Review: Battle Garegga Rev.2016 – Eine Hölle aus Ruß, Kordit und berstendem Stahl

Steampunk-Shooter der Extraklasse

© 8ing/Raizing/M2

Als Battle Garegga 1998 für Segas Saturn umgesetzt wurde, löste es bei den deutschen Fachmagazinen bestenfalls höfliches Desinteresse aus. Es wurde mit unendlich Credits durchgespielt, dann hieß es, es sei zu leicht, zu verwirrend, zu hässlich, zu oberflächlich, zu schnell durchgespielt und überhaupt müsse heutzutage ja alles 3D sein. Dann bekam es Wertungen in den Fünfzigern, wenn es denn überhaupt getestet wurde. Fast zwanzig Jahre später beschäftigt der Titel die Shmup-Community noch immer.

Mittels Frame für Frame geschossener und penibel verglichener Savefiles im Mame-Emulator wird die genaue Arbeitsweise des Ranking-Algorithmus ermittelt. Für die Saturn-CD und die bei INH erschienene Superplay-DVD werden dreistellige Summen verlangt und bezahlt und die Arcade-PCB droht schon in den vierstelligen Bereich vorzustoßen. Und nur ganz wenige Europäer dürfen sich rühmen, dieses Monster von einem Spiel nach den 1CC-Regeln bezwungen zu haben. (Grüße an dieser Stelle an Plasmo: dir bei der Arbeit zuzuschauen ist pure Poesie!)

So richtig böse sein mag ich den Fachmagazinen nicht. Battle Garegga ist keine Liebe auf den ersten Blick, ja manchmal nicht einmal auf den zweiten oder dritten. Auch ich fand die schwarzgraue Kriegshölle zuerst unspektakulär und grafisch schwach. Je öfter ich spielte, desto mehr sog ich die dichte Atmosphäre in mich auf. Kein weiteres Videospiel vermag es, eine so düster-rußige Fliegerwelt zu erschaffen. Du kannst Waffenöl und Flugzeugbenzin fast schmecken und jeden Augenblick könnte Buck Danny mit lammfellgefütterter Fliegerjacke um die Ecke biegen, lässig eine Fat Lady schmauchend.

© M2 ShotTriggers, Boobs and Bullets

Und dann die Bosse! Wie eine Urgewalt brechen sie über dich herein, stoßen dich in eine dampfende Hölle aus Ruß, Kordit und berstendem Stahl. Hast du einen besiegt, so fühlst du dich, als hättest du einen stählernen Amboss mit purer Willenskraft gespalten – und wunderst dich, dass in der realen Welt nicht einmal eine Minute vergangen ist. Hallo CAVE, hallo Espgaluda 2: so wird’s gemacht!

Aber bloß nicht verschnaufen nach dem Boss! Das Stahlgewitter geht unbarmherzig weiter. Schrapnelle prasseln aus allen Richtungen auf dich ein und Flammensäulen schießen quer über den Bildschirm. The 68000 Heart is on Fire! Gefährlich ist nichts von dem Feuerwerk, aber es kann dich nur allzu leicht von den tödlichen Geschossen ablenken. Die Bullets in Battle Garegga sind klein, spitz, blass und gemein. Es dauert eine Weile sich auf sie einzustellen, besonders wenn du CAVEs große runde pinke Quaddeln gewohnt bist.

Zwei Spielmechaniken sind es, die Battle Garegga so besonders machen. Beide gab es vorher schon, jedoch wurden sie noch nie in einer solchen Konsequenz – ja Gnadenlosigkeit – auf den Spieler losgelassen. Die erste ist das Ranking. Jedes eingesammelte Item, jeder abgefeuerte Schuss, jede vergangene Sekunde macht das Spiel schwieriger. Nur der Einsatz von Bomben oder – im Extremfall – der Bildschirmtod, vermögen es wieder zu senken. Profis „suiciden“ gezielt und meist vor Bossen, um den Stahlkoloss vielleicht ein bisschen milder zu stimmen.

© M2 ShotTriggers, Boobs and Bullets

Der inzwischen legendäre Designer Shinobu Yagawa sagte in einem Interview, er wollte mit dieser Mechanik diejenigen Spieler etwas ärgern, die ohne nachzudenken ihren Finger das ganze Spiel über auf dem Feuerknopf parken – und den Arcade-Betreibern gute Gewinne verschaffen, was für eine PCB das wichtigste Verkaufsargument ist. Besonders gemein: am Automaten bleibt das Ranking auch nach dem Spiel für etwa 15 Minuten bestehen. Kann ja sein, dass der Typ vor der Kiste noch ’ne Mark übrig hat. Ich selbst habe lange gebraucht um mich mit dieser Mechanik anzufreunden, widerspricht es doch elementarster Videospiel-Logik. Extraleben sind gut, Extraleben halten mich am Leben. Aber wer wirklich etwas in dem Spiel reißen will, der lernt dieses System. Und plötzlich macht alles Sinn! Wer das Scoresystem beherrscht, der kann sich bald vor Extraleben kaum retten. Score-Extends gibt es bei jeder Million und die ist bei maximalem Medaillennwert von 100.000 schnell erreicht – mehr dazu gleich. Ein großes Polster an Extraleben macht den Spieler nur fett, faul und gefräßig. Wozu anstrengen? Mein Vorrat an Schiffen wird mich schon zum Abspann bringen. Aber so bist du gezwungen, dich in einem Korridor von 1 bis 3 Leben zu bewegen. Ständig vom Tod bedroht, von zu wenigen wie zu vielen Leben. Battle Garegga gleicht einem Tanz auf der Rasierklinge.

Kommen wir nun zum Medaillensystem. Medaillen erscheinen bei der Zerstörung von bestimmten Bodenzielen, sowie bei Luftzielen nach einem bestimmten Algorithmus. Die erste ist noch klein und kümmerlich und gibt dir läppische 100 Punkte. Je mehr du aber anhäufst, desto mehr steigen sie im Wert – bis zu einem Maximum von 10.000 – du darfst nur keine auslassen! Dann sinkt der Wert wieder auf 100 und die Kette ist gerissen. Für Profispieler ist eine gerissene Medal-Chain schlimmer als der Tod. Die mit Schweiß und Tränen erkämpfte Highscore lässt sich dann meistens vergessen. Sammle alle aufgedeckten Medaillen ein und wenn du das nicht kannst, decke sie nicht erst auf. Je nach Spielziel musst du dabei noch die reichlich herumfliegenden Powerups einsammeln oder ihnen ausweichen – und Gegner und ihre Schüsse sind schließlich auch noch da. Oh und selbstverständlich darfst du nur dann suiciden, wenn für die Medaillenkette keine Gefahr besteht. Multitasking wird in Battle Garegga verdammt groß geschrieben.

Bomben werfen darfst du dafür reichlich, es gibt keine Punktestrafen wie etwa bei Cave. Du musst nur erst die vielen kleinen Splitter aufsammeln, denn eine Bombe besteht aus 40 Teilen. Die Knallfrösche brauchst du zur Verteidigung, aber auch für die vielen Geheimnisse. Zündest du eine Bombe über dem einsamen Schloss in der Plateau-Stage, so scheuchst du einen Schwarm Flamingos auf. Jetzt schnell nachsetzen und so viele bunte Vögel wie möglich erlegen, das gibt einen satten Punktebonus! Warum hat PETA dagegen eigentlich noch nicht protestiert? Oft lassen sich auch Bodenplatten oder Strukturen im Hintergrund wegsprengen, die Medaillen und Items freigeben. Und erwischt du einen großen Panzer genau in seiner Parkposition, so kannst du dich über eine besondere Überraschung freuen. Erfreulicherweise sind die Secrets aber nicht so häufig wie beim (meiner Meinung nach etwas überhypten) Raiden Fighters Jet. Dort musst du die vielen Boni geradezu abarbeiten und kommst vor lauter Stress gar nicht richtig in den Genuss des Spiels. Battle Garegga findet hier ein angenehmes Mittelmaß.

© M2 ShotTriggers, Boobs and Bullets

Wie schlägt sich nun die PS4-Umsetzung? Um es kurz zu machen: hervorragend! Die HD-Überarbeitung ist knackig scharf und wirklich alles lässt sich einstellen: die Steuerung bis hin zur Eingabeverzögerung, Hintergründe, verschiedene Bildmodi – Tate ist selbstverständlich vertreten – und du kannst sogar vertikale Scanlines zuschalten. Wie geil ist das denn bitte? Wenn du deinen Fernseher nicht auf die Seite legen magst – Boobs and Bullets ist für TV-Unfälle nicht verantwortlich, Taten auf eigene Gefahr! – wird der freie Platz auf dem Bildschirm für allerlei Anzeigen genutzt. Score-Anzeigen für jeden einzelnen Level, Medalgröße, die nächsten freigelegten Items und eine Ranking-Anzeige. Wie lange habe ich mir die gewünscht! Stört dich der Informations-Overkill, so kannst du jede dieser Anzeigen einzeln abschalten.

Drei Spielmodi sind auswählbar: Super Easy, Arcade und Premium. Arcade gibt dir den ungefilterten Schwierigkeitsgrad der Platine. Knallhart und unnachgiebig, aber nur hier werden Helden gemacht. Auf Premium steigt das Ranking etwas sanfter, du hast lebensrettende Autobombs und eine kleinere Hitbox, Items sind außerdem leicht magnetisch. Bombenfragmente werden doppelt gezählt, du kommst also deutlich schneller an deine Sprengkraft. Auf Super Easy steigt das Ranking nicht und die Feinde lassen es generell sehr ruhig angehen. Bombenfragmente zählen dreifach. Außerdem greifen die Änderungen des Premium Modes. Ich mag diesen Modus sehr, auch wenn er wahrscheinlich kaum gespielt wird – Winners don’t play easy und so. Aber er ist ideal für den kleinen Arcade-Kick zwischendurch, um spätere Level anzugucken und als kleine Motivationsspritze, wenn es in den „richtigen“ Modi mal wieder auf die Fresse gab. Du kannst dir aber auch deinen komplett eigenen Schwierigkeitsgrad zusammenstellen. Die Größe der Hitbox, die Magnetkraft der Items, die Steigerungsrate des Rankings – auch hier lässt sich wieder alles einstellen. Im Forum von Shmups.com kannst du eine Übersetzung des japanischen Optionsmenüs nachlesen.

© M2 ShotTriggers, Boobs and Bullets

Warum ist dieses Spiel nur als Download erhältlich? Selbst beim Kauf der Limited Edition kriegst du nur eine Scheckkarte mit Keycode zum Freirubbeln. Zum Download brauchst du dann zwingend einen japanischen PSN-Account. Es ist nicht ganz einfach diesen anzulegen, da du hierzu eine real existierende Postadresse in Japan angeben musst – auf Japanisch, in einer rein japanischen Maske! Dieses Tutorial-Video hilft vielleicht ein bisschen. Hast du das Spiel heruntergeladen, dann kannst du es nur auf deinem japanischen Account verwenden. Besonders ärgerlich ist hierbei, dass für Replays und Screenshots auch ein separater Speicher angelegt wird. Willst du per Share-Button mit deinen Leistungen angeben, so musst du deine Accounts für Facebook, YouTube, Twitch und Twitter völlig neu verbinden. PSN-Trophäen sammelt auch nur dein Fake-Account.

Mein Wunsch an M2: Bitte macht weiter so! Gareggas Nachfolger Battle Bakraid verdient dringend eine Konsolenumsetzung und Brave Blade könnte in HD richtig schick aussehen. Danach nehmt euch bitte CAVE, Toaplan, Irem und Technosoft vor. Das angekündigte Dangun Feveron und Segas Kauf der Technosoft-Lizenzen sind schon mal ein guter Anfang. Und gebt uns Discs! Hier bei Boobs and Bullets lieben wir alles was rund ist <3.

Battle Garegga entfaltet einen Flow und eine unwiderstehliche Sogwirkung, wie es nur die allerbesten Shmups können. Durch das M2-Treatment ist es noch mal ’ne Ecke besser geworden, vor allem die vormals brutale Einstiegshürde ist ein ganzes Stück gefallen. Nur die Disc fehlt schmerzlich. Ich versuche es als den einen tragischen Makel zu sehen, ohne den wahre Schönheit unmöglich ist. Für ein perfektes Spiel in einer perfekten Umsetzung kann und darf es dennoch nur eine Wertung geben: zehn von zehn dampfenden Siegeszigarren für Buck.

Battle Garegga Rev.2016

Wertung: 10/10
Publisher: M2 ShootTriggers
Entwickler: Eighting/Raizing, M2 (PS4)
Plattform: PS4
Preis: Ca. 35 Euro (Download im japanischen PSN Store), ca. 100 € (Limited Edition).

Das Review-Exemplar wurde selbst gekauft. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

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Ich bin Martin und habe schon alles gezockt was Knöpfe hat. Ich unterstütze Thomas mit Reviews und Berichten aus den tiefsten Nischen, die unser Daddelhobby zu bieten hat.
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