Hidden-Gem-Review: Shinrei Jusatsushi Taromaru für Sega Saturn

© Time Warner Interactive Japan / YouTuber iPlaySEGA!!

Das 2D-Actionspiel Taromaru galt lange Zeit als heiliger Gral der Saturn-Sammlerschaft. Inzwischen wurde es abgelöst durch Delisoba Deluxe, einem Spiel, das in Kleinstauflage für eine japanische TV-Spielshow produziert wurde und das auch noch von Edel-Entwickler CAVE – da kannste kaum gegen anstinken, oder? Dennoch steigt der Preis für Taromaru wie eine Rakete unaufhaltsam in den Himmel. Was zur Hölle ist da los, was ist dran am Hype?

Um dieses Mysterium zu ergründen, müssen wir uns kurz mit der Entstehungsgeschichte des Spiels befassen. Ich versuche, es nicht allzu trocken zu halten – versprochen! Hiroshi Iuchi, Konami-Grafiker und Gründungsmitglied von Treasure, verließ die Firma 1995 nach der Fertigstellung von Alien Soldier für sein eigenes Projekt. Mit kleinem Team schuf er Taromaru für die japanische Dependance von Time Warner Interactive. Allerdings wurde die Niederlassung geschlossen und zwar ausgerechnet dann, als sich das Spiel in der Auslieferung befand. Der Legende nach schafften es gerade einmal 7.500 Exemplare in den Handel. Iuchi-San war verständlicherweise wenig glücklich darüber und kehrte 1997 zu Treasure zurück. Ein Glücksfall für uns Gamer, denn hier schuf er Meisterwerke wie Radiant Silvergun und Ikaruga.

Das Spiel ist also selten. Doch lohnt sich die Anschaffung auch spielerisch? Schauen wir es uns mal an. Wir befinden uns im mystischen Japan der Muromachi-Ära. Prinzessin Sonnenscheinchen wurde entführt und ein tapferer Held macht sich auf, um sie aus den gierigen Fängen der Dämonenarmee zu befreien. Viel mehr Story gibt das kurze Intro nicht her, Japanischkenntnisse sind also nicht erforderlich. Wir haben die Wahl zwischen Titelheld Taromaru und Kampfmönch Enkai. Titelheld deswegen, weil die englische Übersetzung des Spielenamens in der Regel als Psychic Assassin Taromaru oder Psychic Killer Tamomaru angegeben wird. Eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens nach noch nicht – wollen wir zusammen eine festlegen? Schreibt in die Kommentare, dann machen wir es offiziell. Spielt ihr zu zweit, so müsst ihr euch entscheiden: Ein Spieler bekommt Taromaru, der andere Enkai. Nicht weiter tragisch, da sich die beiden nur optisch und akustisch unterscheiden.

Den Titelhelden stellen sich allerhand menschliche und nichtmenschliche Bösewichte in den Weg. Je nach Spielweise seid ihr etwa zur Hälfte der etwa ein- bis zweistündigen Durchspielzeit mit Bosskämpfen beschäftigt. Das kennen Fans von Alien Soldier oder Sin And Punishment und ähnlich farbig und kreativ sind die Bossfights: Fuchsgeister, Tengu, beseelte Gegenstände, gewaltige Skelette, riesige Drachen und groteske Dämonen! Fast alles, was in der altjapanischen Mythologie Rang und Namen hat, gibt sich hier die Ehre. Eine gewaltige Samurai-Rüstung spielt mit euch das Hütchenspiel und eine Riesenschlange kriecht quer über den Bildschirm. Ihr kämpft auf einem Boot mit einem monströsen Fährmann, bis das Bild herauszoomt und ihr einen haushohen Skelettriesen gewahrt, der ein brennendes Dorf zertrampelt. Was hier aufgefahren wird ist bunt, verspielt, artsy, brutal, bombastisch – einfach magisch! Mein persönliches Highlight: Auf einem Floß kämpft ihr gegen einen gewaltigen Frosch. Das Monster hält sich links und rechts am Flussbett fest und saugt euch in sein gieriges Maul. Dargestellt wird dies mittels beeindruckendem Zoomeffekt. Schießt gezielt auf die Pfoten, um euer Floß zu retten. Schließlich verschlingt euch das Monster und der Kampf verlagert sich in den Magen des Frosches. Feuert auf die empfindlichen Darmzotten und weicht den meterlangen Bandwürmern aus. Ein wenig wie Yoshi’s Island für Erwachsene.

Eure Feinde bekämpft ihr dabei mittels eines Cursors, welcher kurz vor dem Helden in der Luft schwebt. Hämmert auf den Angriffsknopf, dann lässt Taromaru Feuerbälle aus seiner Handfläche regnen. Enkai entfesselt die Magie seines Wanderstabes. Der Cursor visiert automatisch den am nächsten stehenden Feind an, der sich vor euch befindet. Mit L und R könnt ihr den Cursor auf andere Feinde wandern lassen. Eure Spielfigur befindet sich ungefähr mittig im Bildschirm und die Reichweite der Attacke beträgt circa ein Viertel des Screens. So habt ihr den Bildschirm gut im Griff. Die großzügige Energieleiste hilft außerdem, das Abenteuer nicht allzu schwer werden zu lassen. Leckere Reisbällchen sind in gemütlichen Abständen platziert und sorgen für frische Lebensgeister.

Schauen wir uns Steuerung und Interface nochmal genauer an: A und B entfesseln verschiedene Angriffe, B sorgt für Schaden bei allen Gegnertypen. Trefft ihr einen menschlichen Gegner mehrmals mit A, so kämpft er bis zum Tode an eurer Seite. Mit X oder Z vernichtet ihr den armen Tropf in einer bildschirmfüllenden Explosion, die allen Gegnern schweren Schaden zufügt. Eine menschliche Smartbomb sozusagen. Die Lebensenergie eurer Hilfskraft könnt ihr in der Mitte des oberen Bildschirmrandes ablesen, in Form einer Zahl zwischen 1 und 100. So könnt ihr einschätzen, wann es sich am meisten lohnt, den Seppuku zu befehligen. Leider sind die Ninja und Kunoichi im Kampf nicht besonders hilfreich. Sie machen kaum Schaden und mit Sprungabschnitten sind sie hoffnungslos überfordert. Einzig die Smartbomb bringt einen merklichen Effekt. Beide Attacken lassen sich aufladen indem ihr den Knopf kurz gedrückt haltet. Dazu gibt es eine Anzeigeleiste direkt unter eurer Lebensenergie. Lasst ihr euch mit aufgeladener Angriffsleiste treffen, so müsst ihr erneut aufladen. Das Laden der Leiste dauert für meine Begriffe etwas zu lange. Gerade wenn ihr versucht, mit A einen flinken Ninja auf eure Seite zu bringen, werdet ihr oft getroffen – Risk and Reward! Ein Controller mit Dauerfeuer vereinfacht das Spiel deutlich. Zockt ihr ohne, so sind schmerzende Daumenschwielen vorprogrammiert.

Mit C springt euer Held. Duckt ihr euch mit Hilfe des Steuerkreuzes und drückt dann C, so rutscht er eine kurze Strecke über den Boden. Das geht auch in der Luft als praktischer Air Dash. Trotz dieser Beweglichkeit ist Taromaru ein eher gemächliches und taktisches Spiel. Dafür sorgt der X-Knopf, welcher euren Recken für den Bruchteil einer Sekunde mit einem Energieschild umgibt.

Dieser Energieschild ist es auch, der das Spiel bei allem Bombast und Abwechslungsreichtum daran hindert, die Klasse eines Alien Soldier zu erreichen. Der Schild ist einfach zu mächtig! So gut wie jede Situation lässt sich durch exzessiven Schildeinsatz lösen, besonders wenn ihr Dauerfeuer nutzt. Ein Beispiel: Später im Spiel seid ihr in eine magische Blase eingeschlossen und werdet von einem Boss unter Dauerfeuer genommen. Eine bizarre Pflanzenkreatur hält euch links und rechts an gigantischen Ranken fest. Durch Beschuss auf die linke und rechte Ranke könnt ihr euch seitlich bewegen, und so dem Bombardement ausweichen. Eine spannende Mechanik, wenn nicht das Abwettern der Attacken mittels Schild deutlich einfacher wäre! Solche Situationen gibt es leider viel zu oft im Spiel. Kaum ein Boss muss richtig beobachtet und auswendig gelernt werden, das Spiel erreicht dadurch selten echte Tiefe. Das ist schade, denn die Anlagen sind durchaus vorhanden.

Dennoch lege ich das Spiel immer wieder ein, um mich in das alte Japan entführen zu lassen. Grafisch wird solider Saturn-Durchschnitt geboten. Hintergründe und große Feinde sind in 3D, das Fußvolk wuselt in 2D umher. Es wird gedreht und gezoomt, dass es eine echte Freude ist! Selten geraten dabei stark pixelige Polygonkanten in den Bildvordergrund, was kaum stört. Das Artdesign ist dafür hervorragend. Selten habe ich eine so stimmungsvolle Nachbildung des alten Japans gesehen. Das Spiel beginnt in dunkler Nacht und bald setzt kaum merklich die Morgendämmerung ein. Ein besonderes Lob verdient die Musik: Taikotrommeln und Panflöten zaubern eine Atmosphäre, die ich sonst nur aus CAVEs Guwange kenne. Dabei wird eine mystische und leicht meditative Aura geschaffen, die mich immer wieder in ihren Bann zieht.

Hat sich das kostbare Abenteuer nun gelohnt? Für mich eindeutig ja, denn ich kenne kein vergleichbares Spiel. Die Mechanik ist einzigartig und die Atmosphäre fesselnd. Leider fehlt es letztlich an echter Spieltiefe, sodass ich keine generelle Empfehlung abgeben mag. Als salomonisches Urteil vergebe ich 7/10 blitzende Kunai-Klingen.

Shinrei Jusatsushi Taromaru

Wertung: 7/10
Publisher: Time Warner Interactive Japan
Entwickler: Time Warner Interactive Japan
Plattform: Sega Saturn
Preis (gebraucht): 400 bis 600 Euro – je nach Zustand und Glück

Die Review-Version wurde selbst gekauft.

 

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Ich bin Martin und habe schon alles gezockt was Knöpfe hat. Ich unterstütze Thomas mit Reviews und Berichten aus den tiefsten Nischen, die unser Daddelhobby zu bieten hat.
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