Review: Infliction – Vollversion

Länger als Kojima, aber auch so gut?

© Martin Nagel

Erinnerst du dich noch an P. T., den Playable Teaser? Natürlich tust du das! Die vermeintliche Demo für das nie erschienene Silent Hills hat seither einen bleibenden Eindruck hinterlassen, und bis heute versuchen sich kleine wie große Programmierer an einer Nachstellung dieser Erfahrung.

Ich möchte dich nicht mit der zigsten Nacherzählung dieser traurigen Geschichte langweilen. Nur so viel: P. T. war auch für mich ein prägendes Erlebnis, und Konami residiert auch für mich seither ganz tief in der Publisher- Hölle, irgendwo zwischen EA und Activision. Zwar kam Hideo Kojima nach Jahren des Rätselns mit der halbgaren Postboten-Simulation Death Stranding aus dem Sack, doch so recht befriedigend mag sich dieser Tausch nicht anfühlen.

Na, wer kennt diese Szene? – © Martin Nagel

Wir haben damals etwas verloren. Auch ich möchte zurück in dieses Haus, und diesen einen Gang wieder, wieder und immer wieder abschreiten, dabei auf die winzigsten Veränderungen hoffen – was ziemlich genau Albert Einsteins Definition von Wahnsinn entspricht. Gut dass ich nicht der Einzige bin, und dass auch so manchen Spieleentwickler die Sehnsucht nach diesem Gang nicht loslässt. Mit Infliction spielen wir daher heute eine quasi stark erweiterte Version von P. T., gewissermaßen die Vollversion zur Demo.

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Stranger Things

Wir spielen einen offensichtlich männlichen Protagonisten aus der Egoperspektive. Nach kurzer Autofahrt und kleinem Telefonat mit der Ehefrau („Schatz, bring Klopapier mit!“) erreichen wir ein typisch amerikanisches Einfamilienhaus. Der Strom scheint ausgefallen, doch schnell finden wir eine Taschenlampe. Das trübe Licht der Funzel wird lange unser einziger Begleiter sowie Trost und Halt in dieser dunklen Nacht sein.

Lecker! Ob ich die Frosted Fangs auch in Deutschland bekomme? – © Martin Nagel

Bevor die Handlung richtig losgeht, hast du etwas Zeit das Haus zu erforschen. Beeindruckend ist hierbei die Detailverliebtheit, mit der deine virtuelle Bude ausgestattet wurde. Fast jede Schranktür lässt sich öffnen, fast jede Schublade aufziehen. Zum Vorschein kommen Dosen mit Bier, Katzenfutter oder Babynahrung, die du in die Hand nehmen und von allen Seiten betrachten kannst. Hier wurden mit viel Liebe eigene Marken und Logos kreiert, wie es sie tatsächlich geben könnte. Das ist nicht nur Environmental Storytelling, sondern auch Industriedesign auf allerhöchstem Niveau.

Würde kaufen! – © Martin Nagel

Nach der Küche kommst du in die gute Fernsehstube, und hier setzt das Spiel noch einen drauf – es gibt eine Filmsammlung! Im TV-Schrank reihen sich Filmcover aneinander – natürlich auf VHS. da die Handlung in den frühen 90ern einsetzt. Für jeden der etwa dreißig virtuellen Filme wurde ein eigenes Cover und sogar eine Inhaltsbeschreibung auf der Rückseite angefertigt – herrlich! Ich habe bestimmt eine Stunde damit verbracht, mir jede einzelne durchzulesen. Du kannst sogar den Fernseher einschalten und dir eine äußerst bizarre italo-amerikanische Kochshow reinziehen. Da hatte jemand Spaß!

„Nein Herr Anwalt, das ist ganz bestimmt kein NES“ – © Martin Nagel

Fatal Frame

Nach etwas Recherche werden wir Zeuge eines grausamen Mordes. Die Frau mit dem Einkaufszettel, unsere Frau, wurde bestialisch zerstückelt und lässt einen Geist zurück. Dieser Geist macht uns für ihren Tod verantwortlich und jagt uns. Wirst du erwischt, setzt es eine drastische Todessequenz und du erwachst am letzten Checkpoint. Das mag jetzt nach „Schleicharbeit“ Marke Outlast oder Alien: Isolation klingen, doch habe ich mich zu keiner Zeit genervt gefühlt. Die Begegnungen finden nicht zu häufig statt, und das Haus ist sehr kompakt mit nur wenigen Rätsel-Hotspots.

Ebenso liebevoll-detailliert sind die spielinternen Bücher illustriert – © Martin Nagel

Wir durchqueren dieses Haus in verschiedenen Zeitlinien, und stets gibt es kleine Unterschiede. Später kommen noch kleinere Abstecher in andere Locations hinzu, etwa eine Polizeistation. Neben der Taschenlampe finden wir auch noch ein weiteres Werkzeug. Die Sofortbildkamera offenbart unsichtbare Hinweise und hilft kurzzeitig bei der Geistabwehr. Aus gefundenen Notizen setzt sich dabei nach und nach die tieftraurige Familiengeschichte unseres Paares zusammen.

Solche Schocker-Szenen sind selten, aber wirkungsvoll – © Martin Nagel

Ich habe versucht, dieses Review weitgehend spoilerfrei zu halten. Doch wenn du Inliction selbst spielst, dann wirst du unweigerlich merken wie wenig dies gebracht hat. Denn: Das Spiel spoilert sich selbst. P. T. war eine sehr rätselhafte Erfarung. Noch bis heute wird interpretiert, gebastelt, geforscht. Infliction hingegen sagt dir in jeder Situation sehr genau was du tun, glauben, fühlen sollst. Das geht so weit, dass Missionsbeschreibungen dir die Lösung vieler Rätsel vorwegnehmen. Welch eine Verschwendung von Potential!

Was bleibt ist handwerklich solider Grusel, und eine Wagenladung rattenscharfer, liebevoll designter VHS-Cover. Genug für einen oder zwei verregnete Abende. Nicht genug hingegen, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen – so wie P. T. es konnte.

Infliction: Extended Cut

Wertung: 6,5/10
Publisher: Caustic Reality, Blowfish Studios
Entwickler: Caustic Reakity

Plattform: Switch, Steam-PC
Preis:  17,99 (PS4), TBA (Switch)17,99 (Xbox One), 17,99 (Steam)

Für den Test wurde ein kostenloser Review-Key  vom Publisher Caustic Reality zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

Martin
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