Review: Aces of the Luftwaffe Squadron – Darf das Spaß machen?

Kein gutes Shmup, aber ein grandioses Videospiel!

© HandyGames

Ein Nachfolger zu einem Flopspiel von einem deutschen Smartphone-Entwickler der auch noch HandyGames heißt. Kann da überhaupt was bei rumkommen? Oder stecke ich als alter Shmup-Hase viel zu sehr in meinem Schubladendenken fest? Komm mit, wir müssen mal wieder die Welt vor Nazis retten!

Vielleicht erinnerst du dich noch an den Vorgänger, der einfach nur Aces of the Luftwaffe hieß – ohne das Squadron. Vor einiger Zeit wurde das Mobile-Game für die PS4 geportet. Seitdem hält es meinen persönlichen Rekord für die mieseste Konsolenportierung seit den Taito Legends auf PS2 und Xbox, wo Tate-Perlen wie Grid Seeker und Gekirindan erst gequetscht und dann abgehackt wurden. Hier wurde zwar nichts beschnitten, dafür wurde das einst vertikale Smartphone-Bild um 90° „zurückgetatet“. Häuser und Bäume im Hintergrund siehst du in einer seltsamen halbschrägen Perspektive. Die offensichtliche Tate-Option wurde natürlich ignoriert. Ebenso wurde eine Ausweich-Option per Touchscreen komplett gestrichen, ohne die einige Bosskämpfe kaum zu schaffen sind. Grafisch war auch nicht viel los, aber ich mochte das bauchige Design und die unkomplizierten Kämpfe schon irgendwie.

Doch nun zum Nachfolger. So richtig viel Grafik gibt es immer noch nicht. Dennoch erzeugen kernige Motorensounds, halbtransparente Wolken und vollvertonte Dialoge eine dichte Fliegeratmosphäre. Auch cool: durch feindliche Treffer „springt“ das Glas deines Displays. Das ist sehr wuchtig inszeniert und macht fast schon Angst!

Aces Luftwaffe Squadron Screenshot

© HandyGames

Alternative Fakten

Die Story schließt direkt an den Vorgänger an. Nach gewonnenem 2. Weltkrieg wartet New York auf die heimkehrenden Soldaten. Schon zeigen sich die Silhouetten der zurückkehrenden Bomber und Jagtflieger am östlichen Horizont. Doch was ist das? Das sind keine Lockheed sondern Messerschmitt! Ist die braune Brut etwa doch noch nicht besiegt?

Bis zu vier Fliegerasse dürfen gleichzeitig ran. Zehn verschiedene Flugzeuge stehen zur Auswahl (fünf davon müssen freigespielt werden). Zusammen mit den vier Fliegerpersönlichkeiten (kommt gleich) ergeben sich so vierzig verschiedene Setups.

Wer keine Freunde hat steuert die ganze Schwadron auf einmal. Das fühlt sich etwas klobig an, funktioniert aber erstaunlich gut. Die Mitflieger weichen selbstständig Kugeln aus. Sie haben einen Ausweichwert der sich auch boosten lässt. Ja richtig, jeder von denen hat einen RPG-artigen Skillbaum. Überhaupt erinnert vieles an ein Rollenspiel. Die Bombe hat eine Abklingzeit (!) und beschädigt ausschließlich Feinde, keine Kugeln (!!).

 

Aces Luftwaffe Squadron Screenshot
© HandyGames

Kraut Busters

Der RPG-Aspekt findet sich auch im Charakterdesign der vierköpfigen Party Schwadron wieder. Der stiernackige John ist der Tank der Truppe. Er trägt seinen Cowboyhut wahrscheinlich sogar auf dem Klo. In einem Fantasysetting hätte er bestimmt eine Doppelaxt oder einen Kriegshammer. Emopunk Melissa fungiert als Heilerin (Fantasywaffe: Zauberstab) und Bronx-Boy Steve wirkt Statusmagie (Fantasywaffe: Bogen oder Doppeldolche). Mark ist schließlich der Hauptheld mit den wenigsten Auffälligkeiten und garantiert einem Schwert (Bastardschwert, auf jeden Fall alt und magisch!)

Zipperlein

Klingt langweilig und wie immer, oder? Ist es aber nicht! Jeder der vier hat so seine Befindlichkeiten, die sich direkt auf Story und Gameplay auswirken. Mark wird manchmal im Cockpit schlecht. Flieg dann langsam und vorsichtig damit er nicht kübeln muss (kostet Lebensenergie). Melissa hat ihre Frauenleiden und ist gelegentlich unpässlich. Du musst dann kurze Zeit ohne sie auskommen. Steve leidet an Narkolepsie und hält gerne ein kleines Schläfchen am Steuerknüppel. Beschütze ihn während seines Powernappings vor anfliegenden Raketen! John hasst die Krauts so sehr dass er manchmal in eine Berserkerwut verfällt. Dann kennt er weder Freund noch Feind und ballert aus allen Rohren. Geh ihm aus dem Weg bis er sich beruhigt hat.

Die Krankheiten sind eine der mutigsten Designentscheidungen der letzten Jahre! Ich bewundere HandyGames wirklich dafür dass sie dieses System so konsequent durchgezogen haben. Naturgemäß kommt nicht jeder damit klar. Die Maniac störte sich sehr daran und vergab magere 48 Punkte. Auch du wirst entscheiden müssen ob du mit kränklichen Helden und den damit verbundenen spielerischen Einschränkungen leben kannst. Ich jedenfalls liebe dieses System! Bei mir hat es dafür gesorgt dass ich mich überhaupt erst mit den Charakteren beschäftigen wollte.

Aces Luftwaffe Squadron ScreenshotAces Luftwaffe Squadron Screenshot
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Hummeln im Hintern!

Einen großen Sympathiebonus bringt auch die starke Sprachausgabe. Da gibt es Overacting bis der Arzt kommt (1. Boss) und wirklich jeder hat einen hammerharten deutschen Akzent – ja, auch und besonders die Amis! Die Sprachaufnahmen müssen ein Riesenspaß gewesen sein.

Überhaupt, das Spiel sprüht einfach vor Liebe! Es ist immer was los und der Bildschirm wird voll ausgenutzt. HandyGames wollen mit ihrem Produkt einfach nur unterhalten und eine geile Show abliefern. Das spürst du in jedem einzelnen Pixel. Ich weiß inzwischen auch dass das Handy im Namen für „handliche“ Spiele steht, nicht für Smartphones. Die mangelnde Erfahrung im Shmup-Genre kompensieren sie mit einer herrlich thrashigen Story, vielen Miniaufgaben während der Level (Vorräte abwerfen, Schiffbrüchige retten, meist über Zeitbalken), dem motivierenden Auflevelsystem und richtig starken Bosskämpfen. So taucht der dämonische Lokführer aus Stage 2 den ganzen Bildschirm in ein Flammenmeer. Arbeite dich Waggon für Waggon zum Führerhaus vor um ihn zu erwischen! Die Sprüche von dem Kerl hätte Quentin Tarantino persönlich nicht besser schreiben können („Endstatiooooon!“). Mehr Nazi-Bosse will ich nicht spoilern, aber es wird noch richtig abgedreht!

Aces Luftwaffe Squadron Screenshot
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Manöverkritik

Ein bisschen meckern muss ich aber trotzdem. Es gibt keine Rangliste, ja nicht einmal ein lokales Scoreboard. Naja, viel zu holen gibt es eh nicht. Das Punktesystem ist nur rudimentär. Die Ladebalken für Schiffbrüchige sind manchmal schwer von den roten Bullets zu unterscheiden – die Farben sehen sich einfach zu ähnlich. Deine CPU-Kumpels nutzen ihre Skills dann wenn sie meinen dass es angebracht ist. Nicht immer ist der Zeitpunkt ideal. Dank Kugelspam und großer Hitbox kommt es manchmal zu unfairen Toden. Das ist verschmerzbar, da dir für jedes der (kurzen) Level fünf Leben und ein fetter Energiebalken zur Verfügung stehen. Hardcore-Shmupper vermissen allerdings einen Arcademodus mit allen Stages am Stück.  Mit vielen Skills werden die frühen Stages auch arg einfach – du hast aber die Möglichkeit zum Rückbau. Der Spaß währt also nicht ewig. Dennoch wirst du das Game mit Sicherheit auch nach dem Durchspielen immer wieder mal vorkramen und eine kleine Runde in diesem herrlich thrashigen Luftkrieg drehen – spätestens wenn Freunde da sind.

Aces Luftwaffe Squadron Screenshot
© HandyGames

„Noch fünf Minuten Papa!“

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Nein, das darf selbstverständlich keinen Spaß machen – macht es aber trotzdem! Ganz schön frech, oder? Du kannst nun viel tiefenpsychologisch und Grundsatz-soziologisch rumschwurbeln und Gründe für und wider den Spaß finden – oder du lehnst dich einfach zurück und hast deine diebische Freude an dem bunten Treiben. Ich empfehle letzteres. Vielleicht macht es dir die Sache leichter wenn du dir selbst eine eigene Genre-Definition erfindest. Sieh es als Shootingbasiertes Action-RPG oder so. Für mich ist das ein Shmup und das ist gut so. Sieben von zehn – ach du weißt wie’s läuft.

Aces of the Luftwaffe – Squadron

Wertung: 7/10
Publisher:
HandyGames
Entwickler: HandyGames
Plattform: Switch
Preis (Download):
 14,99 € (9,99 bis 8. Februar)

Ein kostenloser Download-Key wurde von HandyGames zur Verfügung gestellt. Alle Screenshots stammen vom Publisher.

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Ich bin Martin und habe schon alles gezockt was Knöpfe hat. Ich unterstütze Thomas mit Reviews und Berichten aus den tiefsten Nischen, die unser Daddelhobby zu bieten hat.
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