Review: Ace Combat 7 Skies Unknown – Wieder Fliegen!

Die Rückkehr des arcadigen 3D-Luftkampfes ist (fast) perfekt gelungen

© Martin Nagel

Ich liebe die Ace Combat-Serie. Bevor ich mich in das 2D-Ballern verliebte, waren 3D-Luftkampfspiele bei mir die Nr. 1 unter den Actiongames. Blauer Himmel, freier Flug, das Gefühl eine wohlplatzierte Lenkrakete einschlagen zu sehen – ich liebe es noch heute.

Zu Nintendo 64-Zeiten habe ich sogar 160 Mark für das grottige Aerofighters Assault ausgegeben, das aber immerhin ein Teil der traditionseichen Sonic Wings-Serie ist. Über das schon deutlich bessere Deadly Skies auf Segas Dreamcast fand ich schließlich zur Ace Combat-Serie. Zugänglichkeit, Abwechslungsreichtum, die tighten Kontrollen und die mystischen Stories haben mich sofort fasziniert.

Fires of Liberation hat dieses Prinzip dann vollkommen übertrieben, mit seinen oft über eine Stunde dauernden Taktikschlachten. Mit Assault Horizon wurde ein krativer Neustart gewagt, der sich leider im späteren Spielverlauf vollkommen in den nervigen Ziel-Minispielen verlor und mit seinem plumpen 0815-Echtwelt-Militarismus einfach nur langweilte. Dann wurde es lange still am Himmel. Umso erfreuter war ich über die Rückkehr.

Treffer! – © Martin Nagel

Make Metal bleed

Skies Unknown geht radikal zurück zu den Wurzeln. Keine Minispiele mehr, einfach nur schnörkelloser, direkter Luftkampf! Dieser fühlt sich an wie früher und wurde nur minimal aufgefrischt. So schnell und dynamisch habe ich noch nie eine Lenkrakete von einem Flügel schnellen sehen! Und trotz Unreal Engine sieht es phantastisch aus! Getroffene Feinde rauchen und knistern und zerbersten in tausend im Sonnenlicht funkelnde Einzelteile. Bodentexturen waren noch nie so scharf, und die Mittagssonne nie so gleißend.

Wie ein Kampfjet bis zu 80 Lenkraketen unter seinen Flügeln parken kann ist mir jedoch ein Rätsel. Muss auch nicht erklärt werden. Wir sind in der Strangereal-Welt, und hier ist vieles anders. Die Kontinente sind anders geformt, und es gibt riesige Strahlenkanonen und einen Fahrstuhl in den Weltraum. Allerdings werden Kampfflugzeuge aus unserer Welt verwendet, wo auch immer die herkommen.

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In der Strafkolonie

Ace Combat-typisch ist die Story NICHT schnell erklärt. Als Spieler übernimmst du die Rolle von Kampfpilot Trigger. Er ist ein stummer Protagonist, und wir wissen nur über ihn dass er männlich ist (Jungs lieben halt Flugzeuge). Hierdurch soll wohl eine stärkere Identifikation des Spielers mit ihm erreicht werden – doch die Stinger-Rakete geht nach hinten los. Trigger wirkt aufgesetzt und fahrig in die Story integriert. Er wird beschuldigt, während eines Rettungseinsatzes den Hubschrauber des Oseanischen Präsidenten (ja, die Länder haben hier komische Namen) abgeschossen zu haben.

„Tracer, bist du es?“ – © Martin Nagel

Als Blickfang in den ausladenden Rendersequenzen dient die hübsche Avril. Sie wirkt wie eine Kreuzung aus Overwatch-Tracer und dem Fortnite-Titelgirl. Sie lebt auf einem Schrottplatz und hat ein altes Kampfflugzeug renoviert, um ihren verstorbenen Großvater zu ehren. Opa war nämlich traurig über das Aussterben des klassischen Luftkampfes, der immer mehr vom seelenlosen Drohnenkrieg verdrängt wird. Für Opa fliegt sie mit ihrer Maschine ins Blaue, gerät – natürlich – in einen Luftkampf und wird vom Oseanischen Militär festgesetzt.

Zusammen landen die beiden in einer Gefängnis-Airbase, wo sie zur Strafe für ihre Verbrechen als Kugelfang für die regulären Truppen zu dienen haben. Das führt zu einigen echt spannenden Missionen – mal mit kaum Munition, mal ganz ohne Munition. Der raue, dreckige Knast-Alltag mit seiner derben Sprache und grimmigem Humor (andauernd landet irgendwer wegen Kleinigkeiten in Einzelhaft) ist zudem ein erfrischender Kontrast zu den sonst so hochglänzenden und weichgespülten Serien-Stories rund um lange verdrängte Kriegstraumata. Wenn du mehr über die Welt der Asse und die Verflechtungen mit anderen Serienteilen wissen willst – oh ja, die gibt es – empfehle ich dir dieses hochwertige englische Wiki.

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Arsenal Gear

Der mechanische, entmenschlichte Drohnenkrieg spielt auch in der Strangereal-Welt eine große Rolle. Herausstechendes Symbol dafür ist der Übergegner Arsenal Bird. Angekündigt durch ein phantastisches Sounddesign, entlässt der Riesenbumerang unzählige kleine Drohnen von seinen Flügeln, welche sich auf dich stürzen wie Hitchcocks Vögel. Die Drohnen sind eigentlich Kanonenfutter, wenn sie dich nicht gerade durch Masse erdrücken. Dem Spieltempo und dem Action-Gefühl am Himmel tut das Popcorn aber richtig gut.

Aerodynamisch würde das Ganze unmöglich funktionieren, und wo landen die Drohnen nach ihrem Einsatz? Das Schreckgespenst am Himmel funktioniert nur wenn du keine Fragen stellst. Auch habe ich das Gefühl den Riesenflügel schon mehrfach gesehen zu haben, selbst innerhalb der Ace Combat-Serie. Dennoch sind die Kämpfe mit Arsenal Bird spielerische und inszenatorische Höhepunkte.

Meine Rakete zerschellt am Schutzschild des Arsenal Bird: Echtes Independence Day-Feeling! – © Martin Nagel

Ganz stark auch die Musikuntermalung! Mal treibt der Soundtrack militärisch wie bei Hans Zimmer, mal plätschert er wie eine Splash Wave von Sega. Manchmal hörst du auch nur eine Frauenstimme „Hu-uh“ machen. In jedem Fall funktioniert er, und ich wünsche mir ganz dringend eine Soundtrack-CD.

Schade finde ich auch dass es keine deutsche Tonspur gibt. Englisch und japanisch sind die einzigen Optionen. Immerhin kannst du die Untertitel ebenfalls auf englisch stellen ohne ins Systemmenü der Konsole zu müssen. Das reduziert das Sprachenchaos etwas. Deutsche Sprecher mit ähnlich tiefen und männlichen Stimmen hätten sich eh kaum gefunden.

Blitze und enge Schluchten sind keine gute Kombination – © Martin Nagel

Distant Thunder

Mein Highlight im Spiel ist das Missionsdesign. Jede der gut zwanzig Aufträge versucht, dir etwas Besonderes zu bieten. In einer Mission herrscht Gewitter. Blitze treffen das Cockpit und lassen immer wieder mal das HUD und sogar die Steuerung ausfallen. Dumm nur dass du dich dabei in einem Käfig aus Steinsäulen befindest. In einer anderen Mission durchfliegst du Bergtäler unter einer dichten Wolkendecke. Über den Wolken lauern Radarstationen, die dir sofort einen tödlichen Marschflugkörper auf den Pelz brennen wenn du dich sehen lässt. Genau diese Radarstatonen musst du nun aber erledigen. Begib dich also kontrolliert und so kurz wie möglich über die Wolkendecke, für einen chirurgischen Schlag.

Erinnerst du dich noch an die frühe 3D-Zeit um 2000? Dort musste ständig irgendwas verteidigt werden, was ich schon damals als enorm nervig empfand. Diese Missionen gibt es auch wieder. Allerdings hatte ich in Ace Combat 7 plötzlich großen Spaß daran, diese zu knacken. Es reicht nicht die Feindformationen so schnell wie möglich wegzuholzen. Stattdessen musst du Angriffswellen analysieren und chirurgisch die größten Bedrohungen herausarbeiten. Das kostet Zeit und Nerven (einige Missionen musste ich 15-20 mal angehen) aber das Belohnungsgefühl ist umso größer wenn du es dann doch geschafft hast.

Cool wie John Ambo durch den Feuerball fliegen wäre im echten Leben tödlich – © Martin Nagel

VR-Missions

Dann gibt es noch zwei tolle Extras. Das erste ist ein vollwertiger Online-Modus. In zwei Modi kann gespielt werden. Team-Deatchmatch 4 gegen 4, und Battle Royale. Keine Angst, das heißt nur so. Von Fortnite-Regeln ist gottseidank keine Spur. Du hast unendliche Leben, spielst um Punkte und es sind maximal acht Piloten am Himmel. Der Modus wirkt sehr durchdacht du drängt sich nicht zu sehr in den Vordergrund. Die paar Trophies sind schnell gemacht.

In VR geht’s ins Cockpit – © Martin Nagel

Exklusiv auf PS4 gibt es den VR-Modus. Dieser funktioniert hervorragend und ist eine meiner besten VR-Erfahrungen bis heute. Er läuft superflüssig und schaut trotz VR enorm detailliert aus – doch leider bietet er nur ganze drei (!) Missionen. Diese bieten mit Luftkämpfen, Bodenzielen und einer Eskortierung einen guten Querschnitt durch das Hauptgame. Die Startsequenz unter Beschuss hat zudem echte Michael Bay-Qualitäten! Du rollst auf die Startbahn und kannst dich frei umsehen, während links und rechts von dir Bomben einschlagen und abgeschossene Flügelmänner ungespitzt in den Boden brummen – ganz stark! Aber komm schon, nur drei? Zu allem Überfluss sind die Level auch noch mit 01, 02 und 03 nummeriert. Mein erster Gedanke war „Geil, mindestens zehn!“ – Blowcake! Dabei glaube ich, dass mit etwas mehr Planung und Energie das ganze Spiel in VR machbar gewesen wäre.

Siehst du hier noch was? Also ich nicht – © Martin Nagel

Electrosphere

Das alles klingt nach einem rundrum großartigen Spiel, und eigentlich ist es das auch. Ich bin auch echt froh, dass in unserer von Egoshootern und Fortnite dominierten, breiig-langweiligen Action-Zeit ein Publisher mal richtig viel Geld in die Hand nimmt und ein so oldschooliges, un-mainstreamiges und dabei so durchdachtes und abwechslungsreiches Game zaubert.

Jedoch gibt es einen massiven Designfehler: Das HUD und speziell die Zielaufschaltung fallen sehr oft den Wettereffekten und der Schönheit der Unreal Engine zum Opfer. Im Gegenlicht der Sonne, an Grenzen von Wolkenschichten, im Schneesturm – hier ist das winzige grüne Zielkreuz komplett unsichtbar. Der Luftkampf wird dann zum reinen Glücksspiel. Speziell Verteidigungsmissionen scheitern gerne hieran. Ich weiß nicht ob dieser Effekt gewollt ist, aber für mich fühlt er sich viel zu sehr nach Designfehler an. Die früheren Teile haben das doch auch geschafft, trotz ähnlicher Farbgebung. Ja selbst Aerofighters Assault hat es hinbekommen! Mein innerer Kritiker mag das Spiel deswegen maximal mit einer Sieben davonkommen lassen, mein Herz schreit aber Neun. Ich ziehe also das Mittel aus beiden Noten, wohlwissend dass keine von ihnen dem Spiel wirklich gerecht werden kann.

Ace Combat 7 – Skies Unknown

Wertung: 8/10
Publisher: Bandai-Namco
Entwickler: Bandai-Namco (Project Aces)
Plattform: PS4 (getestet), Xbox One, PC (ab 1. Februar)
Preis: 59,99 € (Retail), 94,99 € (Ultimate Edition, Download only), 169,99 € (Strangereal Edition)

Das Review-Exemplar wurde selbst gekauft. Alle Screenshots wurden selbst angefertigt.

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