Hidden-Gem-Review: The Adventure of Little Ralph für PS1

Charmanter 2D-Platformer

© New Corporation, Martin Nagel

Warum spielen wir Videospiele? Weil wir die Herausforderung suchen, uns vor uns selbst und anderen beweisen wollen. Weil uns die Neugier packt, wir wissen wollen welche Schätze und Abenteuer uns in all den Welten erwarten.

Manche Videospiele sind aber auch einfach nur schön. The Adventure of Little Ralph ist so ein Fall. Das Spiel sprüht nur so vor niedlichem Pixelcharme. Wenn der kleine Ralph mit seiner etwas zu staksigen, etwas zu energiegeladenen Laufanimation in die Welt hinaus stapft, dann geht jedem 16-Bit-Fan das Herz auf.

In einem rein japanischen Intro (Ich kann die Sprache leider immer noch nicht) sehen wir, wie eine Bande von Düstermännern in ein mittelalterlich anmutendes Dorf einfällt (Sind sie dann einfältig? Höhö! Sorry, musste sein). Der tapfere Schwertkämpfer Ralph stellt sich ihnen mutig in den Weg, wird aber vom Boss der glupschäugigen Dämonen mit einem magischen Fluch belegt und in einen kleinen Jungen verwandelt. Die Freundin/Schwester/Was-auch-immer des Helden nehmen die Bösewichter auch gleich mit. Ralphs magisches Schwert hält noch einen kurzen Monolog und schon stakst er los der kleine Abenteurer. Auf der Suche nach Frau und Männlichkeit sowie denen, die ihm beides geraubt haben (Hier erspare ich dir den Kalauer).

Von nun an erleben wir einen ultraklassischen 2D-Action-Platformer, wie sie es auf NES und Master System dutzendweise gab. Sogar das Steuerungsschema würde auf die beiden Konsolen-Oldies passen, denn es sind nur zwei Tasten belegt. X zum Springen, Quadrat für das Schwert – mehr braucht es nicht, um spannende Abenteuer zu erleben.

Und Ralph ist wehrhaft, trotz der Armut an Tasten. Sein Schwertschlag hat eine ordentliche Reichweite und kann aus dem Sprung heraus zu einer mächtigen Stampfattacke modifiziert werden. Durch Gedrückthalten kann er den Schlag auch aufladen. Kleinere Feinde schießt er dann wie einen Golfball durch den Raum. Treffen sie weitere Gegner im Flug, so startet sogar eine kleine Punktekombo.

© New Corporation

Punkte bringen auch die fliegenden Früchte, die manchmal erst auftauchen wenn Ralph sich in unmittelbare Nähe ihres Verstecks begibt. Oft sind sie in Ketten angeordnet und folgen Ralphs Sprungkurve. Zusammen mit den vielen versteckten Routen und Extras sowie den in der Endabrechnung nach jeder Stage vergebenen Punkten für ungenutzte Extraleben und Levelzeit, kann ein erfahrener Spieler Ralphs Abenteuer durchaus auf Score zocken.

Eine Handvoll Sammelgegenstände helfen Ralph zusätzlich. Hebt er das flammende Schwert auf, so verschießt die Klinge fortan Feuerbälle. Rettet er das kleine, an das Pokémon Togepi erinnernde Monstertier, so begleitet ihn der Kleine und feuert leicht bogenförmig fliegende Minigranaten. Sammelt Ralph das Schild-Icon ein, so umschwirrt ihn eine kleine blaue Fee. Sie zeigt an, dass unser Steppke ab jetzt nicht schon nach einem Feindtreffer das Zeitliche segnet, sondern nach zweien.

Die Reise führt den Kleinen über die Dächer der Stadt, durch die Kanalisation, in die Wüste und durch eine ägyptisch anmutende Pyramide. Leider wirkt die Kanalisation etwas zu oft bemüht und sie sieht etwas langweilig aus. Die Außenareale sind dafür um so schöner und mit malerischen Hintergründen ausgestattet.

Grafisch schaut Ralphs Abenteuer wie ein sehr spätes SNES- oder Mega-CD-Game aus. Es gibt blitzsaubere, aufgeräumte und jederzeit stabile 2D-Optik mit wuchtigen Effekten, großen wie schön animierten Sprites und wunderschönen Hintergründen zu sehen. Ein gut aufgelegter, aber nicht gerade erinnerungswürdiger OST und knackige Soundeffekte untermalen das Erlebnis. Die Entwicklung des Spiels begann auf Sharps X68000-Heimcomputer und so versprüht die Grafik noch etwas X68000-Charme.

© New Corporation

Leider plätschert der Spielablauf etwas vor sich hin, mit gelegentlichen kleinen Höhenflügen im Schwierigkeitsgrad. Richtig schwer wird Ralph aber nie. Dazu tragen auch die großzügigen Checkpoints und unendlichen Continues bei. Das System funktioniert, aber ich wünschte, es hätte eine andere Lösung gegeben.

Ein riesiges Highlight ist aber Stage 4-2. Hier wird dir eine toll inszenierte Lorenfahrt à la Donkey Kong Country serviert. Jedoch steuerst du die Lore nicht selber, sie dient dir stattdessen als Sprungplattform. Feindliche Schützen belegen dich mit Feuerbomben, die dir so manches mal die Lore genau unter dem Hintern wegschießen. Hier ergeben plötzlich auch das Checkpointsystem und die unendlichen Credits Sinn, denn ohne sie wäre diese Szene verdammt frustig. Mit ihnen und der pixelgenauen Steuerung habe ich aber jede Sekunde genossen.

Gleich darauf darf sich Ralph kurz in seine erwachsene Form verwandeln und in einem Street-Fighter-artigen Bosskampf antreten. Er leidet zwar immer noch an seiner Tastenarmut, in Verbindung mit dem Steuerkreuz darf er aber einige aus Fighting Games bekannte Special Moves wie Feuerball und Dragon Punch zum Besten geben. Sehr cool: Schnapp dir einen Freund/Feind und tritt mit ihm über das Hauptmenü zum Battle Mode an. Ralph und alle bisher besiegten Feinde dürfen mitkämpfen.

Hast du dich durch den wunderschönen Eispalast gekämpft (Achtung vor wegbrechenden Plattformen!) und einen weiteren VS-Kampf gewonnen, so endet das Spiel hier – jedenfalls, wenn du den einfachen Schwierigkeitsgrad eingestellt hast. Nur auf den höheren Stufen erlebst du das wahre Finale auf einer zur Superfestung ausgebauten und mit WW2-Geschützen bestückten schwebenden Insel. Auch hier wirkt das Leveldesign leider wieder etwas gestreckt, mit wenigen markanten Punkten um die schweren Stellen auswendig zu lernen. Praktischerweise wird nach jeder Stage automatisch gespeichert, sodass du Ralphs Abenteuer bequem in kleinen Häppchen genießen kannst. Im einfachen Schwierigkeitsgrad wird Ralph in jedem neuen Leben von Anfang an von der Schildfee begleitet. auf Normal musst du sie dir erst erkämpfen. Da meist unmittelbar vor Bosskämpfen gespeichert wird, musst du auf Normal ohne Schildfee und meist auch ohne Schwert-Powerups auskommen. Manche Bossduelle können so etwas frustig werden – für die große goldene Sphinx-Maske in der Pyramide habe ich schon ein paar Versuche gebraucht – es erreicht aber nie Mega-Man-Dimensionen. Da immer die gleichen Muster abgespielt werden, wirst du dich mit etwas Geduld und Castlevania-Erfahrung bestimmt durchkämpfen.

Insgesamt reicht es für den kleinen Ralph leider nicht ganz zum Klassikerstatus. Dafür fehlt die Ideenvielfalt und arcadige Kompaktheit eines Contra, Metal Slugs oder der besseren Castlevanias. Jedoch ist er spielerisch um keinen Tag gealtert und grafisch wunderschön. Ich kann den kleinen Fratz daher jedem empfehlen, der seine Freude an klassischer Plattform-Action in 2D hat. Sieben von Zehn wehenden Rockzipfeln.

Die geringe Auflage des nur in Japan erschienenen Spiels (NTSC-J-fähige PlayStation ist notwendig!) zusammen mit dem Retro-Boom der letzten Jahre haben Ralph zu einem gesuchten und somit teuren Sammlerstück werden lassen. Je nach Zustand wirst du für die Original-CD schon ein paar Euro investieren müssen. Wenn du kein Sammler bist und einfach nur zocken willst, dann findest du das Spiel zum Preis von 600 Yen im japanischen PSN-Store für PS3, PSP und PS Vita. Wie du schnell und einfach einen japanischen PSN-Account anlegen kannst, zeigt dir Thomas hier.

The Adventure of Little Ralph (ちっぽけラルフの大冒険, Chippoke Ralph no Daibouken)

Wertung: 7/10
Publisher: Ertain Corporation
Entwickler: New Corporation
Plattform: PS1 (NTSC-J)
Erscheinungsjahr: 1999
Preis: Circa 150 bis 250 Euro (Disc), 600 Yen (Download)

Das Video im Review stammt vom YouTube-Kanal World of Longplays.

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Ich bin Martin und habe schon alles gezockt was Knöpfe hat. Ich unterstütze Thomas mit Reviews und Berichten aus den tiefsten Nischen, die unser Daddelhobby zu bieten hat.
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