Review: Agony – Höllisches Mittelmaß

Etwas hüftsteifer Walking Simulator, der dich an einen ganz besonderen Schauplatz führt

© Madmind Studio, Deep Silver

Eine Höllenqual ist Agony für die PS4 zwar nicht. Aber wenn es im Fegefeuer einen Fernseher mit Konsole und nur einem einzigen Spiel gäbe, dann wäre Agony ziemlich sicher ein Kandidat der in Frage käme. Die armen Seelen die Buße tun müssen um in den Himmel zu kommen werden von ihren guten Willen geleitet sich ihrer Sünden zu entledigen. Guten Willen brauchst du außerdem um dieses Spiel durchspielen zu wollen. Viel davon.

Im Grunde fängt es ganz ansprechend an. Du landest als auf ewig verdammte Seele in die Hölle. Ohne Vorkenntnisse oder jegliche Erinnerungen. Ziel des Spiels ist es die Rote Göttin zu finden mit der Hoffnung, dass sie dir helfen wird aus diesem schlimmsten aller Orten zu entfliehen. Dabei gilt es in der Ich-Perspektive die Umgebung zu erforschen, kleinere Puzzles zu lösen und sich vor wütenden Dämonen zu verstecken. Madmind Studio hat es auf eine elegante Art und Weise geschafft den Spieler in diese abartige Welt einzuführen. Ich bin kein Fan von Kitsch, Drama, unnötigen Dialogen oder pseudokünstlerischen Erzählmethoden. Zum Glück wirst du durch den plötzlichen Beginn von alledem verschont. Du befindest dich am Anfang und doch mittendrin. Ein dickes Plus dafür.

Eine typische Wand in Agony – © Milorad Alempic

Der erste Eindruck ist durchaus imposant. Schließlich musst du dich in der verdammten Hölle versuchen zurechtzufinden. Diese besteht aus einer organischen Architektur die teils aus Blut und Knochen bestehen. Es ist düster. Es ist eng. Schreie hallen durch die Räume. Betrittst du eine große Halle, fühlst du dich beobachtet. Einen Safe Space wie in Resident Evil 4 gibt es nicht. Nirgends kannst du dich mal ausruhen und den Höllenqualen anderer entfliehen. Ohne Pause wirst du daran erinnert, dass es sich hier nicht um ein Spiel handelt, das witzig oder locker sein möchte.

Vor lauter Aufregung vergisst man auch mal nach unten zu schauen – © Milorad Alempic

Dieser positive erste Eindruck wird mir aber sofort zunichte gemacht als ich die erste Person treffe. Einen Mann hinter (Knochen)Gittern der mich zu kennen scheint. Er gibt zu, dass er keinerlei Erinnerungen an mich hat. Außer dass er mir in seinem leichten New Yorker Dialekt die Schuld gibt, warum er aus dem Reich der Lebenden in die ewige Verdammnis musste. Nichts gegen Dialekte der US-Ostküste. Aber so sehr die New Yorker Straßenwürstchenverkäufer einen gewissen Charme haben, denke ich trotzdem das es ungünstig platziert wurde (Fuckin‘ asshole. Yuh son of a whoore. I curse yuh Amraphel …!!). Andererseits: warum sollten manche Hotdog-Verkäufer vom ewigen Feuer verschont bleiben? Sie verkaufen aufgebrühte, pürierte Tierreste in Därmen mit Weißbrot. Alleine dafür gibt es bestimmt einen besonderen Platz in der Hölle.

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Dass sich die Lippen von „Sonny“ (Name von der Redaktion geändert), unserem Möchtegernwürstchenverkäufer, absolut asynchron bewegen erinnert mich wiederum daran dass Madmind Studio ein Indie-Entwickler ist. Mit der erfolgreichen Kickstarter-Kampagne von 2016 von knapp über 120.000€ war das Budget denkbar klein und somit sollte ich eigentlich darüber hinweg schauen. Aber ein Spiel das versucht durch seine besondere Atmosphäre zu punkten wäre gut beraten auf solche Kleinigkeiten zu achten. Ich für meinen Teil hätte es nicht schlecht gefunden, wenn die NPC nicht englisch sprächen. Ein leidiges Seufzen und schmerzvolles Stöhnen zur Kommunikation mit Untertiteln hätte die Atmosphäre besser untermalt.

Auf Augenhöhe! Nacktheit ist in Agony allgegenwärtig – © Milorad Alempic

Agony ist ein selbstdeklarierter Survival-Horror der in Wahrheit ein Walking Simulator mit Survival-Horror-Elementen ist. Du musst dich darauf einstellen die Umgebung im Schneckentempo zu erkunden. Du kannst zwar für kurze Zeit sprinten, aber dir sei gut beraten deinen Atem zu schonen, da du hinter der nächsten Ecke vielleicht schon die Luft anhalten musst.. Um voranzukommen sollst du Puzzles lösen um etwa schwere Tore zu öffnen die dir den Weg zur Roten Göttin versperren. Manche Puzzles sind aber so einfach, dass sie die Aufgaben von Resident Evil 4 (großartiges Spiel) wie das Rätsel der Sphinx aussehen lassen.

Der Startbildschirm deutet auf ein spannendes Spiel hin – © Milorad Alempic

Das Gameplay ist wie die Puzzles die du lösen musst. Agony besinnt sich auf die Basics. Du kannst mit Sachen und Leuten interagieren, rennen, dich ducken, springen und was ich am besten finde: die Luft anhalten. Letzteres ist besonders wichtig wenn du dich vor Dämonen verstecken musst – welche zwar nicht sehen, aber dafür umso besser hören können. Für eine kurze Zeit übermannt dich das beklemmende Gefühl doch entdeckt zu werden und du hoffst dass die Luft ausreichen wird bis das Monster weg ist. Solange du nicht atmest, manifestiert sich zunehmend ein dunkelroter Tunnelblick der die Atmosphäre wiederum großartig gestaltet da mit jeder verstrichenen Sekunde die Panik in dir wächst. Sollte die Luft ausgereicht haben kannst du deinen Weg fortsetzen und neue, immer groteskere Dinge entdecken.

Noch eine typische Wand in Agony – © Milorad Alempic

Das Groteske wiederum ist Ansichtssache. Die Architektur besteht auf den ersten Blick aus Knochen, Innereien, Babys mit Männerköpfen usw. Wenn dir das zu krank ist kannst du ruhigen Gewissens die Finger davon lassen. Fans des Horror-Genres könnte aber passieren, dass nach der ersten geballten Ladung Gore zu sehr die Gewohnheit einsetzt. Wenn du permanent mit virtueller Abartigkeit, Leid und Tod konfrontiert wirst stumpfst du wohl oder übel ab. Einerseits kannst du von der Hölle auch nichts anderes erwarten als die pure Qual in unzähligen Facetten. Andererseits hätte Madmind Studio den Storyverlauf geschickter kreieren können um den ersten Schock zu konservieren, ihn gut dosiert allmählich weiterzuentwickeln. Stattdessen gewöhnst du dich sehr schnell an die verzweifelten Seelen, die aus purer Not auf ewig verdammt sind zu schreien. Selbst manch absoluter Angsthase bezüglich Horror, wie ich definitiv einer bin, kann nicht abstreiten sich schon in kürzester Zeit nicht mehr zu gruseln. Ich ärgere mich eher grün und blau, weil ich mal wieder von einer scherenköpfigen Dämonin abgeschlachtet wurde und nun als Seele durch den Raum fliege. Hier wurde in Agony aber hervorragende Arbeit geleistet um einen Frustfaktor gar nicht erst richtig entstehen zu lassen. Statt GAME OVER auf dem Schirm ständig stehen zu haben darfst du nach dem Ableben als Seele für kurze Zeit umherschwirren. NPCs die du vorher trafst eignen sich als Wirte für die Fortsetzung deines Abenteuers.

Dieser Kannibale kann es nicht seinlassen. Zum Glück ist er harmloser als er aussieht – © Milorad Alempic

Zum Abschluss lässt sich noch sagen dass Feinde der Zensur beruhigt sein können. Brutalität, Eingeweide, Nacktheit sind allesamt vorhanden. Wem das zu wenig ist, darf sich auf Youtube gerne die gelöschten Szenen anschauen. Diese zeigen dass man Frauen hätte vergewaltigen (komischerweise keine Männer) oder Babys das Genick brechen können. Trotz meiner positiven Einstellung zur kreativen Freiheit denke ich, dass die Selbstzensur von Madmind Studio in dem Fall locker verkraftet werden kann.

Leider wurde das Spiel im Prinzip unfertig auf den Markt gebracht. Nach dem ersten großen Update ist das Tearing aber deutlich geschmolzen (genauso wie der Preis des Games von 35€ auf 25€). Geblieben ist nun ein PS4-Spiel mit einer PS3-Grafik. Würde ich Noten erteilen, dann würde das Spiel trotzdem mit einem mehr als gerechten „befriedigend“ davonkommen. Und das nur weil ich ein Faible für krude, weit vom Perfektionismus gelegene Spiele habe. Man stelle sich aber nur vor es dass es damals für die PS2 oder von mir aus in 16-Bit für das SNES erschienen wäre. Den festen Platz im Videospiel-Olymp wäre Agony sicher gewesen. So ist es nur ein Spiel von vielen.

Die wenigsten NPCs sind im stabilen mentalen Zustand. Die meisten sind vor lauter Qualen durchgedreht – © Milorad Alempic

Dass keine VR-Version parallel erschienen ist bleibt mir schleierhaft. Die schlechten Bewertungen der Käufer verschiedener Online-Versandhäuser wären mit Sicherheit positiver ausgefallen. So bleibt nur zu hoffen das Madmind Studio, die mit ihrem Erstlingswerk definitiv in die richtige Richtung aufgebrochen sind, sich nicht von den Bewertungen entmutigen lassen sondern stattdessen daran reifen um uns in Zukunft mit noch ausgefalleren und vor allem ausgereifteren Produkten zu erfreuen.

Letztlich zeigt uns Agony mal wieder wie es ist wenn der Hype größer als das eigentliche Produkt ist. Wie ein extrem guter Film-Trailer der seine besten Szenen ebenda hatte und der eigentliche Film nichts Besonderes ist. Dennoch kann ich sagen das ich nach aller berechtigter Kritik mein Späßchen hatte, ich aber einen Teufel tun und bestimmt nicht alle verschiedenen Enden freispielen werde.

Autsch! – © Milorad Alempic

Martin meint dazu: „Agony is a first-person survival horror game currently in development“ – so steht es auf der Homepage von Entwickler Madmen Studio. Und verdammt, ich hätte es nicht besser ausdrücken können! Die neun Mann mit ihren Kickstarter-Peanuts haben sich einfach übernommen, das Spiel kam unfertig und voller Bugs auf den Markt. Entsprechend sauer reagierte die Netzgemeinde: Agony gilt als Vollflop.

Aber so einfach macht es uns das Spiel nicht, und so einfach sollten wir es uns auch nicht machen. Immerhin haben wir es hier mit der einen, echten Hölle zu tun, DEM Archetypus menschlicher Vorstellungskraft. Von Hieronymus Bosch bis Wolfgang Petry haben kleine und große Künstler versucht sie für uns erfahrbar zu machen. Und vielleicht ist die Hölle ein Wurstbudenverkäufer mit South Central-Asisprech. Vielleicht ist die Hölle auch ein schlecht programmierter Walking Simulator mit ’nem Haufen Bugs. Artsy ist das Ergebnis auf jeden Fall!

Und ich bin neugierig! Trotz all der Bugs und der ungeschlachten Performance. Denn wann werden im Games-Bereich heutzutage noch Grenzen gesprengt? Ich werde mir den Höllentrip auf jeden Fall noch geben, aber erst wenn einige Patches in’s Land gezogen sind.

Agony

Wertung: Agony entzieht sich jeder Wertung
Publisher: Deep Silver/Koch Media
Entwickler: Madmind Studio
Plattform: PS4 (getestet), Xbox One, PC (Steam)
Preis: ca. 25 €, Tendenz fallend

Das Review-Exemplar wurde selbst gekauft. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

Milo

Milo

Ich bin Milo, Nicht-Sammler, Everdrive-User wann immer es möglich ist. Das Mittelmaß ist für mich die pure Freude. AAA-Spiele zocken kann jeder.
Milo

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