Kommentar: Das Ende von Etwas

Alle warten auf die neuen Kisten, nur einer blickt zurück

© Martin Nagel

Erste Series-Xboxen sind bereits ausgeliefert, und noch Stunden bis zur Playstation 5. Wurden sich vor sieben Jahren noch im Pro-Markt die Köpfe eingerannt, passiert dies nun online. Fehlerberichte kommen rein und es wird über in letzter Sekunde ausgelassene Features gejammert. Was für eine herrliche Zeit!

Da ist es eine gute Gelegenheit, auch einmal zurückzublicken auf die Leistungen und Errungenschaften der vergehenden Konsolengeneration. Ich beziehe mich dabei ausschließlich auf die Playstation 4. Die Xbox One ist für mich fast vollumfänglich gescheitert. Zuletzt habe ich sie nur noch für Skype benutzt, und seitdem sich das Headset einen schweren Kabelbruch zugezogen hat ist sie nur noch ein großer schwarzer Stein.

Frischer Wind? – © Martin Nagel

Zwei Dinge sind es, die ich – abgesehen von mehr Grafik und Komfort – besonders genossen habe, auch da sie in der Generation 360/PS3 noch fürchterlich schief liefen. Einerseits die Downloadverwaltung für Updates. Auf der PS3 musste jedes verfickte Update einzeln nacheinander geladen werden. Wenn ein GTA oder Gran Turismo 137 Updates hatte, dann musstest du auch 137 mal diesen Balken über dich ergehen lassen. Stockte zwischendurch deine Internetleitung, ging das jeweilige Update von vorne los. Und selbstverständlich durftest du in dieser Zeit nicht spielen.

Der zweite Punkt mag etwas kontrovers sein: Physische Versionen. Nicht jeder mag Limited Run Games und ihre Verkaufstaktik mit Stoppuhr und Pistole auf der Brust, aber dennoch wurde so das Verständnis für meine Sammelgelüste geschärft und in die breite Öffentlichkeit getragen. Ich kann heute in den Laden gehen und mir ein Rundentaktik-Meisterwerk wie Wargroove einfach so auf Disc aus dem Regal ziehen, inklusive schickem kleinen Anleitungsbuch und Faltkarte. Vergangene Download-Meisterwerke wie After Burner Climax oder Hard Corps Uprising sind bereits verloren oder werden es bald sein. Die Kracher aus dem Wii-Shop sind bereits nur noch auf piratischem Wege zu haben.

… oder Abenddämmerung? – © Martin Nagel

Ghost of Tsushima ist für mich das perfekte Spiel, um Abschied von dieser Konsolengeneration zu nehmen. Das Samurai-Epos transportiert mit Sehnsucht, bittersüßer Trauer und einem Hauch Vergänglichkeit alle Zutaten für einen wirklich großen Abschied. Und es zeigt, in welche Falle sich das Open World-Genre inzwischen manövriert hat. Epen wie dieses, Horizon: Zero Dawn oder Days Gone funktionieren nur mit einem mindestens fünfjährigen, intensiven Feinschliff. Das ist teuer, personal- und ressourcenintensiv und teuer.

Zeit zum Innehalten – © Martin Nagel

Aber es gibt doch auch Assassins Creed oder Far Cry, und die funktionieren ganz super“ magst du mir jetzt entsetzt zurufen. Nun, in meinen Augen tun sie das schon lange nicht mehr. Wenn ich einmal das Design der Weltkarten von Ghost of Tsushima mit dem von Assassins Creed Odyssey vergleiche, dann sehe ich einen Unterschied wie Tag und Nacht. In Ghost of Tsushima sehe ich über sanft geschwungene Hügel weit ins Land, kann oft schon den nächsten Point of Interest oder ein kommendes Missionsziel sehen oder Gegnergrüppchen orten. Hier hat sich jemand Gedanken gemacht, wie die Landschaft einerseits schön und natürlich, andererseits spielerfreundlich gestaltet werden kann – und das für jeden fucking Landstrich auf dem gigantischen Areal – was für ein Aufwand!

Schaue ich mir die letzten Assassins Creed-Teile hingegen an, so ist die Landschaft bestenfalls brauchbar. Häuser und Berge wirken irgendwie hingeklatscht, und garstige Bäume hängen immer irgendwie auf Kamerahöhe. Ist orientiere mich fast ausschließlich mit Kompass und Karte, und Feinde orte ich über ihre roten Warning-Pfeile. Es wirkt wie ein Spiel, welches Programmierer und Spieler so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen. Hinuntergewürgt wie einen Mäckes-Burger und runtergespült mit Gamerscore, und gleich wieder hungrig auf das nächste große Ding.

— und Bäckchen zeigen – © Martin Nagel

Und wenn ein Flaggschiff wie die Gamestar, die normalerweise alles feiert was sich halbwegs spielen lässt wenn nur die Grafik stimmt, hier schon die Notbremse zieht und eine 60er-Wertung rausballert, dann stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Ich interpretiere die Wertung für Assassins Creed Valhalla auch so, dass ein über Jahre schleichender Qualitätsverlust inzwischen so augenscheinlich ist, dass er jetzt einfach nicht mehr schöngeredet werden kann. Sprich: Origins und Odyssey waren schon furchtbar, die Leute haben es aber noch nicht ausreichend gemerkt.

Ich denke daher, dass es Zeit ist für etwas Neues. Das Open World-Genre darf in der nun kommenden Generation gerne als Leitmedium abgelöst werden. Vielleicht mag das Soulsborne-Genre ja in diese Rolle hineinwachsen – schließlich findet hier ein runderes, ganzheitlicheres Feintuning auf wesentlich engerem Raum statt, was dann auch nicht mehr ganz so viel kostet. Oder ist es gar Zeit für etwas komplett neues? Ich lasse mich gern überraschen. Bring it on, neue Generation, lehre mich staunen!

Martin
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