Review: CrossCode – Wieder Kind sein

16 bit-rollenspiel nahe an der perfektion

© Radical Fish Games, Deck13

Ein Japano-Rollenspiel aus Deutschland? Kann das gutgehen? Überraschenderweise ja, denn dieses Spiel trieft geradezu vor Pixel-Liebe und jahrelang verfeinertem Spieldesign. Meet Lea, die nächste große Videospielheldin aus Deutschland. Hi Lea!

Die enorm hohe Qualität von CrossCode dürfte vor allem an der langen Entwicklungszeit liegen. Diese begann bereits 2012. Drei Jahre später, 2015, wurde das Spiel über Indiegogo finanziert, und befand sich anschließend weitere drei Jahre in der Early Access-Phase. Jetzt, zwei Jahre nach dem Heimcomputer-Release. wird das Spiel für die aktuellen Konsolen umgesetzt. Verantwortlich zeichnet ein kleines Team von Studenten aus Saarbrücken, welches hier sein erstes Spiel vorlegt. Publisher ist Deck13, welche du vielleicht als Macher des uniquen Rollenspiels Venetica, oder der etwas dreisteren Soulsborne-Klone Lords of the Fallen oder The Surge kennst.

Auf der Anfängerwiese – © Martin Nagel

Spielerisch ist CrossCode ein Action-Rollenspiel mit schräger Draufsicht. Die Optik erinnert schlagartig an die Sternstunden der 16 Bit-Rollenspiele wie Lufia und Terranigma. Schaust du etwas genauer hin, sind Auflösung und Detailgrad aber etwas höher und die Kamera weitwinkliger, um modernen HDTVs gerecht zu werden. Ich würde die optische Qualität in etwa mit dem Saturn-Klassiker Albert Odyssey gleichsetzen, welcher immer noch auf meinem Payel of Scheym vor sich hin Disc-rottet.

Nach einem kurzen Rückblick in eine ganz andere Richtung, welcher wohl vor allem die Spannung in der Tutorial-Phase aufrecht erhalten soll, treffen wir unsere Protagonistin Lea. Mit ihr zusammen erfahren wir, dass wir uns in CrossWorlds, einem Online-Rollenspiel befinden. Warum Lea das nicht weiß? Nun, das ist eine Überraschung. Ihre Aufgabe: Das Spiel durchspielen. Aber hier sind auch dunkle Kräfte am Werk, die Lea in ihre schmierigen Finger kriegen wollen, und die wohl über die Grenzen eines bloßen Videospiels hinausgehen. Lea erwacht ohne Real World-Erinnerungen auf einem von NPCs betriebenen Frachtschiff, welches eigentlich nicht von Online-Spielern betreten werden kann. Hier wird sie gleich von übermächtig scheinenden Finstermännern gejagt, kann dank der Hilfe der NPC-Besatzung jedoch gerade so entkommen. Jedenfalls erfüllt dieser kleine Prolog seinen Zweck wirklich gut: Mich so lange an das Spiel zu binden, bis mich der Charme der Spielwelt unweigerlich in ihren Bann gezogen hat.

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Charme-Offensive

Lea ist ein unglaublich liebenswerter Charakter. Zu Beginn ihrer Reise ist ihr Sprachmodul kaputt, sodass sie nach und nach einzelne Wörter lernen muss. Ihr erstes Wort ist Hi, was zugleich ihre Chatch-Phrase ist. Einige Spielstunden später kann sie zumindest wieder ihren Namen sagen. Es ist herrlich zu sehen, wie sie sich mit diesen wenigen Worten, Kopfschütteln und unglaublich ausdrucksstarken Charakterportraits irgendwie durchwurschtelt. Die Entwickler hatten sichtlich Freude daran, sie in die unmöglichsten Situationen zu bringen.

Norddeutsche Texte – © Martin Nagel

Überhaupt ist das Writing großartig. Du merkst schnell, dass bei den Texten deutsche Autoren am Werk waren. Wirklich jeder Nebencharakter hat seine eigene Persönlichkeit und Sprechweise – inklusive verschiedener deutscher Dialekte. Der Captain des Frachtschiffs, der richtig kernig vonne Küste sabbelt, die schwäbelnde Pflanzenexpertin oder dümmlich diggernde Jugendliche – you name it, aber bitteschön auf deutsch.

In den Gesprächen wird das MMO-Thema voll durchgezogen. Spieler sind am fachsimpeln über die Spielwelt, Nerd-Themen oder ihre Partykollegen – der eine Depp kommt immer zu spät, ist es sinnvoll, mit einem überlevelten Mitspieler in den Anfängerdungeon zu starten, all solche kleinen Alltagsgeschichten. Im Tutorial-Dojo ist ein Spieler ganz verliebt in einen Erklär-NPC. Als seine Partyfreunde ihn fragen, was er denn an einer Figur mit nur drei ewig gleichen Dialogzeilen findet, erklärt er dass ihre Geschichte eigentlich voll deep ist und in den Begleit-Comics ausgearbeitet wird – herrlich!

Leas Erzfeind. Die beiden werden sich mehrmals in einem speziellen Duellmodus gegenüberstehen – © Martin Nagel

Dabei werden etwas kleinere Textboxen genutzt, welche das sonstige Spielgeschehen nicht stören. Wenn du dich in die Nähe plaudernder NPCs begibst ploppen sie einfach auf, und blättern automatisch weiter. Schnelleser können den Vorgang durch Druck auf Y beschleunigen. So schafft CrossCode eine enorm schnelle, barrierefreie Erzählweise. „Richtige“ Gespräche, bei denen du dich dem Gesprächspartner nähern und A drücken musst, gibt es natürlich auch. Diese treiben meist die Story voran oder triggern Nebenaufgaben, holen also dein Einverständnis ein und verlangen deine Beteiligung. CrossCode schafft eine gute Mischung aus beiden Erzählformen und schafft so ein hohes, befriedigendes Erzähltempo. Dabei ist es enorm zugänglich.

Diese Zugänlichkeit setzt sich fort in eigentlich alle Bereiche des Spiels. Wenn du dich einem Marktstand näherst, wird automatisch ein Fenster mit den erhältlichen Tauschwaren angezeigt. Items, für die du nicht die nötigen Ressourcen hast werden grau hinterlegt. Durch Druck von A kommst du dann in das übliche Kaufmenü.

An den Marktständen sagt dir die Farbe, was du kaufen kannst – © Martin Nagel

Zugänglichkeit findest du auch bei der Steuerung, welche ebenfalls reichlich Feintuning ausstrahlt. Lea bewegt sich deutlich schneller durch die Spielwelt, als du es vom durchschnittlichen Retro-Rollenspiel gewohnt bist. Dennoch kannst du sie stets gut kontrollieren. Das enorme Spieltempo eines Ys wird auch nicht erreicht. Sie verfügt über Nahkampf- und Fernangriffe. Für beide benutzt du RB. Drückst du die Taste normal, schlägst du in Blickrichtung zu. Drückst du dazu noch den rechten Stick, feuerst du ein Fernkampfgeschoss ab. Ähnlich funktioniert deine Verteidigungstaste LB. Mit Stickeingabe gedrückt, macht Lea eine Ausweichrolle. Ohne blockt sie an Ort und Stelle. Somit spielt sich CrossCode in der Praxis eher wie ein Twinstick-Shooter. Wenn dir das zu exotisch ist, kannst du aber auch mit X zuschlagen. Ich habe bei meinem Durchgang immer zwischen beiden Varianten gewechselt, je nach Situation.

Manche Kämpfe spielen sich wie ein Deckungsshooter – © Martin Nagel

Gesprungen wird automatisch, immer dann wenn Lea an eine Kante kommt – gewissermaßen wie bei Zelda Ocarina of Time, nur halt in 2D. Hier wie dort werden Sprunghöhe und -distanz für allerlei kleine Rätsel und Bewegungspuzzles genutzt. Bei CrossCode bist du etwas flexibler unterwegs, da du deine Sprungrichtung auch in der Luft noch ändern kannst. Entsprechend anspruchsvoll sind aber auch die Parcour-Aufgaben. Trotzdem bleibt das Spiel immer fair, gibt dir aber sehr wohl das Gefühl etwas erreicht zu haben.

Spielfluss

Als zusätzliche Komfort-Funktion kannst du dir den Schwierigkeitsgrad von Kämpfen und Rätseln separat einstellen. Rätsel basieren meist darauf, dass du Schalter mit deinem Energiegeschoss treffen musst, und zwar über Bande und durch verschiedenfarbige Energieschilde hindurch. Hierfür hast du auf dem gemütlichen Rätselschwierigkeitsgrad mehr Zeit bis sich die Barriere wieder senkt.

Ein typisches Rätsel – © Martin Nagel

Die Aggro ziehen

Recht schnell bekommt Lea ihre erste Partykollegin. Die sympathische Emilie hat einen frechen französischen Akzent, und zu allem was zu sagen. Als ihr es questbedingt mit Kühen als Gegner zu tun bekommt, erzählt sie spontan von ihren Kindheitserlebnissen auf dem Bauernhof. Ein cooles Gamertag hat sie auch: Emilienator – ja, diese Welt lebt und atmet, fast wie jede andere MMO-Welt mit richtigen Menschen. Und wie ein echter Mensch geht Emilie auch mal essen oder schlafen, oder aus sonstigen Gründen AFK. Du kannst sie und andere NPCs aber jederzeit über ein internes PN-System anchatten und in deine Party einladen.

Hier hatte jemand eine SNES-Kindheit – © Martin Nagel

Dazu bietet CrossCode Pixelart vom Allerfeinsten, und einen herrlich nostalgischen, mal treibenden, mal emotionalen, aber immer etwas wehmütigen 16 Bit-Soundtrack. Die Nebenaufgaben sind abwechslungsreich und bieten dir auch mal kleine Schatzsuchen oder Parcour-Hüpfereien neben den üblichen Fetchquests und Monster-Raids.

Warum bin ich dann nicht hundertprozentig zufrieden? Es ist das Feeling der Kämpfe, welches einfach nicht richtig sitzt. Sowohl die Monster als auch Leas Schwert scheinen kein richtiges Gewicht zu haben, keine richtige Kinetik, wenn sie aufeinandertreffen. Leas Schwert fühlt sich nicht wie schwerer Stahl an, sondern eher, als würde sie den Viechern mit einem Fächer Luft zuwedeln. Auch das Verhalten der getroffenen Gegner wirkt unpassend. Sie werden nicht sehr weit zurückgeschleudert, blinken und zerplatzen einfach nicht „wie früher“. Zwar gibt sich die Inszenierung mit (abschaltbarem) Bildschirmwackeln und Bewegungslinien reichlich Mühe, diesen Lapsus aufzufangen, so recht gelingen mag es aber nicht. Dazu kommt noch, dass die Gegner gerade am Anfang und zum Start eines neuen Gebietes recht großzügige Lebensbalken haben. So fühlt sich die erste Grind-Phase immer etwas anstrengend und zu sehr nach Arbeit an.

Phantasy Star-Vibes: Zum Anschied nochmal ein wunderschöner Establishing Shot – © Martin Nagel

Dennoch, ich bin echt froh dieses Spiel entdeckt zu haben und erfahren zu dürfen. Es stimmt einfach so vieles, und lässt den Kritiker in mir ganz klein und leise werden. Lieber mein Date mit Lea genießen, vielleicht lernt sie ja als nächstes meinen Namen.

Neben der Downloadveröffentlichung bekommst du CrossCode ab dem 28. August auch physisch für knappe 30 €. Wenn du etwas mehr Geld ausgeben willst, bekommst du über Strictly Limited Games verschiedene Sammlerausgaben. Ich als alter Hoarder habe hier ebenfalls bestellt, und freue mich schon darauf das Spiel noch einmal zu spielen, ganz ohne Review-Zeitdruck und mit wirklich allen Nebenquests.

CrossCode

Wertung: 9/10
Publisher: Deck13
Entwickler:
Radical Fish Games
Plattform: PS4, Xbox One, Switch, Steam-PC, macOS, Linux
Preis: 19,99 € (PS4 Download), 19,99 € (Xbox Download), 19,99 € (Switch Download), 19,99 € (Steam Download), 29,99 (PS4 und Switch Physisch), 39,99 (PS4, Switch, PC limitierte Steelbook-Edition), 59,99 (PS4, Switch, PC Collectors Edition mit Artbook und 2 CD-Soundtrack)

Für den Test wurde ein kostenloser Review-Key vom Publisher Deck13 zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots bis auf das Titelbild wurden selbst angefertigt und stammen von der Xbox One-Version.

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