber dafür sehr wuchtig und befriedigend. Hier sind Schläge noch Schläge, und die hauen richtig rein! Dazu passend sind die Charakterdesigns erdig und ein bisschen dreckig, gewürzt mit genau der richtigen Prise 16er-Gewalt. Besonders überzeugt hat mich hier Black Canary, die als Hausfrau und Mutter in ihrer rockigen Lederkluft einfach rattenscharf aussieht. Überhaupt wird viel Leder verwendet, und dessen Texturen schauen in HD fantastisch aus. Grafisch reißt das Injustice 2 sonst keine Bäume aus und wird etwas vom typischen Unreal Engine-Glanz vieler westlicher Games geplagt. Dafür stimmen Proportionen und Framerate, und der Sound ist der Hammer!

„Es ist ein schlechtes Zeichen wenn sie beim Anlegen der Handschellen kichern“ (Green Arrow bei der Festnahme von Gorilla Grodd)

Eine Frage des Charakters

Vom Charakterdesign bin ich echt begeistert! Es wirkt sehr ausgewogen und mit viel Feintuning ausgestattet. Aquaman und Scarecrow sind schnelle Kämpfer auf mittlere Distanz und sehr einsteigerfreundlich. Harley und Black Canary setzen auf schnelle Nahkampf-Combos und können bei richtigem Einsatz einen Gegner auch mal richtig lange juggeln. Supergirl und Wonder Woman sind flinke Allrounderinnen mit Fern- wie Nahkampfattacken. Beide haben außerdem wunderschöne Gesichtsmimiken bekommen. Besonders Supergirl siehst du ihre Angst und Verzweiflung regelrecht an wenn es gegen das Böse geht. Schließlich hat sie ihre Kräfte gerade erst entdeckt und muss erst noch lernen sich auf sie zu verlassen. Wer Bock auf einen etwas behäbigeren aber sehr schlagkräftigen Fighter hat schnappt sich Gorilla Grodd. Ich schreibe bewusst „etwas behäbiger“, denn langsam ist er nicht! Einzig Grodds Einbindung in die Story hat mir nicht wirklich gefallen – ein sprechender Gorilla als erster Mann hinter Brainiac? Hier hätte ich gerne noch ein paar mehr Schurken im Einsatz gesehen. Dafür hat Grodd ein cooles Archievement spendiert bekommen. Wirf in der Kneipenstage doch mal drei Fässer auf deinen Kontrahenten und fühle dich wie Donkey Kong. Das Spiel ist voll von solchen Einfällen. Nette Easter Eggs und Querverweise auf Comic- und Videospielwelt findest du an jeder Ecke. Viel Spaß beim entdecken!

„Wenn dein Papa schwach ist, was bist dann du?“ (Blue Beetle zu Robin – pardon Nightwing)

Einsatzmöglichkeiten

Da sich die ganze Looterei jederzeit abschalten lässt kannst du sowohl online als auch offline faire Kämpfe austragen – macht momentan nur kaum jemand. Ich empfehle dir daher den Couch-Multiplayer mit Freunden/Feinden, oder du verabredest dich online zu moderierten Turnieren, wie sie etwa die bezaubernde Pia Lupa von irgendwie-nerdig.de veranstaltet. Online gegen Randoms kriegst du ziemlich schnell die Fresse poliert – nicht weil du schlecht spielst, sondern weil sich die Loot-Items DEUTLICH auf die Spielbalance auswirken- und weil es auch 6 Monate nach dem Launch noch genug genug Leute gibt die entweder 24/7 zocken, oder Papis Kreditkarte gefunden haben.

Erfreulicherweise lässt sich Injustice 2 mit Steuerkreuz zocken – woran denkt der Arcadezocker da als erstes? Richtig, her mit dem Arcadestick! Auch ist das Spiel ein heißer Kandidat für ein umgebautes Cab oder einen dieser neuen Custom-Bartops.

„Mir fallen keine Bildunterschriften mehr ein“ (Martin)

Fazit

Das Lootsystem ist zwar nicht immer hilfreich, kann aber auch ein starker Motivationsfaktor sein – gerade durch das hervorragend gewartete Multiversum. Was ich hingegen schade am Lootsystem finde ist, dass es keinen Platz mehr für andere Belohnungssysteme lässt. Mortal Kombat hat diese tollen Kryptas (Krypten? KryptÆ?). Hier kannst du Konzeptzeichnungen, Lieder, Moves und sogar ganze Charaktere kaufen – irre motivierend! Mit dem DC-Universum in der Hinterhand wäre hier gewaltiges Potential vorhanden. Stell dir vor du könntest die ersten Comic-Auftritte von Bats, Supie und Wonder Woman in digitalisierter Form freischalten, wie geil wäre das denn? Und wir müssen garnicht mal so weit zurückgehen. Zum letzten Injustice gab es eine begleitende Comicserie, die sich hervorragend als freispielbares Extra gemacht hätte. Hätte, wäre, könnte. Spaß macht’s auch so, und ich bin anscheinend auch der einzige der sich an der Content-Armut im von Thomas so heißgeliebten Overwatch stört.

Doch letztlich sind Gameplay und Spielspaß entscheidend, und in beiden Kategorien hat mich Injustice 2 voll überzeugt. Im Couchmultiplayer macht das Spiel auch Monate nach Release großen Spaß und ich entdecke immer wieder neues. Ich komme immer wieder gerne zurück für ein paar Kämpfe. Dafür gebe ich gerne acht von zehn Superheldencapes.

Allerdings ziehe ich einen Punkt wieder ab – jeweils einen halben für das online sehr präsente Lootsystem und einen für das in der Standardversion unvollständige Roster.

Injustice 2

Wertung: 7,5/10
Publisher: Warner Bros.
Entwickler: NetherRealm Studios
Plattform: PS4 (getestet), Xbox One
Preis: 69,99 Euro (Standard), 99,99 Euro (Ultimate Edition mit Steelbook und vielen DLC-Kämpfern)

Für den Test wurde ein kostenloses Review-Exemplar von Publisher Warner Bros. zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

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Ich bin Martin und habe schon alles gezockt was Knöpfe hat. Ich unterstütze Thomas mit Reviews und Berichten aus den tiefsten Nischen, die unser Daddelhobby zu bieten hat.
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