Review: Final Fantasy 15 – Strauchelnder RPG-Gigant

Was lange währt wird endlich gut?

© Square Enix

Bei jedem großen Release lässt sich mittlerweile ein ähnliches Bild beobachten: in der Startwoche wird das Spiel mit Höchstwertungen und GOTY-Auszeichnungen überschüttet. Setzt sich bei den Zockern die Erkenntnis dass die Neuerwerbung vielleicht doch nicht so gut sein könnte, so rudern auch die Redaktionen zurück. In Form von Kolumnen und kleinen Specials werden die Bereiche näher beleuchtet und kritisiert, die die Community am meisten stören. Die 90er-Wertung gerät so etwas in Vergessenheit und der Zocker fühlt sich verstanden. Und es haben ja inzwischen sowieso alle gekauft.

Hier bei B&B wirst du solche Methoden der Berichterstattung nicht finden. Der Grund: ich hänge mit dem Testen meistens ein paar Wochen – wenn nicht Monate –  zurück, weil ich für so große Spiele immer ewig lange brauche. Für Bloodborne habe ich über ein Jahr gebraucht. Hier kommen die Kolumnen also vor dem eigentlichen Test. Jetzt will ich aber nicht noch mehr Zeit vertrödeln: auf in die mystische Welt von Eos!

Dramatis Personae

Das wunderschöne Königreich Lucis steckt knietief in der Sch…Krise. Die Hauptstadt wurde von Makitek-Truppen des bösen Nifelheim-Imperiums (Luftschiffe!) überrannt und besetzt. König Regis wurde ermordet und der magische Kristall zerstört. Von alldem Drama bekommt Prinz Noctis Lucis Caelum, kurz Noct, nichts mit. Er befindet sich auf einer Reise zur Hochzeit mit Lunafreja Nox Fleuret. Sie ist ein magisches Medium und zusammen mit Noctis‘ Königskräften soll sie die Reinigung der Welt einleiten. Das Spiel ist konsequent aus Nocts Perspektive erzählt, du wirst von den dramatischen Ereignissen also auch nichts mitbekommen. Ich empfehle dir deshalb dringend, den begleitenden CGI-Film Kingsglaive zu schauen. Ohne ihn wirst du unvorbereitet und nur mit sehr dürftigen Informationen auf Eos losgelassen und verstehst erstmal gar nichts. Nicht die einzige Lücke im Spiel, wie wir noch feststellen werden.

Noctis wird von dir gesteuert. Mit ihm reisen der Leibkoch, Chauffeur und Privatsekretär Ignis, Leibwächter Gladiolus und der Kindheitsfreund Prompto. Die Truppe ist komplett in schwarz gekleidet und für ihren Verbrauch an Haargel dürfte es ein eigenes Unterkonto in der königlichen Bilanzbuchhaltung geben. Die Jungs durften sich im Vorfeld einiges an Kritik seitens der Netzgemeinde anhören. Sie sehen auch wirklich etwas aus wie eine Boygroup. Gerade Noct hat mich mit seinen dürren, sehnigen und käseweißen Ärmchen frappierend an Reita von der Band Gazette erinnert.

Auch ich hatte anfangs einen starken Widerwillen gegen die Truppe. Ich konnte und wollte sie nicht einmal auseinanderhalten. Trotz seiner Oberarmarschgeweihe und den oft prolligen Sprüchen („Auf jeden!“) wuchs mir Gladio aber schnell ans Herz. Ignis fand ich irgendwann ganz nett und Noct und vor allem Prompto haben mich bis zum Ende genervt.

Auch schade dass nur Jungs in der Party sind. Die Helden dürfen aber reichlich flirten. Die dralle Tankwartin Cidney kennst du bestimmt schon aus der Vorberichterstattung zum Spiel. Inzwischen hat sie ihren eigenen inoffiziellen Pornofilm mit dem großartigen Titel „Full Service Station“. Auch Gladios Schwester Iris gesellt sich kurz zur Truppe, als Noct mit ihr einen romantischen Spaziergang über den Marktplatz von Lestallum unternimmt. Das ist irgendwie sexy und sorgt für einen kurzen „Achja“-Moment wenn du die Brotherhood-Serie gesehen hast, bietet aber keinerlei spielerischen Mehrwert.

© Square Enix, Screenshot Martin Nagel

Das Tank-und-Rast-RPG

Die Fahrt zum Hochzeitstermin entspinnt sich schnell zu einer nur allzu klassischen Reise zum Kampf gegen gewaltige Götter und zur Vertreibung archetypischer Dunkelheit – nur will all diese RPG-Klassik nicht recht zum Setting passen. Das eigentümliche Fifties-Tankstellensetting war für mich ohnehin schon schwer zu verdauen. In Verbindung mit den magischen Elementen wirkt es erst recht deplatziert. Im Story-Kontext ergibt diese Designentscheidung aber durchaus Sinn. Die Welt Eos wird von den sogenannten Siechern geplagt. Das sind mächtige Monster, die nur nachts herauskommen. Da in Eos jeder permanent irgendwohin zu wollen scheint und die Leute zudem ganz wild auf Fastfood sind, braucht es reichlich Raststätten als sichere weil gut beleuchtete Zufluchtsorte für die Reisenden. Diese nutzen auch unsere Helden. Erst mit dem Schlafengehen werden die tagsüber gesammelten Erfahrungspunkte verrechnet. Je teurer dabei die von dir gewählte Unterkunft, desto höher die Ausbeute. Ein Wohnwagen bringt einen Multiplikator von 1,2; ein billiges Motel schon 1,5. Das Luxushotel am Galdin-Kai kostet happige 10.000 Gil die Nacht, verdoppelt aber mal eben die Erfahrung. Die königliche Suite in Altissia bietet ihren Gästen sogar einen dreifachen Multiplikator, kostet mit 30.000 Gil aber auch richtig Asche. Ihr könnt auch im Zelt schlafen. Das kostet nichts, gibt aber auch keinen Multiplikator. Dafür kocht Ignis aus den tagsüber erlegten Monstern eine leckere Mahlzeit – temporäre Statuseffekte inklusive.

Zwischen Tradition und Moderne

Die Helghast in Killzone sind die Higs, die Locust in Gears of War sind die Grubs (Maden) und die Allianztruppen in Halo sind die Allies. Wenn wir etwas aus den Blockbustern der letzten Jahre gelernt haben, dann dass Feinde einen kurzen und möglichst de­s­pek­tier­lich Spitznamen brauchen. Also sind die bösen Nifelheim-Truppen kurz „die Niffen“. Klingt kernig und abgebrüht, sorgt aber für einen weiteren Bruch in der Fantasy-Atmosphäre.

Generell konnte mich die Spielwelt nicht überzeugen. Sie ist groß und grafisch schön, fühlt sich aber ums Verrecken nicht organisch an. Überall die gleichen halbhohen Büsche, die sich nur allzu gerne in die Kamera drängen. Überall die gleichen hässlichen Felsen im typischen Plastikglanz irgendeiner Unreal-Engine. Grafisch hochwertig und hübsch sind manchmal zwei paar Schuhe.

© Square Enix, Screenshot Martin Nagel

Kämpfen mit Stil, aber ohne Präzision

Das Kampfsystem ist sehr simpel. Ein Knopf dient zum Angriff, einer zur Abwehr. Einfach die Angriffstaste gedrückt halten, dann reiht Noctis flott seine Combos aneinander. Er weicht auch automatisch feindlichen Angriffen aus, allerdings nur solange die Magieleiste gefüllt ist. Die Leiste regeneriert sich schnell, auch innerhalb der Kämpfe. Einfach an eine hohe Stelle warpen und etwas lässig am Schwert baumeln, schon kann weitergekämpft werden. Du kannst zur Deckung auch die halbhohen Felsen nutzen, an die sich Noct in bester Gears-of-War-Manier anlehnen kann. Das Feature wirkt aber aufgesetzt und ist wohl nur da um da zu sein. Im Kampf nützt es kaum. Noctis „klebt“ sehr fest am Felsen und das Feindfeuer kommt selten direkt von vorne. Sich einfach um den Felsen herumzubewegen hat den selben Effekt und ist deutlich flexibler.

Generell hat mir der Kampf nur Spaß gemacht, wenn ich deutlich überlevelt war. Zwar lassen sich auch große Monster mit ausreichend Geduld legen, wenn du nur genug Heilmittel im Gepäck hast. Dann musst du aber sehr oft die ewig gleichen Sterbeanimationen deiner Mitstreiter ertragen, die sich nicht abschalten lassen und den Spielfluss unangenehm unterbrechen. Nervig auch, dass Noctis oft danebenhaut und nicht tut was er soll. Das Kampfsystem funktioniert gefühlt nur zu 80 Prozent. Das Aufleveln ist aber enorm befriedigend und war für mich der größte Motivationsfaktor im Spiel. Ich habe immer einige Tage nonstop gekämpft und den Jungs dann eine Nacht im Hotel inklusive sattem Erfahrungspunktemultiplikator gegönnt. Ein großer Vorteil des Kampfsystems ist aber, dass sich mit ihm sehr lange entspannt kämpfen lässt. Die hervorragend komponierte Kampfmusik macht auch immer wieder Spaß.

© Square Enix, Screenshot Martin Nagel

Große leere Welt

Die Story von Final Fantasy 15 gliedert sich in zwei Phasen. In der ersten dürfen die Helden den Kontinent Eos fast komplett frei bereisen. Viel zu entdecken gibt es leider nicht. Nur selten führt dich die Reise an malerische Ecken wie das tropisch angehauchte Galdin-Kai oder die quirlige Stadt Lestallum – ganz recht, es gibt im Hauptgebiet des Spiels nur eine einzige größere Stadt! Die Hauptstadt Lucis ist zerstört und die Mehrheit der Bevölkerung lebt in kleinen Gehöften oder Wohnwagensiedlungen. Und natürlich gibt es die allgegenwärtigen Rasthöfe. Hier erplauderst du Aufträge, isst ’nen Happen oder lässt dir vom Bartender die Bodenschätze der Umgebung in deine Karte zeichnen. Woher der Barmann das weiß? Keine Ahnung, ist eben so. Nicht zu viele Fragen stellen in einer Fantasywelt, sonst schwindet der Zauber!

Die meisten dieser Aufgaben sind leider stinklangweilig und wiederholen sich ständig. Es geht im Wesentlichen um Bring-Quests und das Töten bestimmter Monster. Manche Viecher sind nachtaktiv oder kommen nur bei Regen aus ihrem Bau. Klingt nach einem coolen und immersiven Spielelement, kann aber verdammt nervig sein. Einmal habe ich eine geschlagene Stunde auf die richtige Kombination aus Regen und Dunkelheit gewartet. Die explosiven Fässer aus der Episode-Duscae-Demo habe ich auch nicht wiedergesehen.

© Square Enix, Screenshot Martin Nagel

Zwischen Göttern und Königen

Ob diese Struktur nun geplant war oder ein Produkt des zehnjährigen und wohl sehr schwierigen Entwicklungsprozesses war (das Spiel hieß ursprünglich Final Fantasy Versus 13 und war als Teil der Fabula Nova Crystallis geplant, wurde dann aber mehrmals verschoben und neu konzeptioniert), das Spiel wirkt zweigeteilt und sehr unausgewogen. Der erste Teil bietet fast schon zu viel Freiheit, dafür aber kaum Story. Beim zweiten Teil ist es genau andersherum. Als im zweiten Teil die Gruppe mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen hat, habe ich aber doch gemerkt, wie sie mir inzwischen ans Herz gewachsen ist. Gerade weil ich mit ihnen so viel Zeit auf dem substanzlosen, aber unbeschwerten Campingausflug verbracht habe.

Höhepunkt der Story-Entwicklung im ersten Teil ist es, dass wir eine imperiale Basis stürmen, weil unser Auto (!) entführt wurde. Jeder vernünftige Mensch würde sich jetzt bedeckt halten, den von Cidney großzügig angebotenen Leihwagen nehmen und NICHT in die offensichtliche Falle laufen. Schließlich ist Noctis ja Thronfolger und wichtige Geisel und so. Aber die Truppe sprüht vor Kampfeslust und die Sitze des von Opel gesponserten Regalia sind so schön weich. Der Erfolg gibt ihnen recht.

Was aber gut funktioniert ist die Chemie in der Party. Die Interaktion der Helden untereinander macht einfach Spaß und die gute deutsche Synchronisation tut ihr übriges. Hipster dürfen auch auf Englisch oder Japanisch spielen. Leider erzählt das Spiel nicht wo ihre Freundschaft herkommt. Etwas Hilfestellung gibt da die begleitende Animeserie Brotherhood, aber auch mit Kenntnis der Serie bleiben Lücken in der Geschichte. Und überhaupt, es kann einfach nicht angehen, dass ich in teure Sekundärliteratur investieren muss um die Geschichte eines (auch teuren) Videospiels ganz zu verstehen. Aus diesem Grund fließt nur die Story des eigentlichen Spiels in meine Wertung ein und die ist einfach unvollständig.

© Square Enix, Screenshot Martin Nagel

Kleine dünne Welt

Je nach Spieltempo wirst du nach drei Vierteln bis neun Zehnteln der Spielzeit im zweiten Teil des Spiels ankommen. Hier reisen die Helden im Zug durch mehrere kleine Locations. Dieser Teil ist deutlich atmosphärischer und endlich kommt auch die Story zum Tragen. Die Dunkelheit breitet sich über das Land aus, die Menschen sind verzweifelt und auch in der Party kommt es zu Konflikten. In einer verlassenen Militärbasis der Niffen zeigen die Entwickler schließlich was sie können. Die starke Inszenierung könnte glatt aus einem Horrorspiel stammen.

Jedes Final Fantasy hat Momente, die sich unvergesslich in das kollektive Gamergedächtnis einbrennen. Das Bühnenstück in Teil 6, Squall und Rinoa wie sie tanzen, Aeriths Tod. Bei Teil 15 werde ich mich wohl hauptsächlich daran erinnern, wie ich mich im automatisch fahrenden Regalia durch die Lande kutschieren lasse und im Autoradio Hits aus alten FF-Teilen höre. Zwar bietet die Story durchaus ihre Höhepunkte, sie kommen aber zu spät und es sind zu wenige. Beim Spielen des letzten Abschnitts fühlte ich mich permanent an den Film Django Unchained erinnert. Der ist über drei Stunden hinweg ein ernstes Drama über Sklaverei, mit einigen eingestreuten Gags. Erst in den letzten Minuten setzt das krasse Gemetzel ein, das ich von der Paarung Django/Tarantino eigentlich erwartet habe. Dann sind aber schon die meisten Zuschauer eingeschlafen oder haben keinen Bock mehr.

© Square Enix, Screenshot Martin Nagel

Zwischen allen Stühlen

Final Fantasy 15 will beides sein: Open-World-RPG mit MMO-Anleihen und straffgezogener Story-Schlauch. So richtig überzeugt haben mich beide Versuche nicht. Dennoch lässt mich die in Eos verbrachte Zeit überwiegend positiv zurückblicken. Hier leben schlanke schöne Menschen, die den ganzen Tag nur an Essen und Vergnügungen denken – selbst wenn die Welt um sie herum in Trümmer sinkt. Bei aller Oberflächlichkeit ist das ein herrlicher Kontrast zur Weltkriegs-Tristesse der heutigen Blockbuster-Games.

Wie also werten? Die offene World bekommt von mir eine Fünf, der Story-Schluss eine Sieben. Ich ziehe einfach das Mittel aus beiden Noten und vergebe sechs von zehn flauschigen Phoenixfedern. Hoffentlich nutzt Square Enix sie zur Wiederbelebung des strauchelnden RPG-Giganten.

Aktuell bemüht sich Squenix auch mit allerlei MMO-Tricks die Langzeitmotivation im Open-World-Teil aufrechtzuerhalten. Mit dem launigen Kupopo-Karneval wurde das erste zeitlich begrenzte Event abgehalten. Der letzte Patch hat die Levelkapazität von 100 auf 120 angehoben und es sind zeitlich begrenzte Jagdaufträge auf besonders mächtige Monster hinzugekommen. Löblich, aber ich bezweifle, dass mich dies auf Dauer motivieren wird. Wenn der 56-Gigabyte-Download erstmal von der Festplatte ist, wird der freie Platz ganz schnell mit anderem Kram zugekleistert. Auch die Download-Erweiterungen mit Nebengeschichten von Noctis‘ Partymitgliedern reizen mich nicht die Bohne. Warum liest du in der unteren Spoilerzone – wenn du dich traust!

Final Fantasy 15

Wertung: 6/10
Publisher: Square Enix
Entwickler: Square Enix Business Division 2 mit Unterstützung von HexaDrive, XPEC Entertainment, Plusmile, Umbra und Streamline Studios
Plattform: PS4 (getestet), Xbox One
Preis: Circa 50 Euro (Standard), circa 90 Euro (Limited Edition mit Kingsglaive-Film)

Das Review-Exemplar wurde selbst gekauft. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt. Die schwarzen Balken bei den Screenshots sind der dynamischen Auflösung des Spiels geschuldet. Wenn viel berechnet werden muss, wird die Auflösung automatisch verkleinert. Beim Spielen selbst fällt das aber kaum auf.

SPOILERZONE! Einfach hier klicken, wenn du mehr erfahren willst.

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Ich bin Martin und habe schon alles gezockt was Knöpfe hat. Ich unterstütze Thomas mit Reviews und Berichten aus den tiefsten Nischen, die unser Daddelhobby zu bieten hat.
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