Review: I Am Setsuna – Schnee und Traurigkeit

Klassisches RPG mit starker Atmosphäre

© Square Enix

Square Enix ist ein merkwürdiger Verein. Die Hauptserie Final Fantasy versucht sich immer wieder zwanghaft neu zu erfinden und legt dabei so manche Bruchlandung hin – zuletzt mit Teil 15, der bei mir gerade eben eine Sechs holen konnte. Gleichzeitig fordern die Fans eine Rückkehr zu alten Tugenden, zum heimeligen RPG-Gefühl der 90er auf SNES und PlayStation.

Diesen Wunsch erfüllt Squenix durch viele kleine Nebenprojekte. Die Bravely-Default-Serie etwa liefert große spielerische Freiheit im klassischen Jobsystem, verärgert aber auch mit schwacher Story und gewöhnungsbedürftigem Humor. I Am Setsuna ist ein weiteres dieser kleinen Retro-RPGs. Im Pressetext heißt es, der Titel sei eine Huldigung an die JRPG-Meisterwerke der vergangenen Jahre, mit einem Kampfsystem inspiriert vom zeitlosen Klassiker Chrono Trigger. Warum also nicht einfach Chrono Trigger spielen? Immerhin hat es die DS-Umsetzung sogar bis nach Palien geschafft. Ich verrate es dir.

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Schnee, der auf Zedern fällt

Schnee und Traurigkeit: das sind die Dinge, aus denen Setsunas Welt gemacht sind. Auf der nicht näher benannten Insel eines vergessenen Königreiches schneit es unentwegt. Ja, das ist abwechslungsarm. Aber es kreiert eine starke Atmosphäre aus Trauer und Schwermut. Jeder hat in dieser Welt jemanden verloren und um zu überleben muss jeder der verbliebenen Menschen schwere Entscheidungen treffen.

Alle zehn Jahre nimmt die Monsterbedrohung überhand. Dann muss den Bestien eine Jungfrau geopfert werden. Dieses Jahr trifft es die junge Setsuna. Seltsamerweise stört sie der sichere Opfertod aber kein bisschen. Couragiert geht sie ihren Weg und ist froh mit ihrem Tod einen Beitrag für die Gesellschaft leisten zu können. Du wirst sie lieben! Du wirst auch ihre Welt lieben, dann hassen, dann doch wieder lieben.

Du selbst steuerst Endir. Der maskierte Schwertkämpfer verkauft seine Dienste meistbietend. Mal rettet er kleine Mädchen, mal tötet er sie – Hauptsache die Kasse stimmt. Nun bekommt er den Auftrag Setsuna zu töten. Beim ersten Treffen bittet sie ihn jedoch, sie als Teil ihrer Garde zur Opferzeremonie zu begleiten. Starke Kämpfer werden auf der gefährlichen Reise immer gebraucht und da sie am Ende sowieso stirbt, wäre dann auch sein Auftrag erfüllt. Bei so viel Pragmatismus ist es schwer Nein zu sagen.

© Square Enix

Active Time Battle!

Wie das in JRPGs nun mal so ist, gesellen sich bald weitere Krieger zur Party. Sie alle mischen ihre eigenen, meist tragischen Geschichte bei und keiner kam mir überflüssig oder nervig vor. Aeterna ist der typische Tomboy. Sie ist Teil der ursprünglichen Eskorte und traut dir nicht. Den bulligen Krieger Nidr treibt eine tiefe Schuld zu unentwegter Selbstaufgabe an. Der kindliche Magier Kir bringt vielleicht das größte Opfer und Schildmaid Julienne hängt einem längst verflossenen Rittertum nach. Setsuna selbst kämpft auch tatkräftig mit und ist anfangs die einzige Heilerin. Sie nutzt eine Chakram-Klinge, die sie in zivilen Situationen als Haarschmuck trägt.

Sie alle kämpfen im nahtlos einsetzenden Kampfmodus. Bis zu drei Streiter darfst du mit in die Schlacht nehmen. Gekämpft wird mit klassischem ATB-Balken. Als Neuerung kannst du allerdings bis zu drei Aktionen „sparen“, um spätere Angriffe oder auch Zauber auf Knopfdruck zu verstärken. Das bringt Taktik in die Scharmützel. Haue ich lieber zweimal schwach zu oder einmal geballt? Fange ich mir ein paar Schadenspunkte ein und verstärke dafür den Heilzauber damit er gleich zwei Charaktere auffrischt? Leider verzetteln sich die Aktionen etwas, wenn mehrere Zeitbalken gleichzeitig erntereif sind. Mit etwas Übung kriegst du das aber in den Griff. Auch finde ich es nicht wirklich gelungen, dass ich (auf Switch) mit A den Angriff bestätige und mit Y verstärke. Der Daumen nimmt so einen zu langen Weg und muss den richtigen Knopf erst einmal suchen. Konfigurieren lässt sich die Steuerung leider nicht.

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Das wohltemperierte Klavier

Der gesamte Soundtrack von I Am Setsuna wird von einem einzigem Instrument bestritten: dem Piano. Und es ist kein Chor von ihnen, sondern nur ein einziges Exemplar. Das reicht vollkommen und gibt dem Soundtrack Konsistenz und eine starke Linie. Es ist Tomoki Miyoshis Kunst, die diesem Instrument eine bewundernswerte Vielfalt entlockt. Mal dramatisch, mal melancholisch, abenteuerlich auf der Weltkarte und treibend in den Kämpfen. Diese Musik wird noch oft auf Videospielkonzerten rund um den Globus gespielt werden.

Die Musik hat großen Anteil an der einzigartigen Stimmung. Mit bewundernswerter Leichtigkeit gelingt es dem Spiel eine tieftraurige Geschichte zu erzählen und dabei niemals in die Depression abzurutschen. Immer blitzt irgendwo ein Funken Hoffnung auf und die kleinen Kopffüßer-Charaktere sind einfach zu putzig in ihrem feierlichen Ernst.

© Square Enix

Winter ich habe dich tanzen geseh’n

Ernst, gute Überleitung! Das Spiel ist überraschend humorlos für eine japanische Produktion, fährt damit aber hervorragend. Vielleicht ist es gerade diese leise Feierlichkeit, die ich heutzutage vermisse. Games heute sind entweder „Dark and Gritty“ oder von schrillem Humor durchtränkt um sich krampfhaft vom grauen Einheitsbrei abzuheben. In beiden Fällen sind sie laut.

Daher empfehle ich dir auch dringend I am Setsuna auf Switch im Handheld-Modus oder auf der PS Vita zu spielen. Es ist ein Spiel der leisen Töne und der tiefen Verbundenheit. Die große Leinwand oder wuchtige Boxen würden seine Intimität nur zerstören. Doch ein Handheld kann mit diesem Spiel zur Schneekugel in deinen Händen werden, zum rauhreifbesetzten Fenster in deine eigene glückliche RPG-Kindheit.

Es ist verlockend I Am Setsuna seine Reduziertheit vorzuwerfen – manch westlicher Schreiberling tat dies auch. Ich sehe sie jedoch als große Stärke. Die starke Story steht im Rampenlicht und es gibt kein überflüssiges Gameplay-Element. Wenige aber dafür durchdachte Mechaniken greifen (fast) perfekt ineinander. Ich habe sogar gerne gegrindet, gerade weil ich nicht musste. Dafür hauche ich achtmal leise Rosebud.

I Am Setsuna (いけにえと雪のセツナ)

Wertung: 8/10
Publisher: Square Enix
Entwickler: Tokyo RPG Factory
Plattform: Switch (getestet), PS4, PS Vita, PC
Preis: Circa 40 Euro (Download), circa 45 Euro (japanische Retail-Version für Switch)

Die Review-Version wurde selbst gekauft.  Alle Screenshots stammen vom Publisher.

I Am Setsuna ist in Europa nur als Download-Version zum Preis von 39,99 Euro erhältlich. Für die Switch gibt es eine japanische Retail-Version, die auch englische Bildschirmtexte enthält. Ist deine Switch auf Deutsch gestellt, so werden die englischen Texte automatisch aktiviert. Diese Version war zwischenzeitlich ausverkauft, ist aber inzwischen in zweiter Auflage erhältlich und kann über die gängigen Kanäle zum Preis von etwa 45 Euro bestellt werden. Vorsicht: die japanische PS4-Disc enthält KEINE englischen Texte. Eine amerikanische PS4-Disc ist inzwischen vergriffen, wird aber sicherlich eine zweite Auflage bekommen. Eine europäische PS4-Disc halte ich für durchaus möglich, auch wenn ich sie freilich nicht garantieren kann.

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Ich bin Martin und habe schon alles gezockt was Knöpfe hat. Ich unterstütze Thomas mit Reviews und Berichten aus den tiefsten Nischen, die unser Daddelhobby zu bieten hat.
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