Review: Boxing Champs – Zen

© Martin Nagel

Mein erster Kontakt mit dem Boxsport war das Spiel „Boxing“, welches sich auf der 32 in 1-Cartridge des Atari 2600 befindet. Für reales Boxen war ich immer zu faul und feige, und Fernsehboxen hat mir zu viele Werbepausen.

Es zeigt zwei Boxer in der Vogelperspektive. Sie bestehen eigentlich nur aus Kopf und den melonengroßen Handschuhen, die durch dünne Ärmchen miteinander verbunden sind. Die beiden haben sich immer automatisch auf einander ausgerichtet, und mit der Einknopfsteuerung gabs aufs Fressbrett. Du konntest auch blocken, wenn du dich zur Seite lehntest und den Gegner in deinen Handschuh boxen ließest.

Mein Baby! – © Martin Nagel

Fratzengeballer

Ich habe nie wieder solchen Spaß am Boxen gehabt. Zugegeben, so richtig viele ernstzunehmende Versuche gab es nicht. EAs Fight Night war mir zu simulationsschwer. Nintendos Punch Out mag ich theoretisch, jedoch ist es mir einfach zu schwer und zu auswendiglernerisch. Dann gab es noch Ready 2 Rumble auf Dreamcast. Warum das bei mir nicht zünden konnte weiß ich selber nicht so recht. Es enthält zwar coole Elemente, mag sich aber nicht so recht zu einem spielbaren Ganzen zusammenfügen.

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Zuerst hatte ich meine Zweifel ob Boxing Champs das ändern könnte. Das Spiel wirkte einfach so… klein. Dir wird es beim Betrachten des Trailers wohl ähnlich gehen. Optisch macht es auch wirklich nicht viel her. Die Figuren wirken wie eine Kreuzung aus South Park und Nintendos Miis. Das erlaubt aber einen einfach zu bedienenden Editor mit mehreren Slots. Der Zufallsgenerator gibt mir „El Toro loco“, einen feurigen Mexikaner mit petrolfarbener Glatze. Auch ein paar Attributspunkte darf ich verteilen.

Stärke und Schnelligkeit sind selbsterklärend – nun, nicht ganz. Schnelligkeit bezieht sich allein auf die Boxhiebe. Die Laufgeschwindigkeit des Boxers heißt „Beinarbeit“. Etwas obskur klingt „Kinn“. Hiermit ist die Resistenz gegen kritische Treffer gemeint.

„In yo‘ Face!“ – wuchtige Inszenierung mit geringen Mitteln – © Martin Nagel

Fechten mit Fäusten

Schläge verteilen wir entweder per ABXY oder – Buriki One-Fans wird’s freuen – mit dem rechten Stick. Nach kurzem Ausprobieren und „Oh wie cool“ bin ich aber schnell zu den Tasten zurückgekehrt. Street Fighter-artig gibt es den leichten und schnellen Jab, mittlere linke und rechte Punches und den vernichtenden Kinnhaken. Hier kommt dann auch der „Kinn“-Wert. Trofft ein Uppercut, so besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dass unser Boxer sofort aus den Latschen kippt. Das KO kann aber mit einem Trigger-Minispiel abgewendet werden. Mit den Schultertasten kann ich blocken oder meinem Gegner frech die Zunge rausstrecken – Mittelfinger im Boxhandschuh geht halt nicht.

Der Schiedsrichter kämmt sich seinen kümmerlichen Haarschopf rüber. Täuschen kann er damit kaum jemanden – © Martin Nagel

Rocky IV

Was hat das alles nun mit Zen zu tun? Nun, der Zen-Buddhismus lehrt Einfachheit und den Verzicht auf überflüssige Dinge, ebenso wie Perfektion in Kleinigkeiten und Alltäglichkeiten. Ein bekanntes Lifestyle-Phänomen ist der Bindestrich-Zen. Business-Zen, Wellness-Zen, Street-Zen… Hier haben wir nun den Gaming-Zen.

Denn Boxing Zens, pardon, Champs verzichtet auf alles Überflüssige. Es gibt nur den Zweispielermodus und eine kurze Karriereleiter. Weder Story noch Einmärsche halten uns auf, und Kämpfe dauern nur wenige Sekunden. Hier wird dafür Perfektion geboten. Bewegungslinien, Kamerawackeln und punktgenaue Rumble-Effekte inszenieren die Kämpfe sehr wuchtig.

Victoly! – © Martin Nagel

Aus dem Sauerland-Stall

Da du deinen Boxer nur bis zu einem bestimmten Punkt leveln kannst, sind die späteren Kämpfe durchaus fordernd. Hier kommen Spannung und ein enormes Flow-Gefühl auf. Du musst auf deine Ausdauerleiste achten, und wenn du stur in eine Richtung boxt kann dein Gegner dich umtänzeln. Du musst deine Combo kurz unterbrechen, damit die automatische Zielerfassung „nachfassen“ kann. Diese zwei Features sind gerade genug, um das Spiel nicht zum wilden Gekloppe werden zu lassen.

Sicherlich, ein richtig „großes“ Spiel ist Boxing Champs immer noch nicht. Aber es wurden sich Gedanken gemacht. Mit wenigen, aber durchdachten Features wurde ein solides, intensives und schnelles Action-Boxing realisiert. Sowas ist mir inzwischen lieber als aufgeblasene Triple A-Wasserköpfe mit kaum vorhandenem oder stark gestrecktem spielerischen Inhalt.

Boxing Champs

Wertung: 7/10
Publisher: Raz Games
Entwickler: Raz Games
Plattform: Switch (getestet), PC
Preis: € 8,50 (Switch eShop), € 6,59 (Steam)

Für den Test wurde ein kostenloser Review-Key von Publisher Raz Games zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

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