Hidden-Gem-Review: Hissatsu! für Sega Saturn

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Hissatsu!

Gesundheit!

Was?

Hissatsu!

Das Spiel heißt wirklich so und das Ausrufezeichen ist fester Bestandteil des Titels. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werde ich es im Lauftext aber weglassen. Das Kanji bedeutet „tödlich“ und geht wahrscheinlich zurück auf das „Ikken Hissatsu“, das Ideal des Karate, einen überlegenen Gegner mit einem einzigen, wohlgezielten Treffer töten zu können. Dieses hat auch einen festen Platz im Bushido, dem Ehrenkodex der Samurai. Das Spiel ist eine Versoftung der gleichnamigen japanischen TV-Serie (oder des darauf basierenden Kinofilms von 1984 – mein Japanisch ist recht schwach und englischsprachige Infos hierzu im Netz sehr rar). Beide handeln von einer Killerbande, die als Händler getarnt von Dorf zu Dorf reist und für Geld tötet. Der Name der Gruppe ist – wen überrascht das noch – Hissatsu und tödlich sind deren Mitglieder außerdem!

Aus dieser Prämisse hat der (mir vorher gänzlich unbekannte) Entwickler Emotion Digital Software einen Shinobi-artigen 2D-Plattformer geschaffen. Zunächst ein paar Worte zu Interface und Steuerung: Mit B greifst du den Feind an. Halte den Knopf gedrückt für einen undurchdringlichen Block, währenddessen sich dein Recke aber nicht mehr bewegen kann. Mit A wird die jeweilige Spezialattacke deines Helden ausgelöst. Diese kostet Energie, welche in der linken oberen Ecke des Bildschirms als Balken angezeigt wird. Die Energie lädt sich mit der Zeit von selbst wieder auf. Die Benutzung der Spezialpower ist also einzig durch deine Geduld begrenzt. Mit C wird gesprungen und das Digipad dient wie üblich der Fortbewegung. Oberhalb des Spezialbalkens wird die Lebensenergie deines Kriegers durch sechs Kerzenflammen dargestellt. Das waren die Standards, nun kommen wir zur interessantesten Anzeige. Wie ein Kartenstapel liegen zwei Charakterportraits übereinander. Du kannst nämlich von den vier unten vorgestellten Spielcharakteren immer zwei in den jeweiligen Level mitnehmen. Mit L und R wechseln sie sich jederzeit ab und jeder bringt seine eigene Energieleiste mit. Der inaktive Charakter läuft dem aktiven treu wie ein Hund hinterher und kann keinen Schaden nehmen. Klar dass nicht mehr gewechselt werden kann, wenn einer der beiden bereits verstorben ist. Das sind die vier Recken:

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Mondo Nakamura scheint mir der Chef der Truppe zu sein. Er schwingt ein Schwert mit kurzer Reichweite. Sein Zweitangriff ist etwas stärker und reicht etwas weiter und erwischt sogar Feinde hinter ihm. Als einziger beherrscht er auch eine einfache Combo – naja, der zweite Schlag verändert sich leicht.

Zweiter im Bunde ist Tetsu the Nenbutsu. Er schlägt mit stahlharter Faust zu und hat damit den Standardangriff mit der geringsten Reichweite. Als Special Move schleudert er einen Street-Fighter-artigen Feuerball quer über den Bildschirm. Das mächtige Geschoss kann mehrere Gegner hintereinander ausschalten, zehrt aber auch stark an der Energieleiste.

Yuji schwingt ein Manriki Gusari, eine lange Wurfkette mit einem Gewicht am Ende. Die „Kette der zehntausend Möglichkeiten“ ist eigentlich eine traditionelle Ninjawaffe und wird von den Samurai als unehrenhaft empfunden. Vielleicht sind wir hier ja auf eines der großen Geheimnisse im Serienplot gestoßen? („Was? Erwin, du bist eigentlich ein Ninja? Warum hast du denn nichts gesagt? Ich war sogar auf deiner Hochzeit…“). Er hat damit den Standardangriff mit der größten Reichweite. Sein Zweitangriff ist eine Variation mit etwas mehr Durchschlagskraft und Reichweite.

Schlussendlich steht noch Hide zur Auswahl. Er hat einen kleinen Dolch, mit dem er seinen Feinden frech in den Kopf piekst. Werfen kann er die Waffe auch, was kaum Spezialenergie kostet und für die meisten Feinde tödlich wirkt. Das macht ihn zum idealen Fernkämpfer.

Starten wir also das Spiel. Ein langes Intro und viel Text stimmen uns auf das alte Japan ein. Schön, aber ich kann immer noch kein Japanisch. Leider werden hier auch nur Standbilder geboten, nur am Ende der Sequenz gibt es eine kleine Animation. Dafür ist die Musik sehr stimmungsvoll und einfach japanisch. Charakterauswahl, dann wird die Mission vorgestellt. Jeder Level scheint eine Folge der Serie zu entsprechen und am Ende muss immer jemand sterben. Schönes Detail: je nachdem, mit welchem der vier Killer du den letzten Gegner eines Levels erledigst, wird eine andere Kill-Animation abgespielt. Jeder der vier hat, wie erwähnt, seine eigene Methode zur Beseitigung der Zielperson.

Die ersten zwei Level bieten nächtliche Bambuspagoden, kleine Bäche mit Brücken darüber und große mehrstöckige Häuser voller Samurai und Ninja. Sehr stimmungsvoll, da auch die Musik wieder mitspielt und für viel Atmosphäre sorgt. Eine spielerische Herausforderung wird dir hier jedoch nicht geboten.

Die dritte Stage ist eine riesige unterirdische Kaverne, in der einer vielarmigen Gottheit gehuldigt wird. Und hier zeigt das Spiel seine Zähne! Keine blitzend weißen, sorgsam polierten Leveldesign-Beißerchen wie Metal Slug oder Contra sie hat – nein, es sind faulige Stumpen der Inkompetenz und der Schludrigkeit. Immer wieder erwarten dich uneinsehbare Abgründe, deren Böden mit schmerzhaften Bambuspfählen gespickt sind. Hier ist Mut oder stumpfes Auswendiglernen gefragt. Auch warten Gegner immer wieder auf der anderen Seite von Abgründen und Stachelfallen. Fügt dir der Bambus Schaden zu oder der Feind? Auch unschön: fiese Fußangeln liegen oft unter schmalen Durchgängen, wo sie sich nicht überspringen lassen. Neben den bekannten menschlichen Feinden lauern hier noch giftige Schlangen und beißfreudige Fledermäuse auf deine Lebensenergie. Fledermäuse in Videospielen hängen meistens von der Decke, bis sich ein unvorsichtiger Spielcharakter in ihre Nähe begibt. Dann greifen sie gnadenlos an und sind eine echte Plage. Jedoch kann sich ein vorsichtiger Spieler an sie heranschleichen und mit einem gezielten Angriff von ihrem Schlafplatz pflücken. Nicht so bei Hissatsu! Hier sind die Flederbeißer erst verwundbar, wenn sie sich bereits ins Kampfgetümmel gestürzt haben. Für eine erfolgreiche Abwehr ist es dann jedoch meist zu spät und die Folge ist ein ärgerlicher weil gefühlt vermeidbarer Energieverlust. Oft stößt du in der Höhle auf brüchiges Gestein. Einzig Tetsu vermag dieses mit seinem teuren Feuerball zu zerstören. Nimm ihn also unbedingt mit auf die Höhlentour! Manchmal warten in den von ihm freigesprengten Nebenstollen leckere Reisbällchen, welche frische Lebensenergie spendieren. Manchmal entdeckt er aber auch Sackgassen, die komplett mit Stachelboden ausgelegt sind. Dein Nintendo-Instinkt wird dir sagen, dass hier einfach ein Schatz versteckt sein MUSS! – es ist schließlich immer so, das ist elementare Videospiel-Logik. Bei Hissatsu wartet jedoch allzu oft nichts weiter als ein ärgerlicher Tod. Weniger ärgerlich, sondern umso verwunderlicher ist ein Item, das bei Berührung sämtliche Gegner vom Bildschirm putzt. Manchmal befindet es sich am Boden einer Stachelfalle, manchmal in Räumen, die ohnehin keinen einzigen Feind enthalten.

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Du ahnst es es wahrscheinlich schon: Hissatsu ist ein interessantes, aber keinesfalls ein gutes Spiel. Etwas mehr Feintuning, durchdachteres Leveldesign und vielleicht noch ein paar figurenspezifische Aufgaben, schon wäre ein durchaus brauchbarer Shinobi-Klon draus geworden. So reicht es leider nur zu 4/10 straff gebundenen Chonmages (das sind die traditionellen Haarknoten der Samurai, du Gaijin!)

Hissatsu!

Wertung: 4/10
Publisher: Emotion Digital Software
Entwickler: Emotion Digital Software
Plattform: Sega Saturn
Preis (gebraucht): 60 bis 100 Euro. Das Spiel ist selten, aber (noch) nicht sehr gefragt.

Die Review-Version wurde selbst gekauft. Sämtliche Screenshots stammen von www.last-boss.com.

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Ich bin Martin und habe schon alles gezockt was Knöpfe hat. Ich unterstütze Thomas mit Reviews und Berichten aus den tiefsten Nischen, die unser Daddelhobby zu bieten hat.
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