Boobsie auf der Gamescom 2019

© Martin Nagel

Um Sechs geht der Zug, also gut dass der Schrankkoffer mit Kleidung für die Woche schon gepackt ist. Im Stehen noch schnell ’ne Steinofenpizza fressen, dann geht es los – MESSEMODUS!!! Kaum Schlaf, dafür fünf Tage lang Infos aufsaugen wie ein Schwamm. Hach, mein Hirn freut sich.

Dieses Jahr war ich sogar stolzer Besitzer eines Pressetickets. Die Presse-Akkreditierung und die anschließende Jagt nach Presseterminen war ein Abenteuer für sich. Wer ein Presseticket ergattert hat, der kommt auf eine vom Verband game geführte Mailingliste. Nun heißt es warten. Publisher und Aussteller haben nun die Möglichkeit, Einladungen auf den Stand auszusprechen. Wer keine Einladung hat, der bekommt auch nichts zu sehen. Logisch dass die Publisher hier auch etwas Vorauswahl betreiben. Ebenfalls logisch, dass eine vergleichsweise kleine Website wie Boobsie nicht auf die coolsten Parties darf.

Schon in der Bahn treffen wir auf wunderschöne Cosplayer. Melde dich wenn du verlinkt werden möchtest!

Indiefreundliche Publisher wie NIS America, Devolver Digital und Marvelous Games hatten aber doch ein Herz für die Kleinen, und so füllte sich der Terminkalender zusehends. Nächstes Abenteuer: An die Stände gelangen. Der Dienstag ist traditionell Pressetag. Es ist nur ein Eingang geöffnet. Jedoch hatte die Gamescom so dermaßen viele Wildcards, Family & Friends- und Wasauchimmer-Tickets ausgegeben, dass sich vor dem Eingang bereits eine beachtliche Menschentraube aus Journalisten, Familienvätern und Fortnite-Kindern bildete.

Overwatch und Lego? Well, why not!

Endlich durchgekämpft, erster Pressetermin. Michael (danke für den Schlafplatz und die nächtlichen Dragon Ball-Schlachten!) und ich dürfen uns bei Sega eine von Entwicklern moderierte Präsentation des neuen PC-Strategiespiels Humankind anschauen. Hier wird rundenweise auf Hexfeldern (Endlich wieder Hexfelder!) die Menschheit durch sechs Entwicklungsstufen geführt. Das erinnert auf den ersten Blick an das hervorragende Civilization Revolution, hat aber etwas mehr Tiefe und einen netten Twist. Bei jeder Entwicklungsstufe kann das Volk gewechselt werden. So kannst du in der selben Spielrunde erstmals Aboriginal, dann als Ming-Chinese und schließlich als Deutscher zu Kaiser Wilhelms Zeiten spielen. Entsprechend mischen sich auch Einheiten und Gebäude. Historisch korrekt ist das nicht, bietet aber viele Möglichkeiten und entsprechende Spieltiefe.

Exotischer wird’s nicht: In der Merch-Halle gab es echte japanische Gunplas zu kaufen.

Bei NIS America durfte ich Destiny Connect: Tick Tock Travelers anspielen. Ein herrlich oldschooliges JRPG mit einer wunderbaren Usability. Zwischensequenzen lassen sich abbrechen, NPCs leuchten wenn sie etwas zu sagen haben, und das Kampfsystem ist flott und schnörkellos.

Marvelous war im englischen Pavillon untergebracht, was für Eiscreme und blaue Zuckerwatte sorgte. Hier gab es eine Anspielsession zu Sakuna: Of Rice and Ruin. Das Spiel ist eine Mischung aus 2D-Plattformaction und Harvest Moon. Zwischen den Action-Levels darf die Titelheldin Sakuna Reis anbauen um ihre Statuswerte zu steigern. Die Plattform-Level spielen sich dank gutem Leveldesign und Enterhaken-Mechanik dann sehr dynamisch.

Beim anschließenden Match in Granblue Fantasy Versus putzt Micha mit mir den Boden. Bis auf fehlende Air Dashes gibt es hier Arc Sysems wie immer, allerdings in etwas zugänglicher und grafisch wunderschön.

Skurrile Indies gehören wie selbstverständlich zur Gamescom. Das Panda-Fußball gefiel mir tatsächlich deutlich besser als Fifa.

Death Stranding durfte ich als – wie erwartet seltsame – Videopräsentation bewundern. Hier wurde sehr auf die Flaschenbabys und ihre im Koma liegenden Mütter eingegangen, und das zwischen den beiden wohl noch irgendeine Form geistiger Verbindung besteht. Manchmal schreit das Baby, und muss durch ein Controller-Minispiel in den Schlaf gewiegt werden. Und: Norman Reedus kann pinkeln. Wenn er richtig Druck auf der Blase hat, dann presst er einen bis zu vier Meter langen Strahl raus. All das schreit förmlich nach bewusster Provokation, Zumindest beim Toilettengang vermute ich aber auch ein Spielelement. Es gibt unsichtbare Feinde, die wohl Fußabdrücke hinterlassen wenn sie durch den See aus Lulu laufen. Spielerisch erwarte ich eine Mischung aus Assassins Creed und Zelda Breaht of the Wild. Das untergegangene Amerika muss wohl zurückerobert werden, indem über das ganze Land verteilte Basen eingenommen werden. Um hohe Klippen zu erklimmen hat Reedus eine Fortnite-artige Klappleiter dabei.

WEHE es gibt dieses T-Shirt nicht zu kaufen!

Mein persönliches Messehighlight war das Panzer Dragoon-Remake auf Switch. Hier gab es ganze zwei (!) Anspielstationen und trotzdem keinerlei Wartezeit. Das Spiel läuft flüssig und ist gut spielbar, hat nur leider nicht den Charme des Originals. Das grafische Highlight der ersten Stage, die wegbrechende Decke, wird überhaupt nicht inszeniert und quasi im Vorbeigehen abgehandelt. Das fast haptische Feedback des Lockon-Mechanismus fehlt völlig, was zu einem seltsam unpersönlichen Spielerlebnis führt. Die Entwickler sind aber sehr offen für Feedback, und ich werde dranbleiben.

In diesen Stand wäre ich fast eingezogen.

Ein weiteres Highlight war Cyber Shadow von Yacht Club Games. Die Shovel Knight-Macher hatten eine 2 Level-Demo ihres Ninja-Plattformers im Gepäck, und mir gelang es tatsächlich die leichtere der beiden Stages durchzuspielen. Und Gott was bin ich gehypt! Knackscharfe NES-Pixelgrafik, zahllose Referenzen an Ninja Gaiden, Contra und Co., strikte Zweiknopfsteuerung, ein kompaktes Leveldesign und genau die richtige Balance aus Sprunghöhe und Angriffsreichweite- hier kommt etwas Großes auf uns zu! Zu einer physischen Version konnten die Jungs leider noch keine Auskunft geben, auch wenn sie sie selber gerne sehen würden.

S-Rank in der Contra Rogue Corps-Demo. Cooldown bei der Hauptwaffe, mehr gibt es zu dem Spiel nicht zu sagen.

Die Gamescom unterhält ein Matchmaking-Tool für Geschäftskontakte. Das System ist sperrig und wenig benutzerfreundlich, sodass es kaum genutzt wurde. Trotzdem erreichte mich darüber eine Nachricht. Kemono Games, ein winziger Indie aus Chile, wollte mir sein Spiel ProtoCorgi vorstellen. Da die Firma zu klein für einen eigenen Stand ist, musste ein Platz im Chile-Pavillon gefunden werden, was zu einigen Terminverschiebungen führte. Das Spiel ließ mir aber vor Staunen die Augen überquellen! Ein Cute ‚em Up mit wunderschöner Pixelgrafik, starkem Leveldesign und tollem Gameplay, das vor Liebe nur so triefte. Hier werde ich wohl bei Zeiten ein eigenes Preview machen.

Yuna von Midori Cosplay (https://www.instagram.com/midoricosplay/?hl=de) treffe ich in der Warteschlange zum Mega Drive Mini. Der Gerät wird zu Nebensache.

Die Retrohalle dient wie immer der Entspannung. Hier sind bei weitem nicht so viele, dafür aber umso interessantere Menschen anzutreffen. Leider waren die Ausstellungen dieses Jahr nicht ganz so spannend. Eine ganze Wand wurde Ländervarianten von N64-Controllern gewidmet – nun, die sehen alle gleich aus. Dafür decke ich mich mit extrem nerdigem Lesestoff ein, etwa den Memoiren von Commodore-Urgestein David John Pleasance. Christian von Retroplace.com veranstaltet Quizrunden und verlost Dreamcast-Konsolen und Gameboys in OVP. Leider gewinne ich nix, werde mir sein „Discogs für Videospiele“ aber demnächst näher ansehen. Eine Enttäuschung sind leider die Automaten von Arcade1Up. Zwar wird solide emuliert und sogar 1944 The Loopmaster ist am Start, jedoch kommt bei den verbauten Teilen kein Arcade-Gefühl auf. Die Sticks sind weich und schwammig wie Anaogsticks, und die Balltops knautschen sich bei Druck wie diese kleinen gelben Dinger in den Überraschunseiern. Die Tasten haben gefühlt einen Zentimeter Weg. Bei bis zu 600 € pro Cab verzichte ich lieber.

Die üblichen Verdächtigen in der Retro-Ausstellung.

Natürlich musste ich mich nach der Pressearbeit in den alltäglichen Wahnsinn aus Menschen, Cosplayern, Menschen, Trailern, Menschen, stundenlangen Warteschlangen und Menschen stürzen. Ernsthaft: Ich frage mich jedes Jahr wann die Stimmung auf der Gamescom endlich kippt. Sicherlich, die Kölnmesse ist ein Wirtschaftsunternehmen und macht in der Gamescom-Woche den Großteil seines Jahresumsatzes. Tickets werden jedes Jahr teurer, und trotzdem explodieren die Besucherzahlen. Aber wie lange wird der Durchschnittsgamer diesen Stress noch mitmachen? Sechs Stunden in der Schlange stehen um einen Trailer zu sehen den es morgen auf Youtube gibt? Für eine Spielsession Schlange stehen, wenn das Objekt der Begierde in zwei Monaten sowieso erscheint? Immer anonymer, immer eingezwängter durch schleusenartige Gänge getrieben werden, gepresst durch Absperrbänder und ein Heer barscher Ordner? Und was macht eigentlich die Bundeswehr auf der Gamescom? Trotzdem, ich werden wohl auch im nächsten Jahr wieder den Koffer packen und mir eine Pizza im Gehen reinschieben.

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